Heuer jährt sich zum hundertsten Mal die stilprägende „L’Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“, die in Paris stattfand. Anlässlich dieses Jubiläums zeigt J.& L. Lobmeyr eine Art „Zitat“ seiner Präsentation auf der legendären Weltausstellung, die ab 26. März im Ausstellungsraum des Geschäfts in Wien 1 zu sehen ist. Um den handwerklichen Ansatz der Firma zu verstehen, kann man eine Aussage von Stefan Rath, dem Eigentümer in den 1920er-Jahren, nachschlagen. Er ging vom griechischen Begriff „Lithos chyte“ aus, was übersetzt geschmolzener Stein heißt. Nach Stefan Rath gab es zwei Möglichkeiten, Glas zu bearbeiten: Es möglichst auszublasen und feines hauchdünnes Musselinglas zu produzieren oder das Glas dicker auszublasen und es wie einen Stein zu bearbeiten. Diese beiden Prinzipien bestimmen auch die kleine Ausstellung bei Lobmeyr. Zum einen sind Vasen der Entwerferinnen Lotte Fink, Vally Wieselthier, Marianne Rath oder Ena Rottenberg zu sehen, die wie Bergkristall erscheinen. Die Gefäße sind komplett überschliffen und poliert, ähnlich der Grundierung einer Leinwand, um die Kupferradgravur besonders durchscheinend wirken zu lassen. Das Brechen von Licht sowohl bei den wuchtigeren Exemplaren als auch bei zarten Gläsern ist eine sensualistische Eigenschaft, die Lobmeyr-Produkten immer schon eigen war.

Stefan Rath

Lobmeyr „Diplome de Grand Prix“, Paris 1925

Oswald Haerdtl, Paris 1925
Der zweite Weg, den Stefan Rath skizzierte, ist das hauchdünne Ausblasen der Glasglocke. 1925 hat Oswald Haerdtl es mit seinem Service No.240 und seiner Kugeldose zur Vollendung gebracht. Auch in langgestreckten Pokalen versuchte sich Haerdtl – und schloss damit an das erste moderne Musselinglas von Oskar Strnad 1916 an.
Musselinglas bezieht sich auf den hauchdünnen Baumwolldamast Musselin und bezeichnet in der Folge bei Lobmeyr dieses dünne Glas. Weiters wird in der Ausstellung auf das erste Musselinglas von 1856 verwiesen, Teil des legendären Service No.4 von Ludwig Lobmeyr. Nachfolger dieser hauchdünnen Gläser, für die Lobmeyr bis heute berühmt ist, sind die Wasserkaraffe „Josephine“ von Polka aus dem Jahr 2006 und die 2022 entstandene Becherserie „Reigen“ von Aldo Bakker.

Lobmeyr, 1925–2025
Im Anschluss an die Pariser Präsentation wurde Oswald Haerdtl ein wichtiger Entwerfer für das Unternehmen. Der Grand Prix der Pariser Weltausstellung ging an Lobmeyr – die Urkunde sowie Entwurfszeichnungen von Haerdtl sind in der Ausstellung zu sehen. Lobmeyr und den Architekten Hubmann-Vass ist eine leichte und schwebende, aber auch didaktische Ausstellung gelungen. Der Geist von 1925 lebt.

