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Unfertig

Mode mit Charakter: Der Schweizer Luca Xavier Tanner beweist, dass es manchmal das Beste ist, wenn man im richtigen Moment einfach aufhört.

Schon mal den Namen Charles James gehört? Er war einer der ersten und wichtigsten amerikanischen Couturiers und schuf Kleider, so perfekt, dass seine weiblichen Bewunderer bis zu drei Jahre Wartezeit gerne in Kauf nahmen. Präzision und exaktes Handwerk waren für ihn nicht nur ein Muss, sondern ein unumgänglicher Zwang. Und das bei allen Arbeitsschritten, von der Idee bis hin zur ersten Anprobe. Ob nun großer Couturier einer vergangenen Zeit oder Maßschneiderei von heute – die ersten Schritte bis zum fertigen Kleidungsstück funktionier(t)en überall gleich: entwerfen, skizzieren, Schnitte anfertigen, Stoffe zuschneiden, drapieren oder die verschiedenen Schnittteile (bei James waren es bis zu 30) wie ein dreidimensionales Puzzle zusammen heften, bis ein Prototyp des Modelles entsteht. Ein junger Modeschöpfer, der dieses Jahr erst an der Academy of Art and Design in Basel diplomierte, lässt es damit jedoch genug sein. Luca Xavier Tanners Kleidungsstücke kommen nicht über den Status dieses ersten Entwurfs hinaus und haben dadurch eine ganz eigene, wunderschöne Ästhetik. „Prototype & Composition“ betitelte Tanner seine Abschlusskollektion, die aus sehr skulpturalen Looks und vielfältigen Stoffen besteht. Sichtbare Heftstiche, Einschnitte und Stoffschichten, die scheinbar nur durch ein Stück Schnur zusammengehalten werden. Sogar ein paar Fingerabdrücke hat der Designer auf seinen Werken hinterlassen. Man darf und soll die Spuren des Handwerks erkennen, die sonst im Fertigungsprozess so penibel versteckt werden. „Ich entwickle meine Modelle nicht anhand von Skizzen oder Collagen, ich erarbeite sie anhand der Prototypen. Es ist mir dabei gar nicht wichtig, dass sie zum Schluss komplett fertig sind.“ Bemerkenswerte Worte für einen Künstler, der aus der Schweiz stammt, dem Mutterland der präzisen Uhrmacherkunst, in dem Genauigkeit als Tugend gilt. Aber gerade dieser Widerspruch macht die Kleidungsstücke des frischgebackenen Designers so interessant. Um auf Charles James zurückzukommen: Der ist eine von Tanners größten Inspirationen, zusammen mit Alexander McQueen, Azedine Alaïa und Haider Ackermann. Bei letzterem hat der junge Schweizer sogar ein Praktikum in Antwerpen absolviert. Was er davon mitgenommen hat? Die Liebe zu klaren Linien und den Mut zu konzeptionellem Design. Alles Weitere wird die Zukunft bringen, wir sind gespannt!


Tags:

  • Fotos: Luca Xavier
  • Issue: 35
  • Keywords: Fashion