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Mike Svoboda © Jens Klett

Wien Modern 29

Dass Wien Modern im Jahr 1988 ins Leben gerufen wurde, passt zur diesjährigen Zahl der Veranstaltungen: Nicht weniger als 88 sind es. Bernhard Günther, der neue künstlerische Leiter des Festivals (er übernimmt von Matthias Lošek), lässt in seinem ersten Jahr wahrlich nichts anbrennen. Zum Vergleich: 2015 standen gerade einmal 50 Veranstaltungen auf dem Plan. Auch die Veranstaltungsorte geben sich so vielfältig und eklektisch wie nie – unter den 21 über die ganze Stadt verteilten Örtlichkeiten befinden sich die Brotfabrik, der Dschungel Wien oder der Stephansdom. Aufspielen werden insgesamt 24 Orchester und Chöre, darunter das ORF Radio-Symphonieorchester, das Ensemble Kontrapunkte oder das Klangforum Wien.

Der musikalische Schwerpunkt liegt 2016 allerdings beim Streichquartett: Sämtliche Quartette von Arnold Schönberg, Dmitri Schostakowitsch und Harrison Birtwistle werden zur Aufführung gebracht. Insgesamt wird es 55 Ur- und Erstaufführungen zu hören geben, darunter auch Georg Friedrich Haas’ 9. Streichquartett, das vom New Yorker Jack Quartet im Dunkeln gespielt werden wird. Von der Musik ablenkende visuelle Reize werden dadurch minimiert, die Phantasie des Zuhörers vermag sich im Idealfall voll zu entfalten. Besonders gespannt erwartet wird in Fachkreisen eine weitere Haas-Komposition: Die musikalische Adaption von Mira Lobes Kinderbuchklassiker „das kleine ICH BIN ICH“. Nicht zuletzt an diesem Werk, das Kinder ebenso interessieren dürfte wie Erwachsene, die mit dem Buch aufgewachsen sind, wird der generationenübergreifende Anspruch des Festivals manifest.

Das Festivalthema „Die letzten Fragen“ ist für Günther, der ebenfalls das Festival ZeitRäume Basel leitet, „ein ewiges Thema der Musik. Der Umgang mit Sinnsuche, Abschied, Tod und Finsternis in der Musik hat angesichts der täglichen Nachrichten von Krieg, Konflikten und Katastrophen etwas durchaus Tröstliches: Das Leben ist halt nicht immer lustig – diese schlichte Weisheit gehörte schon bei Mozart zum Basiswissen der ernsten Musik.“ Das Programm gibt sich mit Werken von etwa Gustav Mahler, Eva Reiter oder Friedrich Cerha betont wienerisch, ein Spielort wie der Zentralfriedhof passt mit seinem morbiden Charme zu jenem im Volksmund beliebten Spruch, wonach der Tod ein Wiener sein müsse. Stimmungslagen wie Melancholie und Zorn finden sich im Musikprogramm ebenso wieder wie ironische Akzente und Humor.

Ein Ehrenkonzert unter Emilio Pomarico ist dem Festivalmitbegründer Claudio Abbado am 13. November im Musikverein gewidmet. Abbado (1933–2014) hatte sich zeitlebens dafür eingesetzt, dem Publikum die Angst vor moderner, vermeintlich „schwieriger“ Musik zu nehmen. Wien Modern scheint diesem Anspruch mehr denn je gerecht zu werden.


Wien Modern 29
30. Oktober bis 30. November 2016
www.wienmodern.at

Tags:

  • Fotos: Wien Modern
  • Issue: 39
  • Keywords: Music