Er scheint selbst ein Monolith geworden zu sein, der 1928 in New York City geborene Regisseur, der vielen als einer der besten oder gar der allerbeste aller Zeiten gilt. Nicht nur sein filmisches Werk, auch eine kritische Hinterfragung seines Legendenstatus, seiner Mystifizierung als einzigartiges und schwieriges Genie ist mittlerweile Gegenstand der filmwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Stanley Kubrick geworden – seit 2007 auf empirischer Basis möglich dank dem Stanley Kubrick Archive, welches nach einer umfassenden Schenkung der Familie von der University of the Arts London eingerichtet wurde. Das Archiv gibt heute noch, 25 Jahre nach dem Tod des Filmemachers, eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob es zu Kubrick und seiner Arbeit Werk überhaupt noch Neues zu sagen gibt: Gibt es, und zwar eine ganze Menge.

Shelley Duvall and Jack Nicholson relax between takes on the Colorado Lounge set. ™ & © WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. (s22) Courtesy of the Stanley Kubrick Archive
Der nun erscheinende Doppelband „Stanley Kubrick’s The Shining“ liefert dafür einen Beweis von beeindruckendem Umfang, so hoch informativ wie unterhaltsam. Auf fast 900 Seiten zeichnet das Buch eins die Entstehung des 1980 im Kino angelaufenen Films, der im Lauf der Zeit als einer der essenziellen Horrorfilme des 20. Jahrhunderts verstanden wurde, minutiös nach, während Buch zwei einen unvergleichlichen fotografischen Streifzug durch die Produktion bietet, anhand von Modellen, Set-Fotos und (teils herausgeschnittenen) Filmstills. Dergleichen finden sich natürlich im Making-of-Teil ebenfalls genügend, darüber hinaus Abbildungen von Telegrammen und Notizen bis hin zu Filmplakaten. Die mehr als außergewöhnliche textliche Aufarbeitung fungiert darin bei weitem nicht nur als Nacherzählung, die die Ereignisse während des Drehs in den Elstree Studios bei London beschreibt. Das Buch von Lee Unkrich (langjähriger Kreativkopf bei Pixar) und J. W. Rinzler (langjähriger Lucasfilm-Geschäftsführer sowie Bestsellerautor) – die schon für sich lesenswerte Geschichte hinter dem Publikationsprojekt haben die beiden Autoren ebenfalls vorangestellt – liefert tatsächlich eine Art ultimativer Gesamtbetrachtung: Rinzler, der den Großteil verfasst hat (Unkrich dagegen war die treibende Kraft in der Recherche), erzählt The Shining von Anfang an. Er schildert den Weg von Stephen Kings Manuskript über Warner Bros. zu Regisseur Kubrick, die ökonomischen Vorbereitungen, den Skript-Schreibprozess mit Diane Johnson, das Casting, die aufwendige Set-Konstruktion. Anhand zahlreicher Schriftstücke und Aussagen lassen sich Kubricks Gedankengänge so von Minute null weg nachvollziehen. Im Kapitel zur Produktion selbst setzt sich dies nicht minder dicht fort, wobei hier besonders besticht, dass zusätzlich zu den „rein“ inhaltlichen und schauspielerischen Prozessen technologische Aspekte wie der Einsatz der neu erfundenen Steadicam ausgiebig beleuchtet werden. Zuletzt lässt das Buch noch in die Postproduktion eintauchen – hervorzuheben ist z. B. jener Abschnitt, der sich dem Score widmet, inklusive sekundengenauer Auflistung der Einsätze im fertigen Film –, und schlussendlich sogar in Spezifika der Kinoverwertung. Kubrick, der Perfektionist respektive Kontrollfreak, überließ auch dort nichts dem Zufall.

Continuity Polaroid of Shelley Duvall and Danny Lloyd peering out from the bathroom window. ™ & © WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. (s22) Courtesy of the Stanley Kubrick Archive
Die unzähligen Anekdoten, Hinweise und Darstellungen, für die viele Personen mehr als „nur“ Kubrick und sein engster Kreis zitiert werden, sind aufschlussreich, amüsant und nervenaufreibend, und machen The Shining nicht zuletzt als ziemlich irrwitzigen Arbeitsplatz begreifbar: Aufgeräumt wird unter anderem mit medialen Übertreibungen bezüglich der hohen Anzahl an Takes, die der Regisseur seinem performenden Personal abverlangte, wenngleich die nicht-reißerische Analyse tatsächlich einen harten Umgang belegt. Interessant in der Hinsicht, dass Kubrick von Wegbegleitern als oftmals sehr nervös beschrieben wird – bei der vielfältig anspruchsvollen Einstellung der Blut-Flut, die aus dem Fahrstuhl schießt, verließ er sogar den Raum, konnte buchstäblich nicht hinsehen, da der Take auf Anhieb gelingen musste. Spaßig hingegen ein Set-Besuch von Werner Herzog oder die Bitte des Hoteldirektors der Timberline Lodge (Vorlage für die Außenkulisse des Overlook Hotels), dem mysteriösen verbotenen Zimmer doch statt 217 eine inexistente Nummer zu geben, weil er fürchtete, dass Gäste ein solches Gruselzimmer meiden würden (Kubrick willigte ein, es wurde bekanntlich Room 237). Eindringlich geschildert wird zudem der Brand am Set im Jänner 1979: Ausgelöst durch Kunstschnee und doppelt gefährdend, weil Equipment und Filmmaterial gerettet werden mussten …
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TASCHEN
Lee Unkrich (Hg.), J. W. Rinzler
Stanley Kubrick’s The Shining
Hardcover, 2 Bände im Schuber
20 x 22 cm, 3.71 kg
1396 Seiten, Euro 100
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