Master of Song

Text: Günther Bus Schweiger | Fotos: Universal Music

Lange Jahre mied Elvis Costello, aus welchen Gründen auch immer, Auftritte in Österreich wie der Teufel das Weihwasser. 1983 brachte er mit den Attractions die Kurhalle Oberlaa zum Wackeln und beim einmaligen Folkfestival in der idyllischen Freudenau 1985 kümmerte er sich hinter der Bühne um seine spätere Exfrau Cait O’Riordan, die bei den Pogues den Bass bediente und deren stilbildendes zweites Album Rum, Sodomy & The Lash er gerade produzierte hatte. In den nächsten 20 Jahren wurde er vom kleinen rasenden übergscheiten Popintellektuellen zum Übervater des Songwritings seiner Generation und zum begnadeten Entertainer. Er machte Alben, die immer in diversen Bestenlisten auftauchen werden wie Blood and Chocolate, Punch The Clock, öffnete mit Almost Blue einer Generation Punker den Weg zu Hank Williams und Gram Parsons und nahm versteckte, schlecht verkaufte Kleinode wie North auf, ein Album das Schubert näher steht, als der Schule des Pop, aber seine Stimme und die Lieder karg strahlen ließ.

Die einzigen Konstanten in seiner Karriere waren und sind die Neugierde und der Mut sich in wenig vertrautes Gebiet vorzuwagen. Seine Zusammenarbeit mit dem Brodsky Quartett erschien manchen noch als Scherz, aber auch der Schritt hinaus aus der Komfortzone inspirierte diesen Sucher immer wieder. Und wenn sich andere Kollegen mit sechzig zur Ruhe setzen oder einfach die Früchte ihres Werks genießen, macht sich Costello wieder einmal auf, neues Territorium zu erkunden. Zusammen mit den geistesverwandten Hip-Hop-Pionieren Questlove und den Roots legte er Wise Up Ghost vor, eine Tour de Force durch Beats und Songs, inklusive der typischen Ballade. Auch hier beweist er, dass es vollkommen egal ist, in welche Kiste Kritiker seine Musik stecken, solange er mit Genuss und Neugier seinen Weg gehen kann.

Als Costello 2005 nach 20 Jahren Wienpause die Bühne der Staatsoper betrat, war klar, dass er die Rolle als elder statesman noch nicht übernehmen konnte. Bei aller Routine waren da einfach zu viel Energie, zu viele Songs, die gespielt werden wollten und zu viel Freude an der Performance und am Spiel mit dem Publikum. Die Altersweisheit hatte keine Chance und es wurde ein langer und legendärer Abend, an dem frühe Hits wie „Watching the Detectives“ oder „Clubland“ ebenso strahlten wie der Rest der Songs. Und als im zweiten Zugabenblock dann noch „I Want You“, der Song, der Liebesschmerz und Seelenpein wie kein anderer verkörpert, zu hören war, war die altehrwürdige Oper um einen großen Abend reicher.

Elvis Costello and The Roots: Wise Up Ghost (Blue Note/Universal)

Live: 25.10. Wien, Burgtheater; 26.10 Linz, Posthof;

29.10 London, Royal Festival Hall

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