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Savages © Matador Records

Weise Wilde

„Adore Life“ ist das neue Motto der Savages, zumindest in Ansätzen.

Albumpräsentationen haben etwas Besonderes zu sein, schon um die Einzigartigkeit des Moments, der Band und natürlich des neuen Produkts zu beweisen. Alles wurde schon probiert: Journalisten wurden eingeflogen oder zumindest herangekarrt, riesige Banner wurden eingeweiht, spezielle Editionen des Albums verteilt oder ein paar Auserwählte in winzige Klubs eingeladen. Die Savages fanden aber tatsächlich einen neuen Kniff: Die Europapräsentation fand im legendären 100 Club auf der Londoner Oxford Street statt. Diese Idee hatten schon Legionen von Bands, doch das Besondere war im Fall der Savages die Beginnzeit: Pünktlich um acht Uhr morgens betraten sie die Bühne und bewiesen allen Frühaufstehern, die teilweise lange in der Schlange gestanden waren, dass sie auch um diese Uhrzeit nichts von ihrer bekannten Intensität verloren haben. Die Zuschauer erlebten keinen Rave vor dem Frühstück, sondern einen puren Energieschub eines guten Punkgigs ohne Alkohol. Und das, obwohl den Savages immer das Taferl mit Aufschrift „Post-Punk“ umgehängt wird.
Missverständnisse begleiten die Bandgeschichte wie Fliegen die Kuhherde. Seit der Gründung müssen sich die Vier gegen das Gerücht wehren, dass sie keine echte Band seien, sondern so etwas wie eine gecastete Indie-Super Girlgroup sind. Woher diese Wind weht, bleibt unbeantwortet, sicher ist, dass die Neidgenossenschaft auch diesen Berufszweig fest im Griff hat.
Die Frage des „richtigen“ Erfolgs beschäftigt Sängerin Jehnny Beth aber seit ihrer Kindheit: „Ich hatte immer Angst ein Verlierer zu werden, weil ich es bei den Erwachsenen gesehen habe. Viele junge Künstler, die ich gesehen habe, wurden mit einer falschen Idee von Erfolg konfrontiert und am Ende gingen sie künstlerische Kompromisse ein. Ich denke, junge Menschen haben die Pflicht zu sagen, was falsch läuft und etwas Neues vorzuschlagen, und das klar, laut und ungefiltert. Wenn du das nicht ernst nimmst und dich verwässern lässt, auch wenn es kurzfristig erfolgreich ist, dann hast du deine Stimme verloren.“
Das zweite Album „Adore Life“ ist soeben erschienen und der Mangel an Kompromissen macht sich hier bezahlt. Auch wenn der Weltschmerz der Gründerjahre noch nachhallt, so sind die Savages soweit gereift, dass sie das Licht am Ende des Tunnels zumindest für möglich halten und die ausweglose Düsternis sich aufhellt. Unglaubliche Stärken entwickeln sie, wenn sie auf ihrem Weg in Richtung Patti Smith abbiegen und Hymnen wie „This is what you get“ (T.I.W.Y.G) anstimmen, die der Langeweile und der Selbstgefälligkeit des Musikschaffens so richtig in den Hintern treten. Und in diesen Momenten kann man erahnen, warum Musik einst der einzige Halt für heranwachsende Herzen war. Die Savages haben ihren Weg gefunden, mit sich und ihren Talenten umzugehen und Jehnny Beth hat auch hier den richtigen Satz parat: „We don’t take ourselves seriously, we take our music seriously.“

Savages: Adore Life (Matador/Beggars/Indigo)
Live: 10. März, 2016 Berghain, Berlin; 11. März, 2016 Strom, München;
15. März, Dynamo, Zürich

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