Wie wäre es, wenn Design und Körper plötzlich dasselbe meinen würden? Nähme man Nicola L.s Arbeiten beim Wort – oder eher bei den Gliedmaßen – dann könnte man meinen, dass sich in ihnen eine seltsame Nähe zwischen Sofakante und Schenkel, Schubladenfront und Frauenbrust auftut. Möbel, die aussehen wie Körper. Körper, die sich als bewohnbare Objekte tarnen. Oder war es andersherum?
In Nicola L.s Welt ist das kein Scherz, sondern subversiver Ernst mit einem Augenzwinkern. Ihre Objekte sind keine reinen Designstücke, sondern verkörperte Kommentare zur Rolle der Frau in Haus und Gesellschaft. Ihre Sofas, Lampen, Kommoden wirken auf den ersten Blick verspielt, charmant und ein wenig surreal. Doch unter der weichen Oberfläche aus Vinyl und Kunstpelz lauert eine klare Botschaft: Das Private ist politisch, und das Politische hat Form, Farbe und Silhouette. „Funktionale Skulpturen“ nannte sie das, aber in Wahrheit waren sie weit mehr: ein feministischer Raum, in den sich hineinsehen lässt. Kunst, die man hinlegen, benutzen und hinterfragen kann. Ein Couchtisch in Frauenform? Eine Lampe, die sich als Auge tarnt? Ein Kasten mit Kurven? Wer hier noch an dekorative Objektkunst denkt, hat wohl die Reißverschlüsse übersehen, die plötzlich Körper öffnen, anstatt nur Dinge zu verschließen.

Nicola L. „Sun & Moon Giant Pénétrables“, c. 1996, © Nicola L. Collection and Archive. Courtesy Nicola L. Collection and Archive und Alison Jacques, Foto: Michael Brzezinski
Die in Marokko geborene, französische Künstlerin Nicola L. (1932–2018), die ab Ende der 1960er-Jahre mit genau solchen Arbeiten zwischen Performance, Pop Art und Politik Aufsehen erregte, bekommt nun in der Kunsthalle Wien die erste große Retrospektive in Europa. Vom 27. Juni bis 14. September 2025 sind dort Skulpturen, Filme, Performances und Körperlandschaften aus über fünf Jahrzehnten zu sehen.
Körper, Kollektiv, Kostüm
Nicola L. wurde in El Jadida, Marokko, als Nicole Jeannine Suzanne Leuthe geboren. Sie studierte an der École des Beaux-Arts in Paris und fühlte sich dort bald, wie sie später erzählte, „asphyxiert von der alten Schule von Paris“. Ein Befreiungsschlag kam in Gestalt des argentinischen Künstlers Alberto Greco. Nach dessen plötzlichem Tod 1965 verbrannte Nicola L. ihre bisherigen Arbeiten – und begann ein neues Kapitel: Haut statt Leinwand, Körper statt Abstraktion. „The Screen for Three People – ein textiles Objekt für drei Körper – war der Anfang einer völlig neuen Werkgruppe, die der Kritiker Pierre Restany später als „Pénétrables“ bezeichnete.

Performance mit Nicola L.s „Red Coat“ in New Yorks Chinatown für Fernando Arrabals Film Adieu Babylone!, 1992, © Nicola L. Collection and Archive
Diese Textilskulpturen sind nicht nur Skulptur, sondern Einladung, Verkörperung, soziales Experiment. Ein Mantel, in den mehrere Menschen gleichzeitig hineinschlüpfen? Eine Struktur, die nur als kollektiver Körper funktioniert? Für Nicola L. war das eine radikale politische Geste: Beim Isle of Wight Festival 1970 führte sie zum ersten Mal die Performance „Red Coat“ auf, gemeinsam mit den brasilianischen Musikern Caetano Veloso und Gilberto Gil vor einem Publikum von 6.000 Menschen. „Same skin for everybody“ stand auf den Handschuhen, die sie danach verteilten. Das Publikum begann den Slogan zu skandieren wie ein Gebet. Als Pepsi-Cola danach anfragte, die Performance zu kaufen, war Nicola L.s Antwort klar: „Freedom is not for sale.“
Dass ihre Performances politisch waren, wurde ihr erst im Nachhinein wirklich bewusst. In einem Interview mit der Tate Gallery im Jahr 2015 reflektierte sie: „Ich hatte das Gefühl, ich verändere die Ordnung der Straße“, sagte sie über ihre Straßenversion des „Red Coat“, in dem fremde Menschen plötzlich miteinander verbunden waren. „Es war nie dasselbe, immer improvisiert. Und jedes Mal übernahm jemand die Führung.“ In einer Zeit, in der Körper oft zum Ort der Vereinzelung werden, schlägt Nicola L. das Gegenteil vor: den Körper als soziale Skulptur und kollektive Hülle. Dabei stellt sich die wohl unbequemste Frage: Wie nah dürfen wir einander wirklich kommen? Und wie viele Reißverschlüsse braucht es, bis eine Gesellschaft nicht mehr auf Reibung, sondern auf Resonanz gebaut ist? …
Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 81
Nicola L.
bis 14. September 2025
Kunsthalle Wien, MuseumsQuartier

