Der mit der Ente tanzt

Text: Koroschetz Stefan 2 | Fotos: Press
Foto © Magdalena Błaszczuk

Wer ist denn die junge Sängerin, die da plötzlich aufgetaucht ist und mit dem Nino aus Wien im Duett Dylans „It Ain’t Me Babe“ singt? Gerade war sie noch vorn neben der Bühne gestanden, die nicht eben unauffällige Anja Plaschg aka Soap&Skin, die zu diesem Zeitpunkt gerade ihr Debütalbum veröffentlicht hatte und zum internationalen Popstar aufgestiegen war. Von den meisten im Publikum wurde sie vermutlich nicht erkannt, und als der Nino sie mit „Danke Franziska“ verabschiedete war die Verwirrung perfekt. Es war einer jener denkwürdigen Momente beim ersten Popfest Wien (2010), von denen es im Laufe der Jahre noch viele geben sollte. Sir Tralala im Aufzug des Wien Museums etwa, Paperbird ebendort am Balkon, die Laokoongruppe und Gustav auf der Seebühne, oder Elektro Guzzi im proppenvollen brut (2014) sind nur einige der unzähligen grandiosen Shows, die das Popfest Wien in den fünf Jahren seines Bestehens zu bieten hatte. Doch werfen wir  kurz  einen Blick zurück auf die Anfänge.

Geburtshelferin Euro 2008

Indirekt kann die Fußball-Europameisterschaft 2008 als Geburtshelferin des Popfests betrachtet werden. Als eine Art Kontrastprogramm zum Sportspektakel veranstaltete die Projektgruppe karlsplatz.org die Kunstzone Karlsplatz, in deren Rahmen auf einer Bühne im Teich (die etwas hochgestapelt Seebühne genannt wurde) Konzerte von österreichischen Singer/Songwritern, Neo-Wienerlied-Kollektiven, und Vertretern einer experimentelleren Pop-Auslegung stattfanden. Medien- und Publikumsresonanz waren so erfreulich, dass eine Fortsetzung, die allerdings an einem Wochenende im Mai geblockt, dafür aber an diversen Locations in unmittelbarer Karlsplatznähe, teils zeitlich überschneidend stattfinden sollten. Als kluger Schachzug erwies sich die Etablierung eines Kuratorsystems, wie man es vom Londoner Meltdown-Festival kennt. Jemand mit Expertise aus der Szene sollte für die Künstlerauswahl verantwortlich sein, für die ersten drei Durchgänge (2010-12) erklärt sich der Musiker und Musikjournalist Robert Rotifer bereit, diese Aufgabe zu übernehmen.

Popdiskurs für jedermann

Von Beginn an verstand sich das Popfest auch als popdiskursive Veranstaltung. Im project space fanden Diskussionsrunden, Workshops und Vorträge (die Popfest-Sessions)  statt, die relevante Themen für die Praxis wie „Popmarketing 2.0.“ oder „Wiener Popmusik – Popmusik in Wien“ verhandelten. Ergänzend führte der damalige Direktor des Wien Museums, Wolfgang Kos, kluge Künstlergespräche (z.B. mit Sigi Maron). 2012 fand das Popfest erstmals Ende Juli statt, ein Agreement mit dem nahe gelegenen Wiener Musikverein, der sich akustisch belästigt fühlte. Trotzdem blieb die mangelnde Lautstärke oder auch der breiige Sound auf der Seebühne ein kleines Dauerärgernis. Ein Festival im Herzen einer Metropole unterliegt eben anderen Beschränkungen als eine Sause in den Pannonia Fields oder im burgenländischen Erdbeerland. 

FM4 immer dabei

Bereits in diesen ersten Jahren zeichnete sich ab, dass sich das Free-Festival zu einem beliebten Fixpunkt in der Wiener Veranstaltungslandschaft entwickeln würde, als eine anspruchsvollere Ergänzung zum Jumbospektakel Donau-inselfest und dem eher schlanken Stadtfest der Wiener ÖVP. Gegenüber gewinnorientierten Festivals wie dem unlängst erstmals in Wien über die Bühne gegangenen, mäßig originell benannten „Rock in Vienna“, das auch musikalisch ganz anders ausgerichtet ist, liegen die Vorteile auf der Hand: Gratis wird immer gerne konsumiert, es kommt zu einer bunten Publikumsdurchmischung bestehend aus musikalischen Schlaufüchsen, sich eher zufällig vor Ort Befindenden, und irgendwas dazwischen. Niederschwelliger kann der Zugang kaum sein, was – zumindest bei passendem Wetter – für viel Publikum sorgt, was wiederum auftretende Musiker, Sponsoren und  Medienpartner gleichermaßen freut. Apropos Medienpartner: Wo der (nicht nur) so genannte Alternative Mainstream gefeiert wird, ist auch der Radiosender FM4 nicht weit, der unweit der Seebühne in der Regel einen Stand betreibt und im Vorfeld emsig die Promotiontrommel rührt. Von FM4 kommt auch die gelbe, fünf Meter hohe bei Dunkelheit grell leuchtende Ente mit Kopfhörer, die zum inoffiziellen Maskottchen der Leistungsschau österreichischer Popmusik geworden ist. Sie ist wohl einerseits Hinweis darauf, dass erwachsen sein und ein Quietsch-Entchen in der Badewanne haben nicht peinlich zu sein braucht, anderseits nährt dieses Symbol für das Verspielt-Sein die allumfassend grassierende Retromanie. Wobei das lapidare „Früher war alles besser“ inzwischen gar nicht mehr als hundertprozentiger Unsinn abgetan werden kann, nicht nur weil man selber seine besten Tage vielleicht schon hinter sich hat.

Zum Start Gemüsesound

Dieser Tage wurde das Programm für das vom 23. bis 26. Juli stattfindende sechste Popfest Wien verlautbart, und es ist wieder eine hochklassige Melange aus relativen Frischlingen und etablierten Kräften. Die Wiener Band Chuzpe, die am 24. Juli im TU Prechtlsaal spielen wird, hatte passenderweise mit „Die guten Kräfte“ bereits in den 1980ern einen kleinen Hit, der sich hier als verbindende Klammer bestens eignet. Die luzide Auswahl getroffen haben diesmal Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo und der von FM4 bekannte Stefan Trischler alias Trishes. Zur Eröffnung auf der Seebühne wird das famose Vegetable Orchestra (früher Das erste Wiener Gemüseorchester) mit kurz davor gefertigten Gemüseinstrumenten und gefinkelter Mikrophontechnik elektronische Musik höchster Güte produzieren. Gefolgt von der lustigen Gruppe singender Kellner, die sich offiziell 5/8erl in Ehr’n nennt, die ihre von manchen als Viennese Soul bezeichneten Wienerlieder für (nicht nur) Menschen mit Neigung zu lustigen Zigaretten präsentieren werden. Den Abschluss im Freien am Donnerstag machen Ninja Tune-Artist Dorian Concept feat. Cid Rim & The Clonious, die für sonnig-soulige Kapazunder-Elektronik aus dem Stall von Affine Records sorgen werden. 

Sakrale Elektronik mit Fennesz

Neben der Seebühne wird Open Air noch der Red Bull Brandwagen bespielt, Indoor wird zu vorgerückter Stunde im schlauchförmigen TU Prechtlsaal, im Wien Museum, im brut, im Heuer (der ehemalige project space), im Club Sass, und im Roxy der Aal steppen. Am Freitag bestreiten die unvergleichlichen Attwenger auf der Seebühne ihr Popfest-Debüt, gefolgt von einer freudig erwarteten Show von Dubblestandart feat. Lee „Scratch“ Perry, der mit seinen 79 Jahren das Artist-Altersranking für sich entscheiden konnte. Die erstmalige Gelegenheit, das Elektronik-Genie Christian Fennesz in der Karlskirche zu erleben, gibt es am Sonntag. Insgesamt werden wieder rund 60 Künstler/Bands vertreten sein, die den topografisch außergewöhnlichen Karlsplatz bei hoffentlich gutem Wetter mit ihren Vibes inklusive mancher denkwürdiger Momente zum Schwingen bringen werden. Vielleicht tanzt sogar die Ente? 


Popfest Wien, 23. bis 26. Juli, Karlsplatz

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