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Wiener Gemütlichkeit

Text: Lena Style Fotos: Press

Designer Thomas Poganitsch bewahrt ein österreichisches Kulturgut vor dem Aussterben, das in keinem Alt-Wiener Kaffeehaus fehlen darf.

„Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“ So philosophierte einst der Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Roman „Die Welt von gestern“ über die Kaffeehauskultur der Landeshauptstadt, die seit 2011 sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO zählt. Hier diskutierte man im Kreise anderer großer Literaten, hier erfuhr man das neueste Geschehen. Beim Spaziergang durch die gepflasterten Straßen, begleitet vom Geklacker der Fiaker-Pferde, zieht es jeden irgendwann einmal in eines der vielen Traditionskaffeehäuser. Welcher Wiener oder Wien-Fan kennt es nicht, dieses ganz bestimmte Flair, das zwischen den altehrwürdigen Altbaumauern herrscht. Der Duft von Kaffee, das Klirren des Geschirrs, der Geruch frischer Mehlspeisen, die speckig-abgewetzten Stellen des Bankbezugs aus Samt und nicht zu vergessen, der obligatorisch grantelnde Herr Ober. Einer dieser stummen Zeitzeugen fristet sein Dasein schon immer fast unscheinbar in diesem Szenario, gehört aber genauso dazu wie Melange und Millirahmstrudel: der Zeitungshalter. Kaum etwas ist so stark mit der Kaffeehauskultur verbunden wie die Halte-stange aus gebogenem Holz, mit der man vor allem großformatige Zeitungen und Zeitschriften elegant durchblättern kann. Doch wie so vieles droht auch diese alte Technik in Vergessenheit zu geraten. Ein österreichischer Designer will genau das verhindern.
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Renaissance eines Klassikers

Eines muss man gleich vorweg klären: Das eine Standardmodell gibt es nicht. Unterschiedliche Varianten spiegeln den jeweiligen Charakter ihrer Zeit in Form, Ästhetik und Material wider. Für den Berliner Zeitungshalter beispielsweise findet man heute im deutschsprachigen Raum nur noch zwei alte „Meister“, die das Handwerk beherrschen. Der Prager Zeitungshalter wird noch vereinzelt hergestellt. Der Original Wiener Zeitungshalter allerdings stand bereits kurz vor dem Aussterben. Bis vor einigen Jahren belieferte noch ein alter Korbflechter aus dem Umkreis Wiens die Kaffeehäuser, Stammkunden und private Liebhaber mit seinen Zeitungshaltern. Das Familienunternehmen fertigte und lieferte die Halter seit 1867. Im Alter von 90 Jahren sah sich der Besitzer allerdings gezwungen, den Betrieb einzustellen. Auftritt Poganitsch. Der Designer hat einen Teil dieser Werkzeuge und Maschinen übernommen und trägt fortan dafür Sorge, dass die Produkte in der gleichen Qualität und Authentizität weiter produziert werden. Und natürlich, dass ein Stück Wiener Geschichte lebendig und den Menschen zugänglich bleibt. Die Nachfrage kann sich sehen lassen, und das nicht nur im Retailbereich für Kaffeehäuser. Sondern auch von Kunden, die sich ein Stück Wiener Kultur mit in die eigenen Vier Wände holen möchten. Auf internationalen Fachmessen wie der Maison et Objet in Paris waren Poganitschs Bugholzgestelle bereits ein Renner, auch bei Kunden aus der Schweiz, Belgien und Japan. Mittlerweile, so erzählt er, wird sogar an Kunden in die USA verschifft. Der große Erfolg lässt sich vielleicht auch durch den Liebhaberwert erklären. Beim Kauf geht es den Designfans nämlich um viel mehr als nur um Zweckmäßigkeit beim Lesen großer Blätter. Es ist das Stück Geschichte, die damit in den eigenen Händen wieder neue Bedeutung bekommt. Die Zeitungshalter erinnern an eine fast vergessene Zeit und an eine handwerkliche Tradition, die man heute kaum noch findet. Bestes Beispiel dafür sind die horrenden Preise für originale Vintage-Modelle der Firma Thonet, die gerade gefragter sind als je zuvor. Ende des 19. Jahrhunderts erfand der Deutsche Michael Thonet jene Technik, Holz mithilfe von Dampf und Druck in Form zu biegen und legte damit gleichzeitig den Grundstein für die industrielle Fertigung. Der typische Bugholzsessel mit der Nummer 214, heute längst ein Designklassiker, prägte seit damals ebenfalls das typische Bild eines Wiener Kaffeehauses.
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Zurück in der Jetztzeit

In Wien-Leopoldstadt stellt der in Kärnten geborene Wahlwiener seine Produkte in Handarbeit her und werkelt unermüdlich an seinem Herzensprojekt. Wie er selbst sagt, sind seine Zeitungshalter nicht nur ein Stück Nostalgie im Alltag – sie passen auch perfekt in unsere dauergestresste Zeit. Denn nicht nur Traditionen zu wahren ist das Ziel des Designers, sondern auch ein bisschen mehr Verlangsamung. Sich daheim hinzusetzen beispielsweise, und die gute alte Zeitung aus Papier zu lesen, anstatt ununterbrochen auf Smartphone oder Tablet aktiv zu sein. Eben ein Stück Wiener Gemütlichkeit im eigenen Zuhause.

www.wienerzeitungshalter.at

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