Man hatte sich fast daran gewöhnt, dass im Rhythmus von drei, vier Jahren ein neues Album der Brüder Mael erscheint – ein seltener Taktgeber im unsteten Pop-Kosmos. Doch diesmal überraschen sie selbst ihre treuesten Hörer. Nur zwei Jahre nach dem triumphalen „The Girl Is Crying in Her Latte“ erscheint am 23. Mai „Mad“ – ein Werk, das seinen Titel ernst nimmt und dabei mit der Energie eines Neuanfangs aufwartet. In einem Alter, in dem andere sich in Ruhe mit ihren Tantiemenabrechnungen beschäftigen oder auf einer der üblichen „Greatest Hits“-Tourneen schwelgen, verweigern sich die Sparks der Nostalgie. Natürlich dürfen die Hits aus den Siebzigern wie „This Town Ain’t Big Enough for Both of Us“ auf keinem Konzert fehlen. Doch das Publikum, das ihnen seit Jahren wieder in Scharen folgt, kommt nicht, um in Erinnerungen zu schwelgen. Es kommt, um im Jetzt zu leben – mit einer Band, die sich permanent neu erfindet. Das ist selten geworden in einer Musiklandschaft, die sich allzu oft auf Retro-Glanz verlässt. Die Sparks dagegen halten sich fern vom Sentiment. Sie liefern Gegenwart, immer wieder, immer anders.
Nach dem fulminanten Abschluss ihrer letzten Tour in der Hollywood Bowl – einem Heimspiel im kalifornischen Abendlicht – versprach Sänger Russell Mael die baldige Rückkehr. Und hielt Wort. Nach nur kurzer Pause kehrten die Brüder in ihren gewohnten kreativen Rhythmus zurück: Morgens das Stammcafé, aufmerksame Blicke in Gesichter und Gespräche, danach das Studio. Dort entstehen Songs aus scheinbar beiläufigen Beobachtungen – und später auch Konzepte für jene Videos, die längst unverzichtbarer Teil ihres Werks geworden sind. So auch bei „Jansport Backpack“, einem Song, wie er nur im Universum der Sparks entstehen kann. Ausgangspunkt: ein Mädchen mit einem Rucksack der Marke Jansport, unterwegs in Eile. Der Er-zähler sieht sie – immer nur von hinten. Eine beiläufige Szene, aus der eine ganze Geschichte erwächst, schräg und schön zugleich. Es ist diese eigentümliche Mischung aus Ironie und Empathie, aus analytischem Blick und kindlicher Neugier, die ihr Werk so einzigartig macht.
Mit „Mad“ setzen die Sparks einen künstlerischen Höhenflug fort, den kaum jemand mehr erwartet hätte. Das Album ist eine Hommage an den schöpferischen Trotz – daran, dass Wahnsinn auch Klarheit sein kann. Und sie liefern abermals den Beweis: Innovation kennt kein Alter – solange man sich erlaubt, verrückt zu bleiben. Oder wie Ron Mael es jüngst in einem Interview formulierte: „We don’t do nostalgia. We do future.“
Sparks: „Mad“ (Transgressive Records)
Live: 30. Juni – Paris; 1. Juli – Köln; 6. Juli – Berlin; 8. Juli – Mailand


