Wachträume

Laura Harring in „Mulholland Drive“

Das Kino: so überaus real, so überaus fantastisch. Die Geschichte des Films war von Anfang an von diesen scheinbar gegensätzlichen Polen geprägt. Da waren einerseits die Filme der Brüder Lumière, die mit ihren „unheimlich“ realistischen Bildern von Alltäglichem – etwa die Ankunft eines Zuges – verblüfften. Andererseits war da Stummfilmpionier Georges Méliès, der mit illusionistischen Werken (u. a. Die Reise zum Mond) für Erstaunen sorgte. „Jeder Traum wird Wirklichkeit“, schrieb der Psychologe Hugo Münsterberg 1916 in einem theoretischen Text über das Kino. Ein Zitat, das dem umfangreichen Programm „Traummaschine Kino. Collection on Screen“ des Österreichischen Filmmuseums vorangestellt ist. Parallel zur Ausstellung „Träume … träumen“ in der Schallaburg hat das Filmmuseum ganze 57 Lang- und Kurzfilme aus der hauseigenen Sammlung ausgewählt, um das Wechselspiel von Traum und Kino unter die Lupe zu nehmen. Stummfilmperlen finden sich ebenso darunter wie kanonisierte Meisterwerke der Filmgeschichte; Blockbuster lösen sich mit Offbeat-Arthouse ab. Angesichts der Fülle des Programms seien hier nur ein paar der Highlights aus verschiedenen Jahrzehnten herausgegriffen.

Gregory Peck und Ingrid Bergman in „Spellbound“

Dabei ist etwa Sherlock Jr. (1924) von Buster Keaton: Das Genie mit der ernsten Miene gibt einen Filmvorführer, der einschläft, träumend in einen Film einsteigt und al-lerlei Abenteuer erlebt. Nicht nur das actionreich-humorvolle Wechselspiel von Wirklichkeit und Traum fesselt hier, sondern auch die Reflexion des Mediums Film an sich. Der kürzlich verstorbene David Lynch ist gleich mehrfach vertreten, und zwar mit Mulholland Drive (2001), der gleichfalls Film-im-Film zu bieten hat und dies noch um Traum-im-Traum erweitert; weiters dabei sind der prototypische, Abgründe hinter der Kleinstadtfassade aufdeckende Blue Velvet (1986) die experimentelle Tarantino-Vorwegnahme Wild at Heart (1990), der ganz besonders experimentelle Twin Peaks: Fire Walk with Me (1992) und Lynchs surreales Debüt Eraserhead (1977): Werke wie Fieberträume, in denen die dunklen Seiten der USA mit skurrilem Humor und Symbolik kurzgeschlossen werden. Und da Wild at Heart eine Paraphrase auf Victor Flemings The Wizard of Oz (1939) ist, steht auch dieser Klassiker auf dem Programm: War Dorothy wirklich „over the rainbow“ oder hat sie alles nur geträumt?

Nicolas Cage in „Wild at Heart“

Total Recall (1990), Mittelteil von Paul Verhoevens US-Sci-Fi-Trilogie, ist ein Paranoia-Meisterwerk frei nach Philip K. Dick, in dem Blut, mutierte Brüste, schwarzer Humor und die philosophische Frage aufeinandertreffen, ob das Leben nur ein Traum ist – einer der großen Schwarzenegger-Filme jener Zeit. Arnie ist übrigens nochmal mit James Camerons Terminator 2: Judgment Day (1991) dabei.

Hitchcocks Klassiker Spellbound (1945) bietet Gelegenheit, Traumsequenzen Salvador Dalís auf der Leinwand zu erleben, das japanische Kino ist u. a. mit Takashi Miikes Horror-Thriller Audition (1999) vertreten und Meisterliches aus Europa fehlt ebenfalls nicht: Dreyers Vampyr (1932) entwirft morbide Alptraumstimmungen, in Bergmans Wilde Erdbeeren (Smultronstället, 1957) – der Dreyer in einer Traumsequenz Reverenz erweist – zieht ein alter Misanthrop Lebensbilanz, und der österreichische Film lässt sich mit Norbert Pfaffenbichlers experimenteller Chaplin-Paraphrase 2551.01 – The Kid erleben. Ein Programm, das zu Wachträumen einlädt.

 

TRAUMMASCHINE KINO
April bis 6. Juli.
Österreichisches Filmmuseum
www.filmmuseum.at

 

| FAQ 80 | | Text: Oliver Stangl
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