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Zeichnen und Denken

Wenig überraschend kommt es in unserer radikal dynamisierten und digital überformten Gegenwart zu einer Besinnung auf traditionelle Instrumente, historische Medienpraxen und damit verbundene Ausdrucksformen. Nicht jede dieser rückgewandten (und eben nicht notwendigerweise: rückwärtsgewandten) Aktualisierungen muss auch zwangsläufig Teil einer nostalgischen oder gar konservativen Retromanie sein. Vielmehr lässt sich hier eine aktive Hinwendung auf Fertigkeiten und Zugriffe nachweisen, die als Angebote von Reflexion und Neubewertung – und eben auch über das Spektrum von Kunst und Kultur hinaus – sinnvoll wirksam sein können. Das Zeichnen, sowohl als Prozess als auch als Ergebnis, ist dahingehend immer mehr in den Mittelpunkt laufender Diskussionen gerückt. Aus der Vielzahl der nennenswerten Publikationen zum Themenkreis sollen hier drei besondere Buchtipps stellvertretend stehen: Dass die Vermittlung zeichnerischer Fähigkeit mittels Lehrbüchern und Unterricht in ihrer historischen Tiefendimension durchaus unterschiedlichen Zielsetzungen untergeordnet war, verdeutlicht die lohnende Lektüre der inhaltlich wie formal gelungenen Überblicksdarstellung „Lernt Zeichnen!“. Einleitende Betrachtungen verdeutlichen nicht nur die zentrale Bedeutung des Zeichnens für Unterricht, Berufsleben oder privates Vergnügen im Berichtszeitraum zwischen Früher Neuzeit und klassischer Moderne; vielmehr werden in den Essays auch Darstellungskonventionen, Hilfsmittel oder die körperliche Konditionierung der Zeichnenden verhandelt. Der reich bebilderte Quellenteil, der nicht nur für Kunsthistoriker und -freunde eine wahre Fundgrube darstellt, gewinnt dadurch noch zusätzlich. Die vorgestellten historischen Beispiele machen deutlich, wie sich die räumliche Komponente des zeichnerischen Akts stets mit der zeitlichen Dimension zu einer Form chronotopischer Ordnung verdichtet, die nach dem sich unaufhörlich verschiebenden, stets umkämpften Jetzt fragen lässt. Der indirekt an diesen Gedanken anknüpfende Ausstellungskatalog „Drawing Now“ zeigt anhand von mehr als dreißig aktuellen Positionen nicht nur die unleugbare Gegenwart, sondern auch die überraschende Vielfalt der Zeichnung als künstlerischem Ausdruck. Als Bestandsaufnahme des letzten Jahrzehnts wird klar, wie sehr sich Zeichnung – nun ein mitunter strapazierter Begriff der Bündelung – nicht nur als eigenständige Form etabliert, sondern auch unter Einrechnung neuer medialer Möglichkeiten weiterentwickelt hat. Das Überschreiten der eigenen, historisch definierten Charakteristika erweist sich auch in Hinblick auf die Künstlerische Forschung – um einen weiteren belasteten Term zu verwenden – als sinnvoll. Die Auseinandersetzung der international renommierten Künstlerin und Universitätsprofessorin für Zeichnen Andrea Büttner mit Immanuel Kants „Kritik der Urteilskraft“ ist ein sprechender Beweis dafür. In der reflektierten Anreicherung des philosophischen Klassikers mit einer Vielzahl von historischen und aktuellen Bildern eröffnet Büttner nicht nur einen Einblick in Kants visuelles Universum – sie verleiht dem als schwierig eingestuften Bezugstext eben durch ihre kluge, anregende Auswahl eine neue Form von Lesbarkeit und Unmittelbarkeit.

 

Maria Heilmann u.a. (Hg.)
Lernt Zeichnen! Techniken zwischen Kunst und Wissenschaft 1525-1925
Passau: Dietmar Klinger Verlag, EUR 29,90

Klaus Albrecht Schröder/Elsy Lahner (Hg.)
Drawing now
München: Hirmer Verlag, EUR 45,-

Andrea Büttner
Immanuel Kant. Kritik der Urteilskraft
Hamburg: Felix Meiner Verlag, EUR 39,10

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