Wie erzählt man eine Kunstgeschichte, die jahrzehntelang vor allem männliche Namen kannte? Die Ausstellung „Radikal!“ im Unteren Belvedere gibt vom 18. Juni 2025 bis 12. Oktober 2025 eine klare Antwort: indem man die stillgestellten Geschichten von mehr als 60 Künstlerinnen neu verknüpft und sichtbar macht, was lange im Schatten stand. In Kooperation mit dem Museum Arnhem und dem Saarlandmuseum Saarbrücken versammelt „Radikal!“ Werke von Künstlerinnen aus über 20 Ländern, die die Moderne prägten, aber in den Erzählungen darüber oft fehlten. Ohne sich stilistischen Kategorien unterzuordnen, eint sie die Suche nach neuen Bildsprachen und Ausdrucksformen, um das fragmentierte Lebensgefühl einer Zeit im Umbruch einzufangen. Dabei geht es nicht nur um Ästhetik: Die Arbeiten dokumentieren eindrucksvoll, wie die Künstlerinnen Identitäten jenseits gesellschaftlicher Normen entwarfen, auf politische Umwälzungen reagierten und die Moderne nicht nur beschrieben, sondern aktiv mitgestalteten.

Tamara de Lempicka „Herzogin de la Salle de Rochemaure“ 1925. Privatsammlung
Foto: Sotheby’s © Bildrecht, Wien 2025
Die Ausstellung verzichtet bewusst darauf, alte Kategorisierungen zu reproduzieren. Stattdessen wird die Eigenständigkeit der künstlerischen Positionen betont – von der konkreten Abstraktion einer Sophie Taeuber-Arp bis zur politischen Schärfe einer Käthe Kollwitz, von den surrealen Selbstinszenierungen Claude Cahuns bis zur kraftvollen Figuration einer Alice Neel. Einige Namen mögen vertraut sein: Sonia Delaunay, Leonor Fini, Hannah Höch. Andere, wie Inji Efflatoun aus Ägypten oder die polnische Bildhauerin Katarzyna Kobro, warten noch auf ihre breitere Wiederentdeckung. Ihre Werke zeigen, wie global und vielfältig die Moderne tatsächlich war – und wie eng künstlerische Innovation und gesellschaftliche Kritik miteinander verwoben sind.
Indem „Radikal!“ die Aufmerksamkeit auf diese vergessenen, übersehenen und neu zu lesenden Stimmen richtet, bricht die Ausstellung nicht nur mit tradierten kunsthistorischen Erzählungen. Sie öffnet auch den Blick auf eine Moderne, die nicht als abgeschlossene Epoche verstanden wird, sondern als pluraler Möglichkeitsraum, in dem Identität, Politik und Ästhetik neu verhandelt werden. Denn wer heute vom Kanon sprechen will, darf an diesen Künstlerinnen nicht mehr vorbeigehen.

