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Pors & Rao, The Uncle Phone, 2004 - 2006 © J.M.Muñoz

Zurück zum Surrealismus

Text: Roland Schöny Fotos:

Ein Abstecher nach Brünn diesmal. Zur Werkschau des österreichischen Fotografen Rudolf Koppitz (1884–1936) in der Mährischen Galerie, der Moravská galerie v Brneˇ. Durch deren oftmalige Publikation und Verbreitung per Postkarten haben sich einige der Bilder von Koppitz als Ikonen in unser Gedächtnis eingeschrieben. Bekannt etwa ist das Foto-Kunstwerk „Bewegungsstudie‘‘ (1925). Entstanden, nachdem Koppitz in den 1920er Jahren im Genre der künstlerischen Aktfotografie reüssierte, zählte es schon zu Lebzeiten des Avantgardisten zu den bestverkauften Fotografien. Und nicht bloß wegen seiner erotischen Konnotationen fesselt es. Faszinierend und irritierend ist vor allem die Gegenläufigkeit der Bewegungsdynamik in der die abgebildeten Frauenkörper sich befinden. Drei dunkel gewandet und eine nackt. Das Szenario ein wenig geisterhaft.

In seiner künstlerischen Arbeit zunächst vom Jugendstil beeinflusst, berührt Koppitz hier den Surrealismus und dessen Nähe zum Traumhaften und Unwirklichen. Auch Bezüge zu den Fotografien des Pathologen Jean-Martin Charcot von als hysterisch titulierten Frauen, die im späten 19. Jahrhundert entstanden sind, lassen sich herstellen. Modell für die Aufnahme jedoch standen ganz real Darstellerinnen der Tanztheatergruppe von Claudia Issatschenko, die zu diesem Zeitpunkt ein Gastspiel im Wiener Apollo-Theater gegeben hat. Somit wäre auch schon einige der Hintergründe für die ungewöhnlichen und manchmal auch extremen Haltungen in den Körperstudien von Rudolf Koppitz benannt. Zugleich spielten Ideale der Lebensreformbewegungen und des Sports, der als Freizeitverhalten anfänglich stets mit der Fotografie verknüpft war, eine wesentliche Rolle. Und noch ein weiteres biografisches Moment prägte sein Œuvre: seine Erlebnisse während des ersten Weltkriegs, in dem er als Aufklärungsfotograf eingesetzt war. Allerdings beziehen seine Bilder keinen Standpunkt und schon gar nicht arbeiten sie die Schrecken heraus. Viel eher tendieren sie zur Ästhetisierung. In eine ähnliche Richtung weisen Aufnahmen zum Thema der industrialisierten Stadt.

Hier beginnt der problematische Bereich. Denn Körperkult und folkloristische Stimmungen gerieten schließlich in ein distanzloses Verhältnis zur Ideologie des Nationalsozialismus. Von 1936 bis 1944 wurden Fotografien von Rudolf Koppitz auch in der Nationalsozialistischen Heimatkulturzeitschrift „Volk und Welt‘‘ veröffentlicht, wie Elizabeth Cronin in dem im Brandstätter Verlag erschienenem Katlogbuch herausarbeitet. Insofern repräsentiert das fotografische Werk des Rudolf Koppitz die Moderne in ihren widersprüchlichen Dimensionen zwischen Aufbruch, Idealisierung und Zerstörung. Umso interessanter die Auseinandersetzung mit dem Fotografen und in dessen Mischung aus Piktorialismus, Art déco und Heimatkunst. Kritische Distanz selbstverständlich vorausgesetzt.

Es sind in Brünn mehr als 150 Werke aus allen Schaffensphasen von Koppitz zu sehen. Die Initiative für diese Ausstellung ging von dem in Wien ansässigen und erst Ende 2011 eröffneten „Photoinstitut Bonartes‘‘ aus, das einen großen Teil des Nachlasses von Rudolf Koppitz verwaltet. Als private Einrichtung für historische Fotografie von deren Anfängen bis in die 1930er Jahre mit prominenter Adresse in der Seilerstätte und den Investitionen einer deutsch-schweizerischen Familie im Hintergrund ist es unter der Leitung der ehemaligen Albertina-Kuratorin Monika Faber in erster Linie auf Forschung und Vermittlung ausgerichtet, präsentiert aber auch Ausstellungen in den eigenen Räumen.

Doch zurück zum Surrealismus! Und zwar zur konsequenteren Variante. Nicht bloß als Annäherung. Mit „Frühstück im Pelz‘‘, einer in Pelz gekleideten Tasse, wurde die skandalumwitterte Meret Oppenheim (1913–1985) bereits in jungen Jahren zu einer Legende und eine der wichtigsten Figuren dieser Strömung. Wer sich fragt, woher denn Oppenheims eigenwilliger Vorname kommt, dem oder der sei gesagt, dass der Guten bereits in der Phase vor ihrer Geburt überreale Kräfte zugedacht worden sind. Oppenheims Vorname geht nämlich auf das unbezähmbare und mit magischen Hexenkräften ausgestattete Meretlein aus Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich‘‘ (1854/55) zurück. Endlich erwachsen geworden trifft sie über Alberto Giacometti und Hans Arp auf die Surrealisten und schafft ein Werk abseits rigider stilistische Einordnungen. Dementsprechend gelagert sind die Transformationsprozesse zwischen den Geschlechtern, zwischen Mensch und Tier, Natur und Kultur, Traum und Wirklichkeit. Mythen, Spiele und Träume nahm Meret Oppenheim ebenso als Ausgangspunkt wie literarische Vorlagen oder etwa Schriften des Schweizer Psychiaters C. G. Jung.Weil sie sich vehement gegen die gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrollen einsetzte, wurde sie zu einer wesentlichen feministischen Identifikationsfigur. Das Bank Austria Kunstforum Wien präsentiert jetzt anlässlich der 100. Wiederkehr des Geburtstags dieser faszinierenden Künstlerpersönlichkeit die erste posthume Retrospektive in Österreich.

Und wenn Meret Oppenheim darauf beharrte, dass es die Realität gar nicht gebe, dann trifft auf das junge indisch-dänische Künstlerpaar Aparna Rao und Søren Pors – kurz Pors & Rao – (*1974 & *1978) zu, dass sich im Kunstraum zumindest nicht die eine, fixe Realität manifestiert. Erstmals in Österreich stellt der neu eröffnete Kunstraum Hilger NEXT in Wiens neuem Kulturareal Ankerbrotfabrik deren Arbeit vor. Hier sticht gleich einmal die schlanke gelegentlich vor sich hin wackelnde Skulptur DRIFTER, HEAVY HAT (2008) ins Auge: als Strichzeichnung im Raum. Irgendwie dem Design nahe. Eine Figur umgedreht auf dem Kopf, nein, auf der Melone stehend. Schuhe, Handschuhe. Fast wie in einem Disney-Comic, wo ebenfalls alle Handschuhe tragen? Jedenfalls die Welt auf den Kopf gestellt! Nähert man sich dem Ding, beginnt es, zu wackeln. Je näher, um so heftiger. Auf der Melone stehend zu kreisen. Ähnliches passiert, wenn man sich zwei weißen Bildflächen an der Wand annähert: PYGMIES (2006) ist mit kleinen schwarzen mobilen Elementen – an den Rändern angebracht – ausgestattet ist, die plötzlich verschwinden, sobald Publikum kommt. Uuuuh, what happens? Auch ein schwarzer Fleck ein Stück weiter, das Bodenobjekt SUN SHADOW (2009) rückt die Wand aufwärts, um dann wieder runter zu fallen. Über allem dann auch noch TEDDY UNIVERSE (2009), die Disco-Kugelversion eines Weltraum-Gummibären. Bewusst spielen Pors&Rao mit Erinnerungen an popular culture, an Film, an eventuell mittransportierte persönliche Geschichten reaktivieren.

Letztlich geht es um neue Möglichkeiten von Skulptur und Installation im postmedialen Zeitalter. Einerseits zwar Skulptur, aber zugleich eben doch mit Körpersensoren ausgestattete Medienkunst. Es wird das Bild im Kunstraum thematisiert, und kippt eben doch alles in eine andere Ebene. Hoppla! „The objects are responding.“ Hochinteressant, wie sich dieser neue Kunstraum einer immerhin traditionsreichen und starken Galerie Wiens mit extrem breitem Spektrum, die noch dazu gleich im anschließenden Bereich – in der Brotkunsthalle – eine große Christian Ludwig Attersee-Schau bringt, zum Auftakt präsentiert. Spannend kann das werden, wenn hier weiterhin so überraschende Positionen vorgestellt werden!

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  • Issue: 22
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