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Christian Muthspiel © Press

Zwanzig Jahre

Text: Paul Lohberger Fotos: Press

Das Festival Glatt & Verkehrt findet heuer zum 20. Mal statt und bespielt das Zentrum der Wachau mit einem bunten Musikprogramm. Begriffe wie Pop, Jazz und Klassik taugen wenig zur Beschreibung, lediglich hohe Musikalität kann als gemeinsamer Nenner für die Acts aus aller Welt gelten. Theoretisch geht es um den Zusammenhang von Musik und Tradition, in der Praxis aber eigentlich um die Praxis: Volksmusik ist dadurch definiert, dass sie eben nicht akademisch erdacht wird, sondern im Musizieren entsteht und sich im Hier und Heute weiterentwickelt.

Diese Definition gilt weltweit.

Das Schweifen durch die Erinnerungen lässt mich aber gleich wieder zweifeln und Glatt & Verkehrt als Festival der Anti-Definition erscheinen: Die Hendrix-Geigerin Sarah Neufeld hatte 2015 durchaus Pop-Appeal, der äthiopische Altmeister Mulatu Astatke spielte 2011 mit einem großen Ensemble Ethio Jazz, und Bernhard Langs Klanginstallation 2009 mit der Trachtenkapelle Rossatz war natürlich eine hoch-komplexe Komposition. Auch im heurigen Jubiläumsprogramm findet sich eine Auftragskomposition: Am 27. Juli präsentiert Christian Muthspiel seine Lieblingsjodler – bearbeitet für eine Jazzband! Die Teilnehmer der Musikwerkstatt Göttweig werden jeweils den originalen Jodler vorführen. Diese Musikwerkstatt ist ein einwöchiger Workshop, der seit 1998 parallel zum Festival stattfindet. 2009 besuchte ich die Werkstatt im Stift Göttweig als Reporter, um Material zum Thema „Musizieren ohne Noten“ zu sammeln. Gemeinsames Musizieren wird hier in verschiedensten Kursen – Instrumente und Vokalgenres – von Profis und Amateuren geübt. Die letzteren erreichen ungeahnte Niveaus, die anderen finden (zurück?) zu ungeahnter Lockerheit und Spielfreude. Aus diesen Workshops gingen auch Formationen wie Federspiel hervor, die später beim Festival auftraten.

Vielschichtig & kontrastreich

Erstmals war ich 2006 bei Glatt & Verkehrt. In der Weinhalle der Winzer Krems, die mit ihrem Laub und der ländlichen Zweckarchitektur viel malerischer ist, als der Name vermuten lässt (und zudem, no na, von Weinbergen umgeben), sang Natacha Atlas zu einem kleinen Ensemble Salonmusik, die im frühen 20. Jahrhundert in Damaskus geschrieben worden war. Zwischen den Titeln verwies die belgisch-britische Jüdin, die bevorzugt Arabisch singt und sich als Orientalin präsentiert, auf die polyglotte Tradition des Nahen Ostens, den damals gerade der 2. Libanonkrieg erschütterte. Im Klang ihrer Stimme schafft es Natacha Atlas, der gleichzeitigen Realität von Licht und Schatten, Schmerz und Freude Ausdruck zu verleihen. Diese Parallelität der Gegensätze bildet auch Glatt & Verkehrt immer wieder ab, und den Programmierern gelingt es, die Vielfalt zu sinnvollen Tagesprogrammen zu gliedern, ob nun mit einem Streicher-Schwerpunkt, Songwritern aus aller Welt, oder einem Potpourri zeitgenössischer Projekte, die sich von Rock bis Rave auf afrikanischen Pop beziehen.

Am Anfang war die Donau

Tatsächlich stand am Anfang des Festivals Glatt & Verkehrt weniger der Ethno-Boom, der in den 1990ern vor allem die Clubmusik mit frischen Sounds versorgte. Vielmehr war es die gute alte Wachau, speziell die Feier von 1000 Jahren Krems. Zum Jubiläum der Stadt an der Donau konzipierte Jo Aichinger 1995 ein Programm unter dem Motto „Am Fluss der Zeit“: Das „Schifferklavier“, also das Akkordeon war der gemeinsame Nenner, der in verschiedenste musikalische Gefilde verwies, von virtuoser Hüttengaudi bis zur Tango-Melancholie war alles möglich. Der Erfolg war groß, man wollte den Fokus erweitern und weitermachen. Nach einem Jahr Nachdenkpause dirigierte Christian Muthspiel 1997 das Eröffnungskonzert, damals Blasmusik. „Volksmusik war akademisch geschützt, deswegen uninteressant für Junge“, erinnert sich Jo Aichinger, „das wollten wir ändern, nach dem Motto: Die Tradition immer weiterstricken.“ Daher der Name: Glatt & Verkehrt fungierte anfangs als EBU-Festival für Volksmusik, das von den Mitgliederländern dieser Rundfunkunion mit Musikacts beschickt wurde. Bestehende Partnerschaften mit Radio Ö1 (heute mit Moderator & Kurator Albert Hosp als Vermittler), dem Land Niederösterreich und Winzer Krems gehen auf diese Konstruktion zurück.

Best-of zum Jubiläum

Natürlich ruft der künstlerische Leiter Aichinger im Jubiläums-programm etliche Highlights aus 20 Jahren auf. Etwas wehmütig im Fall von Ernest Ranglin & Friends – der Gitarrist aus Jamaica spielt seine letzte Tour, namhafte Interpreten aus der Afro-Diaspora begleiten ihn, wie der Saxofonist Courtney Pine. Bei Reggae und westafrikanischem Sound verschwimmen die Kategorien von populärer und Volksmusik mustergültig im Sinne des Festivals. Andererseits bringt das Artist In Residence-Programm Musiker aus dem Iran und Brasilien zusammen (sinnig: „Brasiliran“). Rund um das „Kernfestival“ Ende Juli bei Winzer Krems gruppieren sich heute weitere Spielorte (mittlerweile fix: eine Schifffahrt) und Kooperationen. Im 20. Jahr seines Bestehens „erstrickt“ sich Glatt & Verkehrt von Anfang Juli bis Anfang Oktober, und es wäre wohl kein Problem mehr, einen Tag mit lauter jungen heimischen Acts zu gestalten. Die Aussicht auf einen Auftritt bei Glatt & Verkehrt hat sicher auch zur Motivation der Neuen-Volksmusik-Szene beigetragen und wird es wohl weiter tun.


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