Cuteness kann auch hart sein. Ein mit Cartoon-Kittys bedruckter Vorhang im Hinterzimmer von Sexarbeiterinnen in Seoul war Ausgangspunkt von „Kitty“, der neuesten Arbeit von Satoko Ichihara. Damit habe alles angefangen, erzählt die Theatermacherin. Satoko Ichihara, geboren 1988 in Osaka, ist Regisseurin, Autorin von Romanen und Theatertexten sowie künstlerische Leiterin des Kinosaki International Arts Center (KIAC) in Tokyo. In Tokyo hat sie auch Theater studiert, seit 2011 leitet sie die Theatergruppe Q. Ihre Stücke beschäftigen sich mit menschlichem Verhalten, der Physiologie des Körpers und dem Unbehagen, das derlei Themen umgibt, wobei sie einen ganz eigenen Sinn für Sprache(n) und körperliche Sensibilität besitzt.
Wie in Japan üblich, inszeniert Satoko Ichihara ihre Texte stets selbst. Verfremdungseffekte, KI, Video und Sound sind wichtige Stilmittel. Satoko Ichihara gilt als eine der wichtigsten Stimmen einer neuen, feministischen Generation von Theater-macherinnen und Theatermachern in Asien und hat mit ihren Arbeiten bereits weltweit für Aufsehen gesorgt. 2022 brachten die Wiener Festwochen mit „Madama Butterfly“ erstmals eine ihrer Arbeiten nach Österreich. In der Adaption der berühmten Puccini-Oper über die Beziehung zwischen einer Geisha und einem amerikanischen Offizier bis hin zur Selbstaufgabe drehte die Regisseurin kurzerhand den Spieß um und demaskierte die rassistischen und sexistischen Projektionen sowie den westlich-männlichen Blick.

Foto: Toshiaki Nakatani
In „Kitty“ befasst sie sich nun mit der niedlichen Comic- und Merch-Figur Kitty – Augen, Nase, Schnurrbarthaare, kein Mund und eine Schleife an den Katzenöhrchen; seit den 1970er-Jahren in Japan und weltweit beliebter Exportartikel. Drei Schauspielerinnen aus Japan, Südkorea und Hong Kong sprechen drei Sprachen, doch irgendwie mit einer gesampelten elektronischen Stimme. Aber es geht um mehr als den Clash der Kulturen: Wer als Frau attraktiv sein will, so die Idee dahinter, muss wie Kitty kindlich, cute und unschuldig sein. Die Comicfigur könne man jedoch auch als Waffe im Kampf gegen das Patriarchat deuten, schlägt die Regisseurin vor: Kitty setze ihre Niedlichkeit strategisch ein, um den Kapitalismus zu beherrschen und erfolgreich zu sein.
Das Gespräch fand via Zoom und auf Englisch statt, eine Dolmetscherin hat das Interview ins Japanische hin- und herübersetzt.

Satoko Ichihara © Flavio Karrer
FAQ: Wo sind Sie gerade, Satoko-san?
Satoko Ichihara: Ich bin in Tokyo.
Im Theater, in einem Büro?
Ich bin zuhause in meiner Wohnung.
Gut. Wenn Sie sich umsehen, gibt es da irgendwo eine Kitty-Figur in Ihrer Nähe?
Ja. (Sie steht auf, geht kurz aus dem Bild und kehrt mit einer Kitty-Figur aus Plüsch zurück.)
Eine Kitty-Puppe?
Yeah.
Die Comic-Figur Kitty wurde in den 1970er-Jahren erfunden und weltweit bekannt. Wie präsent ist Kitty aktuell in Japan?
Sie ist überall. Man findet sie wirklich überall. Auch in meinem privaten Umfeld.
Welche Bedeutung hat Kitty? Betrachten Sie sie bloß ironisch oder ist die Figur wirklich etwas Cutes für Sie?
Nun, Kitty gab es schon, als ich noch ganz klein war, weil meine Eltern sie mir immer geschenkt haben. Ich hatte Kitty also bereits in meinem Leben, bevor es mir überhaupt bewusst war. Aber die Kitty, die ich gerade hergezeigt habe, besitze ich, weil sie ein Geschenk von einer Freundin war.
Ein Geschenk für die Premiere von „Kitty“, Ihrer neuesten Theaterproduktion?
Nicht zur Premiere, aber nach einer Show in Tokyo.
Wie würden Sie diesen weltweit beliebten Comic-Charakter beschreiben?
Also, in der Mittelstufe hatte ich jede Menge Kitty-Zeug. Es war so, dass das einfach alle gehabt haben. Das ist schwer zu beantworten. Ich hatte sogar Kitty-Sandalen! Im Grunde hatte ich das, weil es mir gefiel. Aber heute interessiere ich mich auf andere Art dafür. Ich sehe das Ganze auch als ein Phänomen, das mich sehr interessiert.
Mochten Jungs damals auch Kitty-Merch?
Es gibt noch immer auch Jungs, die dieses Kitty-Zeug lieben. Ich meine, ich kann nicht für alle sprechen.
Wie reagieren Erwachsene auf diese Figur ohne Mund? Ist es vielleicht bloß eine nostalgische Erinnerung an die eigene Kindheit oder weckt sie Kindheitserinnerungen?
Ich denke, da ist alles möglich. Manche Menschen drücken sich bewusst mit etwas Niedlichem aus. Manche tragen Kitty-Zeug mit sich herum, weil sie ihre Kindheit vermissen. Viele hier in Japan kommen sich trotzdem nicht kindisch oder albern vor. Ich habe jetzt nicht wirklich dazu recherchiert und kenne auch keine Statistiken. Aber man kann auch noch als Erwachsener auf alle möglichen Arten Kitty mit sich herumschleppen. Man kann sie auch einfach nur besitzen wollen, weil sie niedlich ist oder als Teil der eigenen Identität. Vielleicht ist es eine Art, sich auszudrücken. Vielleicht findet man sowas ja auch in Europa, aber in Japan ist es echt ganz normal, als Erwachsener Kitty-Merch zu besitzen. Ich glaube nicht, dass da so viel Absicht dahinter steckt. Hier wird es jedenfalls nicht als infantil empfunden oder so.
Vielleicht ist das auch der Unterschied zwischen dem japanischen und dem europäischen Publikum, das Ihre neueste Produktion „Kitty“ sieht. Was war das Konzept hinter dieser Arbeit?
Zuerst bin ich nach Korea gereist, um dort zum Thema Sexindustrie zu recherchieren. Mir ist aufgefallen, dass Kitty an den unterschiedlichsten Orten präsent ist. Kitty-Produkte sind dort überall und im Überfluss vorhanden. Ich bin in Seoul durch eine Gegend gegangen, wo die Sexindustrie angesiedelt ist, Prostitution. Als ich die Straße entlang spaziert bin, waren da lauter kleine Gebäude, in denen Sexarbeiterinnen arbeiteten. In einem der Häuser habe ich dann einen kleinen Raum entdeckt, der für Geschlechtsverkehr genutzt wurde. Und vor diesem Hinterzimmer hing ein Vorhang mit einem Kitty-Muster. Dass diese Figur so präsent ist und und wirklich überall auftauchen kann, fand ich erstaunlich. Das war der Beginn meiner Idee, von dort aus das Stück zu entwickeln.

Foto: Toshiaki Nakatani
Die Ursprungsidee war dieser Vorhang mit dem Kitty-Muster, kombiniert mit der Sexindustrie in Korea.
Ja, genau.
„Kitty“ ist eine Geschichte über Männer, die sich Frauen kaufen, und eine seltsame Cartoon-Figur in der Sexindustrie. Wie geht das zusammen?
Nun, ich denke, Kitty hat zwei Seiten. Ihr Image ist erst einmal feminin und cute. Indem ich dieses Bild in den Raum stelle, vermittelt es männlichen Zuschauern das Gefühl, sich in einem weiblichen Raum zu befinden. Ich denke, das ist einer der Gründe. Ich habe beobachtet, dass sich Sexarbeiterinnen auch in ihrem privaten Umfeld gerne mit Kitty-Dingen umgeben. Kitty spiegelt sie selbst wider. Sie hat die Möglichkeit, die Atmosphäre eines „weiblichen Raumes“ zu schaffen. Das kann für den männlichen Blick – the male gaze – wichtig sein, da Männer, die diese Frauen kaufen, das Gefühl haben, den Bereich einer Frau zu betreten. Und es kann eine intime Atmosphäre schaffen. Kitty kann so funktionieren, aber gleichzeitig mögen viele der Frauen, die als Sexarbeiterinnen arbeiten, Kitty und möchten sie besitzen – für ihre persönlichen Vorlieben und ihren ganz persönlichen Ausdruck.
Die Kitty-Figur beschützt diese Frauen und gleichzeitig repräsentiert Kitty sie auch?
Man kann es grundsätzlich auf beide Arten lesen. Kitty kann etwas sein, das diesen Frauen sehr nahe ist, sogar intim nahe. Diese Niedlichkeit, die Kitty repräsentiert, lässt sich gleichzeitig auch als etwas sehr Verletzliches, etwas zu Beschützendes interpretieren.
Die Figur steht also einerseits für etwas wie ein Sexobjekt, wird von Männern objektiviert, gleichzeitig setzt sie sich für die Frauen ein?
Man kann Kitty auch als Königin des Kapitalismus sehen, die ihre Niedlichkeit strategisch einsetzt, um den Kapitalismus zu beherrschen und erfolgreich zu sein. Vielleicht ist das auch so etwas wie ein Empowerment für diese Frauen.
Ein weiteres Thema in Ihrem Stück ist der Fleischmarkt beziehungsweise das Gegenteil: Vegetarismus. Wie verbinden Sie Sexarbeit, Kitty-Niedlichkeit mit Fleischessen?
Auch das habe ich in Korea erlebt. In diesem Viertel mit den Sexarbeiterinnen gab es die kleinen Gebäude mit Fenstern im Erdgeschoß, hinter denen sich die Frauen wie hinter Auslagenscheiben aufhielten, damit die Männer auswählen konnten, mit wem sie Sex wollten. Rotes Licht hat die Frauen beleuchtet. Später bin ich in einem anderen Viertel von Seoul spazieren gegangen und habe dort Fleischereien gesehen, in denen das gesamte Angebot hinter den Schaufensterscheiben mit demselben roten Licht ausgeleuchtet wurde, um es schmackhafter aussehen zu lassen und den Leuten Appetit zu machen. Es hat mich sehr beeindruckt, dass beide Geschäftsmodelle im Grunde genommen Fleisch verkaufen und es darum geht, dieses Fleisch zu essen. Männer essen auch Frauen, also habe ich gedacht, dass ich das gut kombinieren kann. Vor allem, weil man Kitty als Katze betrachtet – nun ja, Kitty ist genau genommen eigentlich keine Katze, sondern ein Mädchen –, aber wenn ich an Katzen im Allgemeinen denke, sind die auch Fleischfresser. So kam ich dazu, die Fleischfresserei in dieses Stück zu integrieren …
Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 80
Satoko Ichihara: KITTY
25.–27. Mai 2025
Halle G im MuseumsQuartier
www.festwochen.at

