Die Provinz muss es richten

MJ Lenderman gibt mit seiner Band The Wind der E-Gitarre den notwendigen Tritt in Richtung Gegenwart.

MJ Lenderman by Charlie Boss

Es ist ein Zyklus, auf den man sich auf fast schon beängstigende Weise verlassen kann. Immer wenn ein Genre am Ende scheint und nur mehr begabte Kopisten und Epigonen das Feld bespielen, tauchen wie Phönix aus der Asche Künstler auf, die den Niedergang in eine weitere Hochblüte verwandeln. 2001 machten die Strokes laute Gitarren auf einmal wieder hip, und in ihrem Windschatten prägten Bands wie Franz Ferdinand die Hörgewohnheiten einer neuen Generation. Eine Generation, auch gleich neben dem Club-Leben die Schönheiten von Gitarrenband-Konzerten inhalierte und das Festivalgeschäft in den folgenden Jahren kräftig anschob.

MJ Lenderman by Karly Hartzman

2024 ist es wieder soweit: Ein Neuerer aus einer weitgehend unbekannten Ecke der Welt verpasst der Gitarrenwelt eine frische Ordnung. MJ Lenderman arbeitete 2020 noch in einem Eissalon in seiner Heimatstadt Ashville in North Carolina und nahm sich für die Konzerte in der näheren Umgebung, die er selber organisierte, immer frei. Nach zwei Platten, die seinen regionalen Status festigten, kam die Pandemie. Dank der staatlichen Hilfen hatte er mehr Geld, als er je beim Verkauf der Eiskugeln verdient hatte – und er hatte viel Freizeit. Er malte, las, schrieb Songs, spielte mit seinen Freunden und Mitbewohnern stundenlang Songs und entwickelte neue Ideen. Eines der Ergebnisse dieser Zeit war „Boat Songs“, eine Platte, die zeigte, wie er seinen Witz, den verschlafenen Gesang eines J Mascis, sein Gefühl für Riffs und Melodien zu einem großen Ganzen verband, das ihn aus North Carolina hinausführen musste. Nach der famosen Liveplatte „And the Wind (Live And Loose!)“ mit seiner Band passierte, was passieren musste: Das aktuelle Werk „Manning Fireworks“ erschien nicht nur auf einem großen Label, alle wesentlichen Medien von Pitchfork abwärts einigten sich auf ihn und die Größe der Platte. Die Single „She’s Leaving You“ – die vom Refrain über das Nirvana-Riff bis hin zum Breitwandsound alles hat, was ein Hit braucht – eroberte auch Europa. Seine Europatour war bereits vor dem ersten Konzert ausverkauft, und auch das Airplay in den Radiostationen lässt nicht nach.

Sein triumphales Konzert in Hamburg schloss Lenderman am Geburtstag von Neil Young mit einer grandiosen Version von dessen „Lotta Love“ ab. Die Gitarren jubilierten, die Pedal Steel feierte und die Stimmen, sorgten für einen Augenblick, der bleibt. MJ Lenderman wird das auch, denn mit seinen erst 25 Lenzen hat er noch viel vor.

MJ Lenderman: „Manning Fireworks“ (Anti Records)

 

 

| FAQ 78 | | Text: Günther Bus Schweiger
Share