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Verhandlungssache

Text: Jörg Schiffauer Fotos: Tobis

Kein Drehbuchautor hätte sich diese Geschichte ausdenken können. Am 10. Juli 1973 wurde der sechzehnjährige John Paul Getty III, der schon seit seiner Kindheit in Italien gelebt hatte, mitten in Rom von Mitgliedern der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta entführt. Der junge Mann war ein Enkel des US-amerikanischen Unternehmers J. Paul Getty, der in der Erdölindustrie ein Milliardenvermögen gemacht hatte und als einer der reichsten Männer der Welt galt. Die Kidnapper forderten zunächst knapp 17 Millionen Dollar Lösegeld. John Pauls Vater, der Sohn J. Paul Gettys, wandte sich an das Familienoberhaupt, doch der als notorisch sparsam bekannte Milliardär wollte die für ihn überschaubare Summe nicht zur Verfügung stellen. Seine knappe Begründung: Damit würde sich für seine 14 anderen Enkelkinder das Risiko erhöhen, Nachahmungstätern in die Hände zu fallen. Die Entführer verlieh ihren Forderungen auf drastische Weise Nachdruck, indem sie John Paul Getty ein Ohr abschnitten, das an eine Zeitung geschickt wurde. Beigefügt war die Drohung, ihr Opfer weiter zu verstümmeln, wenn die Familie sich weiterhin weigern würde, das Lösegeld zu bezahlen. Als die Gangster schließlich ihre Forderungen auf knapp drei Millionen reduzierten, erklärte sich J. Paul Getty bereit, zu bezahlen – allerdings nur etwas mehr als zwei Millionen, nämlich genau jenen Betrag, der steuerlich absetzbar war. Den Rest stellte er John Pauls Eltern als Darlehen gegen Zinsen zur Verfügung. Als der junge Mann freigekommen und in Sicherheit war, rief er seinen Großvater an, um sich für die Zahlung des Lösegelds zu bedanken, doch der weigerte sich, ans Telefon zu kommen.   

Ein Stoff, dem also mehr als genug dramatisches Potenzial innewohnt. Ridley Scott, der am 30. November übrigens achtzig Jahre alt geworden ist, hat sich der Geschichte, die fast wie eine griechische Tragödie erscheint, angenommen und mit All the Money in the World seine filmische Adaption der Geschehnisse in Szene gesetzt. Im Mittelpunkt steht dabei die von Michelle Williams gespielte Mutter von John Paul, Gail, die nichts unversucht lässt, um ihren Schwiegervater zu überzeugen, das Lösegeld zur Verfügung zu stellen. Als sich dies jedoch in die Länge zieht, engagiert sie einen ehemaligen Mitarbeiter der CIA, um ihren Sohn zu retten. Für die Rolle des unerbittlichen Patriarchen J. Paul Getty konnte Ridley Scott Kevin Spacey gewinnen und einem weiteren großen Erfolgsfilm in der Karriere Scotts schien also nichts im Weg zu stehen. Als jedoch die mittlerweile bekannten Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen Spacey erhoben wurden und die Diskussionen darüber den Filmstart komplett zu überlagern drohten, entschloss sich Scott zu einem drastischen Schritt. Alle Szenen mit Spacey wurden herausgeschnitten und noch einmal gedreht. Christopher Plummer sprang kurzfristig ein und übernahm die Rolle von J. Paul Getty.

Alles Geld der Welt / All the Money in the World
Drama/Krimi, USA/Großbritannien 2017 Regie Ridley Scott
Drehbuch David Scarpa Kamera Dariusz Wolski Musik Daniel Pemberton
Mit Michelle Williams, Christopher Plummer, Mark Wahlberg, Charlie Plummer
Kinostart 16. Februar 2018

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