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Welt- und Zeitreisen

Flake ist nicht nur der Heimatort von Wickie, sondern auch der Bühnenname des Keyboarders von Rammstein, Christian Lorenz. Er setzt der Brachialkomik des Frontmanns Till Lindemann die feinen, unscheinbaren Brechungen entgegen. Das Baden in der Menge im Kinderschlauchboot oder das eingeschaltete Laufband während der Auftritte sind nur ein paar Beispiele der Hochkomik, für die Flake steht. In seinem ersten Erinnerungsband mit dem denkwürdigen Titel „Der Tastenficker“ erzählte er von seiner Jugend in der DDR. Auf keiner Seite kam so etwas wie Jammer durch, sondern fast schon Liebe zu den Absurditäten des Alltags. Zu allem Überdruss suchte man auch das Wort Rammstein auf allen 392 Seiten vergebens. In „Heute hat die Welt Geburtstag“ widmet er sich mit demselben Blick dem absurden Alltag eines Rockstars. Sein unschuldiger, manchmal naiver, aber immer ehrlicher Blickwinkel zieht sich durch das ganze Buch. Wenn er eine Fahrt im Shuttlebus zur Halle beschreibt, in der Rammstein auftreten, kommt Flake zur folgenden Erkenntnis: „Die Hallen, in denen wir spielen, liegen meistens außerhalb der Stadt, schon damit die Fans, egal ob nun unsere oder die einer Fußballmannschaft, nicht das Stadtbild versauen.“ Fern von all den Eitelkeiten gewöhnlicher Autobiografien verhandelt hier einer am Schnittpunkt zwischen Wahrheit und Satire seine Erlebnisse und schafft so einen literarischen Glücksfall.

Helge Timmerberg ist zwar ein ganz guter Gitarrist, seine große Stärke sind aber seine Menschenportäts und seine Reiseerzählungen. Wenn es ein deutsches Äquivalent zum Begriff „travel writing“ gäbe, dann wäre Timmerberg der Doyen der deutschsprachigen Reiseschriftstellervereinigung. Auf Titel pfeift der Rastlose, der auch zeitweilig in Wien gewohnt hat, natürlich, und der Begriff Reise hat bei Timmerberg nicht immer nur etwas mit Langstreckenflügen zu tun. In seiner neuen Sammlung „Die Straßen der Lebenden: Storys von Unterwegs“ finden sich Geschichten aus Neukölln oder Ostwestfalen bis Fukushima. In jeder wird dabei klar, dass es im Leben um den Genuss geht. Timmerberg macht das in einer Sprache, die den weisen älteren Gentleman zwar manchmal erahnen lässt, aber vor allem das sprachverliebte, genau hinschauende Kind in sich nie verleugnet. Dies macht auch die neuen Storys mehr als lesenswert.

Seit Wolfgang Kos als Direktor des Wien-Museums in Pension gegangen ist, ist seine Schaffenskraft kaum zu bändigen. Als Kurator mit allen Vollmachten veredelte er im Sommer mit dem Popmuseum den Bildungssender Ö1 und mit „99 Songs“ reist Kos mit Liedern, die exemplarisch für einen bestimmten Moment stehen, durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Diese beginnt überraschend mit Franz Lehars „Ich bin eine anständige Frau“ und führt über Klassiker der Moderne wie Billie Holidays „Strange Fruit“ oder David Bowies „Heroes“ bis hin zu „Birima“ von Youssou N’Dour. Kos ist zu schlau, nur die Perspektive des Popjüngers einzunehmen (obwohl natürlich auch „Dancing Queen“ einen Platz bekommt), aber sein Blick gilt der Welt und den Liedern, die Veränderungen zumindest begleitet haben. Kos’ Texte dazu sind ein schon fast idealtypischer Geschichtsunterricht, der jeden Leser gescheiter zurücklässt.

Flake
Heute hat die Welt Geburtstag
Frankfurt, S. Fischer Verlag
EUR 20,-

Helge Timmerberg
Die Straßen der Lebenden: Storys von unterwegs
München, Malik Verlag
EUR 20,-

Wolfgang Kos
99 Songs
Wien-München, Brandstätter Verlag
EUR 39,90

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