Heilende Worte

Text: Günther Bus Schweiger | Fotos: Magdalena Blaszczuk
© Magdalena Blaszczuk

Auf Nick Caves Produktivität ist eindeutig Verlass. Beinahe in jedem Quartal erscheinen neue Songs, ein Soundtrack, ein Buch oder zumindest eine Ergänzung der hauseigenen Merchandisingreihe „Cavethings“, zu der er und seine Frau Ideen und Designs beisteuern. Daneben beantwortet er in seinen „Red Hand Files“ seit Jahren geduldig, tiefsinnig und sehr oft auch mit unglaublichem Humor die Fragen seiner Fans, die alle Themen abdecken. Vom Lieblingsfilm bis zu allen Formen der Trauer und des Verlustes reichen die Anfragen, die Cave mit Einfühlungsvermögen und persönlichen Eindrücken beantwortet. Ein Besuch dieser Seiten lohnt sich in jedem Fall.
„Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ ist nun ein Interviewbuch, das aus vielen Gesprächen und Telefonaten, die Musikjounalist Sean O’Hagan mit dem in den letzten Jahren notorisch interviewscheuen Cave geführt hat, kompiliert wurde. Die beiden lernten sich 1987 kennen, als O’Hagan für den „New Musical Express“ in London arbeitete. Zum ersten Interview waren auch The-Fall-Mastermind Mark E. Smith und Pogues-Frontmann und Songwriter Shane MacGowan eingeladen. Beide sind dafür bekannt, ein sehr offenes Herz für legale und nicht ganz so legale Drogen zu haben. Cave erschien zu diesem Termin frisch aus der Entzugsklinik und schaffte es tatsächlich, an diesem Tag clean zu bleiben, wobei die Unterstützung der beiden Kollegen, wie nicht schwer zu erraten, eher endenwollend war.
Seither trafen sich O’Hagan und Cave immer wieder bei verschiedenen medialen Gelegenheiten und dabei dürfte so etwas wie ein Grundvertrauen entstanden sein, die diesem Projekt die Basis gab. Die meisten Unterhaltungen fanden unter Coronabedingungen statt und wahrscheinlich wäre ohne die weltweit abgesagten Konzerttouren dieses Buch nie entstanden. Wie bei jedem Projekt, zu dem sich Cave verpflichtet, agiert er vollen Hingabe und Offenheit. Natürlich kommt der Tod seines Sohnes Arthur immer wieder zur Sprache und die Veränderungen, die durch die Trauer ausgelöst werden, aber wenn Cave zum Beispiel über den Abschied von Blixa Bargeld von den Bad Seeds spricht, dann kommt der alte Spitzbub wieder zum Vorschein.
Immer wieder formuliert er unglaubliche Sätze der Einsicht über seine Entwicklung vom wilden jugendlichen Zerstörer zu seinem heutigen Ich, wie „Ich glaube auf gewisse Weise ist meine Arbeit zu einer deutlichen Ablehnung von Zynismus und Negativität geworden. Ich habe einfach keine Zeit dafür.“ Solche Sätze und Einsichten finden sich zuhauf. Und wie bei jedem Buch mit Interviews gibt es keinen Grund, es chronologisch zu lesen. Man kann es aufschlagen und sich überraschen lassen – und das wird hier unter Garantie passieren.

 

Nick Cave, Sean O’Hagan
„Glaube, Hoffnung und Gemetzel“
Köln, Kiepenheuer & Witsch, EUR 27,50

 

| | Text: Günther Bus Schweiger | Fotos: Magdalena Blaszczuk
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