Am 6. Februar 2025 wird das neue Album von Sharon Van Etten erscheinen: „Sharon van Etten & The Attachment Theory“. Das erste Mal war ihre Band von Beginn an am kreativen Prozess beteiligt. Van Etten ließ sich noch nie eine Schublade stecken und wechselt seit ihrem Debütalbum 2009 von einer musikalischen Vorliebe zur nächsten. 2025 steht im Zeichen der Powerballade – diese lässt sich Zeit und entfaltet am Schluss mit großem Getöse ihre Wirkung. Freunde des kurzen Popkrachers sind hier am falschen Platz, denn die Songs beginnen oft mit ruhigen Keyboardpasssagen und steigern sich langsam,dafür aber intensiv. Nun sind Powerballaden ein so wunderbares wie schwieriges Genre: Der Grat zwischen Genie und Klischee ist hier sehr schmal, doch Van Etten ist viel zu geschickt, um hier wirklich abzustürzen. Sie muss sich aber schon die Frage gefallen lassen, ob ein Album mit einer derartigen Anzahl ähnlich gestrickter Songs das Publikum nicht doch etwas übersättigt zurücklässt. Nach einem Übermaß an Zuckerln ist der Appetit auf die Essiggurke bekanntlich besonders groß.

Sharon van Etten „Sharon van Etten & The Attachment Theory“ (Jagjaguar)
Franz Ferdinand betraten die Szene 2004 mit einem sprichwörtlichen Knall: An „Take Me Out“ und „Do You Want To“ gab es kein Vorbeikommen. Beide Hits sind noch immer Klassiker jenes Gitarrenpops, der die Beine zucken lässt. Nach einer wohlverdienten Karriereretrospektive gingen Alex Kapranos und seine Mannen wieder ins vertraute heimische Studio in Glasgow. Die neuen Songs stammen dabei absolut unverkennbar aus der Feder von Kapranos: „The Human Fear“, das am 10. Jänner die Streamingdienste erreicht, bietet schnelle, flirrende, immer nach vorne treibende Songs, in denen die Stimme manchmal in Richtung des großen Edwyn Collins abbiegt. Die große Vergangenheit bleibt natürlich unerreicht, die neuen Songs werden sich auf der kommenden Tour aber wohl wunderbar in die Setlist einfügen und keinen Fan enttäuschen.

Franz Ferdinand „The Human Fear“ (Domino Records)
Ebenfalls im Jänner veröffentlichen die Laundromat Chicks ihr drittes Album „Sometimes Possessed“. Die Band um Songwriter Tobias Hammermüller stand bis jetzt für klassichen Gitarrenpop mit schwerer Schlagseite in Richtung der späten achtziger Jahre, als Bands wie die Go-Betweens, The Cure und viele andere Bands elementare und noch heute gültige Großtaten ablieferten. Auf „Sometimes Possessed“ erweitern die Chicks ihren Horizont in Richtung Dreampop und lassen den jugendlichen Übermut der ersten beiden Alben hinter sich. Vollkommen überraschend covert Vielschreiber Hammermüller mit „This Strange Effect“ gleich zu Beginn einen Song aus dem Frühwerk der Kinks. Hammermüller verneigt sich vor dem Autor Ray Davies, holt ihn in die Gegenwart und integriert ihn in sein Werk. Ein Werk, das hoffentlich noch weiter wachsen
wird.

Laundromat Chicks „Sometimes Possessed“ (Siluh Records)
Das gilt auch für Mira Lu Kovacs, die man ohne Übertreibung als rastlos bezeichnen kann. Neben My Ugly Clementine und dem wunderbaren Duoprojekt „Sad Songs to Cry to“ mit Clemens Wenger rückt jetzt auch die Solokarriere immer mehr in den Mittelpunkt. Kovacs zeigt auf ihren zweiten Soloalbum „Please Save Yourself“, dass sie sich ihrer Kunst und ihres Könnens mittlerweile zurecht sicher ist. Mit Manu Mayr am Bass und Günther Paulitsch am Schlagzeug arbeitet sie mit zwei Mitstreitern, die den „Weniger ist mehr“-Zugang von Kovacs teilen und die Songs so noch mehr strahlen lassen. Dass dann am Schluss mit „Fall Asleep Quickly“ ein Song gelingt, der eigentlich sofort ins American Songbook aufgenommen werden müsste, verwundert gar nicht mehr. Mira Lu Kovacs ist mit „Please Save Yourself“ in die Meisterklasse aufgestiegen.

Mira Lu Kovacs „Please Save Yourself“ (Play Dead Records)
Auf mehreren Hochzeiten tanzt auch Paul Plut gerne – und das immer exzellent. Neben der Band Viech, seinen Theaterarbeiten und seinem grandiosen Soloalben wurde jetzt wieder die Band Marta reaktiviert, die einst noch in Graz aus einem Garagenexperiment heraus gegründet wurde und live aus dem schon erwähnten Günther Paulitsch und Paul Plut besteht, die die englischen Texte von Jolly Hager irgendwo zwischen Abgeklärtheit und räudigem Blues in die Welt schmeißen. „shipwrecks“ ist nach langer Pause das dritte Album, und die Intensität mit der hier gewütet wird, lässt einfach keinen Wusch unerfüllt. Ein Song wie „raiffeisen bank international“ hat definitiv noch gefehlt; weil Wut allein nicht reicht, werden auch Beinahe-Balladen wie „requiem for a bee“ eingestreut, die alles noch viel besser machen. Spontan, genial und eine absolute Empfehlung.

Marta „shipwrecks“ (abgesang)
Bleiben wir bei einem Duo, allerdings von der anderen Seite der Welt. The Party Dozen aus Australien sind ein Rabaukenduo in der eher ungewöhnlichen Kombination Schlagzeug und Saxofon. Dazu werden brachiale Beats eingespielt und alle Tricks ausgeschöpft; da schreit Kirsty Tickle schon einmal durch ihr Saxofonmikrofon, um sich durch die Lärmwand zu kämpfen. The Party Dozen sind Geschwister im Geist von Bands wie Royal Blood und,„Crime In Australia“ ist das zweite Album des Duos. Hier wird noch einmal Intensität und Vielfalt nachgelegt. Da finden sich brutale Partystampfer mit Sounds, die aus dem psychedelischen Universum destilliert wurden, genauso wie Dystopien aus dem dunklen Teil der Welt, die den Industrial der Achtziger fast schon harmonisch wirken lassen. Hintergrundidee war es, einen Soundtrack für eine fiktive Copserie zu erschaffen, die in einem von Kriminalität durchseuchten Viertel spielt. Das Vorhaben ist gelungen – intensiveren Lärm wird man derzeit nirgends finden. Gemütlichkeit wird vielleicht doch überschätzt.

Party Dozen „Crime In Australia“ (Temporary Residence Limited)

