Southern State of Mind

„Hillbilly Orson Welles“: So hat Robert Duvall – väterlicher Freund und Mentor – Billy Bob Thornton einmal genannt, in Anspielung auf seine Südstaaten-Wurzeln. Und wohl auch auf das geheimnisvoll-geniale Wesen des Schauspielers, Drehbuchautors, Regisseurs und Singer-Songwriters zwischen Folk, Blues, Hillbilly und Country Rock.

„Goliath“ Stafel 2. Foto: Amazon Studios

Wie es denn so gewesen sei in der Außenwelt, fragt der Insasse einer Anstalt den wieder eingewiesenen, sediert wirkenden Karl: „It was too big“. Sein Blick geht ins Weite, jenseits der Fensterscheibe. Wie meistens, wenn er manuell nicht beschäftigt ist, signalisiert unablässige Handwaschbewegung sein Störungsbild. Sling Blade (Sling BladeAuf Messers Schneide, 1996; Regie, Hauptrolle und Drehbuch: Billy Bob Thornton) erzählt in sorgsam komponierten, weiträumigen Einstellungen von Karls Rückkehr nach 25 Jahren Haft – zurück in die beengte Provinz einer Kleinstadt in Arkansas, wo er seine Kindheit verbracht hat. Man erinnert sich dort vage an eine grauenerregende Bluttat: die Geschichte des als zurückgeblieben ausgegrenzten Jungen, Karl Childers, der seine Mutter mit ihrem Lover überrascht hatte, ihre Lustschreie fehlinterpretierte, den vermeintlichen Gewalttäter mit einer Sense massakrierte, und als er sein Missverständnis bemerkt, seine Mutter ebenfalls ins Jenseits beförderte.

„The Man Who Wasn’t There, 2001. Regie: Joel Coen

Ein Blues aus dem Jenseits

In einem elfjährigen Jungen, so alt wie Karl zum Zeitpunkt der Tat gewesen war, gewinnt dieser nun einen Freund fürs Leben. „I like the way he talks“, sagt der kleine Frank, „Sounds like a race car motor“. Thornton spielt den Zurückgebliebenen mit einer gepressten kehlig-rauen Stimme, dem beständig einsetzenden Sprachtick eines bekräftigenden Grunzens, aus angespannter, ausweichender Körperhaltung mit abgewandtem Blick. „Der Mann spricht, als sänge er einen Blues aus dem Jenseits. Mit der gestauten Monotonie einer retardierten Seele, die die Erinnerung gleich ganz zerreißen will.“ (Martin Walder, NZZ, 1997) Die Integration von Karl, der an John Steinbecks Figur Lenny aus dem Roman „Of Mice and Men“ denken lässt – unter guten Menschen der Nachbarschaft, in einem Klima von Ruhe, Zeit und Geduld, könnte sie gelingen. Doch unter den Bedingungen familiärer Gewalt muss Karl eine weitere Bluttat auf sich nehmen, das Monster eines bösen Stiefvaters töten, um Franks Kindheit zu retten.

Den Stoff entwickelte Billy Bob Thornton über Jahre, auch als Solo-Theaterstück, in einer Zeit seines Lebens, den 1980ern, als er sich mit Auftritten in TV-Serien mühsam durchschlagen musste. Mitte der 1990er-Jahre wurden Independent-Produktionen auf einmal erfolgreich, ganz unerwartet ging der Oscar für das Beste Original-Drehbuch an Thornton; was seine Regieführung sowie den Best Actor Award für die Hauptrolle betrifft, blieb es bei der Oscar-Nominierung.

Naturgemäß nahmen die Angebote in der Folge zu, aber Thornton wirkte erstmal nur in einem einzigen Blockbuster mit: Armageddon (1998, Michael Bay). Als er in seiner Rolle als NASA Flight Director im Gespräch mit dem US-Präsidenten ist und dieser ihn nach dem zu erwartenden Ausmaß der Katastrophe durch den Asteroiden fragt: „How big are we talking here?“ entgegnet Thornton gemäß Rollentext: „It’s the size of Texas, Mister President.“ – „Ich dachte, okay, ich kann mal einen Anzug und eine Krawatte tragen und verdiene ein bisschen Geld“, erklärte Thornton 2002. „Aber dann fängt man an zu drehen und stellt fest, sie produzieren das wie ein Rockvideo – die Schauspielerei ist völlig nebensächlich. Da hab’ ich gemerkt, ich kann so was einfach nicht.“

Mit Heath Ledger in „Monster’s Ball“, 2001. Regie: Marc Forster

Abschweifung

Auch ein Film wie Bandits (2001, Barry Levinson), ein Gangsterfilm und Road Movie, eine Studie über die Westküstenlandschaft zwischen Oregon und Tijuana kann als eine Abschweifung Billy Bob Thorntons in den Mainstream gelten. Joe und Terry (Bruce Willis und B.B. Thornton) sind als ungleiche Typen: „Mr. Action Figure vs. Brains and Sensibility“ konzipiert, gegenüber dem physisch dominierenden Macho-Part von Bruce Willis steht Terry/Thornton für das Intellektuell-Reflektierende, Zögernde mit einem Hang zur Hypochondrie. Zusammen sind sie aus dem Staatsgefängnis in Oregon ausgebrochen, ziehen hinunter nach Kalifornien, rauben auf dem Weg per Verfahren einer Art höflichen Geiselnahme ein paar Banken aus. Eine Frau, Kate, die genug hat vom Hausfrauenleben (Cate Blanchett), schließt sich ihnen an und gemeinsam, in einer Ménage-à-trois, träumen sie von einem Neubeginn in Mexiko, wobei Kate ihren idealen Partner als eine Kombination aus beiden, Joe und Terry, sieht. Jules et Jim ist in diesem Film aufzufinden, ebenso Bonnie and Clyde.

In Oliver Stones U-Turn (1997) spielt Thornton den grotesken Redneck-Autoschrauber Darrell – beballert, schmierig, übergewichtig –, der der Hauptfigur (Sean Penn), unterwegs im roten Mustang Convertible, Baujahr ’64, eigentlich just a passenger, im Wüstenort Superior, Arizona, zum leibhaftigen Albtraum wird.

In The Apostle (1997) von und mit Robert Duvall (der im Jahr 1996 in Thorntons Film Sling Blade den Vater der Hauptfigur spielt), eine Produktion um charismatische Reli-giosität, missionarische Kraft und die Rolle der Unterhaltung in der amerikanischen Frömmigkeit, ist Billy Bob Thornton mit der Rolle des „Troublemaker“ besetzt, eines ungläubigen Arbeitslosen, der eine Kirche mit der Planierraupe niederwalzen will, in seiner verletzlichen Aggressivität aber vom selbsterklärten Apostel bekehrt werden kann.

„Landman“ Serie, seit 2024 auf Paramaunt+

Der moderne Mensch

An der Besetzung des Friseurs Ed Crane in The Man Who Wasn’t There (2001) von Joel und Ethan Coen hing der komplette Existenzialismus ihrer Drehbuchvorstellung von der Erzählinstanz, die man übersieht, an die sich niemand erinnert, die wie eine geheimnisvolle Leerstelle im Zentrum dieses Neo-Noir-Films prangt. „Ed is Billy Bob’s character.“ (Joel Coen) Als Drehbuchautoren schien ihnen nicht bewusst gewesen zu sein, was für eine starke Figur sie hier entworfen hatten, als sie die ersten Auftritte von Billy Bob in dieser Rolle sahen. Thornton brachte ihren Ed zum Leben – wenn das kein Oxymoron wäre. Sein Metabolismus sei langsam. „Me – I don’t talk much. I just cut the hair.“ Scherenklappern und das schwere Schnappgeräusch eines Metallfeuerzeuges. „Everything that could go wrong does go wrong, but Ed doesn’t flinch. His tormented soul holds him hostage.“

„Was Sie da sehen, ist der moderne Mensch …“, sagt eine Nebenfigur auf einem Empfang mit Blick auf Ed. Die Kamera zeigt einmal mehr das durchweg von undurchsichtiger Sorge, Vorsicht und Lebensskepsis erfüllte Gesicht des Friseurs. Unablässig wird diese Anstrengung des Lebens, die sich in Eds Miene niederschlägt, begleitet von seinem ständigen Rauchen – die Zigarette scheint zu einer Existenzbedingung geworden, zu einem Teil seines Primärstoffwechsels. Die gestisch-haptische Handhabung dieses unablöslichen Vorgangs bildet eine eigene szenische Disziplin, der sich diese Figur unterwirft – eine Figur, die im Grunde Leere verkörpert – eine Zwischenlage zwischen Leben und Tod, ein Zustand, in dem die Existenzformen aller anderen – ja die Existenz selbst – ein einziges Rätsel bleiben. „Der Schauspieler reduziert seine äußeren Bewegungen auf ein Minimum und lässt so seine physische Präsenz gegen seine Rolle wirken“, so Gunter Göckenjan (Berliner Zeitung, 3.11.2001). „Seit Humphrey Bogart hat das niemand mehr so eindrucksvoll gemacht.“

Die fantasieanregenden Geschichten über ihn, nachdem sich der Schauspieler, Autor, Regisseur und Musiker mit der 20 Jahre jüngeren Angelina Jolie verheiratet hatte, seien durchweg „horseshit“, erklärte er Anfang des neuen Jahrtausends jedem Pressemenschen, der ihm damit kam, diese Geschichten und Gerüchte um Tätowierungen, Körperschmuck, Blutkonserven, auch in kleinen Kapseln um den Hals, das kleine Mausoleum, das Angelina ihrem Billy schon erworben haben soll …

Kennengelernt hatten sie sich bei den Dreharbeiten zu Pushing Tin (Turbulenzen und andere Katastrophen 1999, Mike Newell), eine Filmkomödie über zwei coole Fluglotsen, ihre Frauen und die zeitweiligen Abschweifungen miteinander. Ein heftiger Konkurrenzkampf entspinnt sich, in dem Thornton den gelassenen, ruhigen Neuling der Abteilung gibt, einen Kontrollfreak mit Zen-Ruhe, einen Großstadtindianer im schwarzen Leder mit lakonischem Understatement (seine Filmpartnerin: Angelina Jolie, Lara Croft: Tomb Raider stand noch bevor), im schönsten Kontrast zu John Cusack (Filmpartnerin: Cate Blanchett) als arrogantes Alpha-Tier, dem Platzhirschen und Fluglotsenstar im Tower.

One False Move

Billy Bob Thornton wurde am 4. August 1955 in Hot Springs, Arkansas, geboren. Sein Vater war Basketballtrainer an einer High School, er starb, nachdem Billy Bob mit 18 seinen Abschluss gemacht hatte. Seine Mutter ist Wahrsagerin und hat ihm den Oscar schon früh vorausgesagt, heißt es, bevor er sich auf Schauspiel und Schreiben verlegte. „First it was rock ’n’ roll, then it was baseball. I thought I’d try to be a professional baseball player because I was pretty good in high school. Then when I went to try out for the pros, I got injured, busted my collarbone, and that was the end of that.“ (2001) …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 81

 

 

| FAQ 81 | | Text: Jörg Becker
Share