Zwischen Ritual und Rebellion

Damien Jalet bringt mit „Thrice“ eine poetische Trilogie der Elemente zum ImPulsTanz-Festival in Wien. In drei kraftvollen Stücken verwebt der gefeierte Choreograf Bewegung, Natur, Mythos und Zeitgeschehen zu einer sinnlich aufgeladenen Bühnenreise.

Damien Jalet „Thrice“ Brise-lames © JR

Wenn sich Ende Juli die schwere Sommerhitze über Wien senken wird, erwartet das Publikum von ImPulsTanz im Dunkel des Volkstheaters eine berührende Reise durch die Elemente. Der renommierte Choreograf Damien Jalet bringt mit „Thrice“ drei kurze Tanzwerke auf die Bühne – eine Trilogie, die nicht nur Elemente der Natur beschwört, sondern auch die Essenz von Bewegung, Ritual und Transformation offenbart. Die österreichische Erstaufführung beim ImPulsTanz-Festival ist mehr als nur ein Gastspiel: Es ist eine Rückkehr zu einem Ort, an den Jalet immer wieder zurückkommt, seitdem er hier vor 20 Jahren das ebenfalls dreigeteilte Stück „Three Spells zeigte.

Thrice versammelt drei Stücke aus sehr unterschiedlichen Kontexten: „Gusts“, „Médusés“ und „Brise-lames“. Sie entstanden etwa während der Pandemie, in Museen oder als Teil filmischer Experimente, und wurden nun zu einem abendfüllenden Werk verwoben, das nicht nur mehr als eine klassische Triple Bill ist, sondern zugleich auf metareflexive Art mit dem Format spielt. „Ich wollte einen poetischen roten Faden finden, der die einzelnen Stücke miteinander verbindet“, erzählt Jalet im Interview.

Diese fand er schließlich zufällig in dem Gedicht „Viento, agua, piedra“ des mexikanischen Autors Octavio Paz. „Es beschreibt die gegenseitige Durchdringung elementarer Kräfte. Wir sind aus Wasser gemacht, wir sind aus Materie gemacht, wir sind aus Feuer gemacht. Wir sind auch aus der Luft gemacht, die wir atmen müssen, um zu überleben.“ Für Jalet, der bekannt ist für seine genreübergreifenden Kooperationen mit Kunstschaffenden wie Madonna, Thom Yorke oder JR, erwies sich diese Metapher angesichts der weltpolitischen Geschehnisse der vergangenen Jahre als höchst zeitgemäß und eröffnete ihm zugleich die Möglichkeit einer Rückbesinnung auf die reine Körperlichkeit im Tanz – abseits spektakulärer Bühnenshows oder internationaler Filmsets. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Nagelhus Schia Productions für Damien Jalet ein entscheidender Motor für die Entstehung von „Thrice“. Das norwegische Ensemble unter der künstlerischen Leitung von Guro Nagelhus Schia und Vebjørn Sundby bietet ihm nicht nur organisatorische Freiheit, sondern auch ein kreatives Umfeld, das ungewöhnlich offen ist. „Es fühlt sich an wie ein Repertoire-Ensemble, das mir aber die Möglichkeit gibt, meine eigenen Tänzerinnen und Tänzer auszuwählen“, sagt Jalet.

Damien Jalet „Thrice“ Brise-lames © JR

Bereits 2020 hatte die Zusammenarbeit mit NSP zur gefeierten Produktion „DuEls im Vigeland-Museum geführt, die später von Jonas Åkerlund als Film adaptiert worden ist. Für „Thrice“ entstand ein intensiver Probenprozess, bei dem Jalet nicht nur choreografisch arbeitet, sondern die Tänzerinnen und Tänzer inhaltlich und spirituell einbindet: „Ich will, dass sie die Bilder wirklich tief spüren, dass sie ihr volles Potenzial entfalten. Ich lasse sie nicht einzeln von Assistenten trainieren, sondern bin für sie da, um sie zu fördern.“

Anders als viele seiner früheren Werke verzichtet „Thrice“ auf aufwendige Bühnenbilder oder theatrale Illusion. „Ich wollte zurück zu meinen Wurzeln – zur Bewegung selbst, zur Präsenz der Körper“, erklärt Jalet. Die Bühne wird durch drei unterschiedlich gestaltete Tanzböden gegliedert, die wie Seiten eines Buches aufgeblättert werden. Die Tänzerinnen und Tänzer selbst entrollen sie in einer Art zeremonieller Geste, woraufhin erst die raffinierte Lichtregie das materiell minimalistische Bühnenbild in Szene setzt.

Diese Klarheit erlaubt es, die Kraft der Bewegung neu zu entdecken: „Ich konnte mich auf jedes Detail der Choreografie konzentrieren – auf eine Fingerbewegung, auf den Atem“, so Jalet. Besonders in „Gusts“, einer Zusammenarbeit mit dem norwegischen Star-Saxofonisten Bendik Giske – am Premierenabend bei ImPulsTanz mit auf der Bühne –, entstehe in der Verbindung von Tanz und Saxofonspiel etwas Unvorhersehbares, eine explosionsartige Energie. Giskes Musik, die Jalet als ebenso körperlich wie transzendental beschreibt, ist geprägt durch zirkuläres Atmen und referenziert damit auch zurück auf die Metapher des Windes, des Atmens und des Kreislaufs der geteilten Luft.

Damien Jalet © Rahi Ravinarez

Was in „Thrice“ mitschwingt, ist nicht nur eine ästhetische Rückkehr zur Essenz, sondern auch ein Kommentar auf die Bedingungen der Gegenwart. Die Werke entstanden in einer Zeit politischer und ökologischer Unruhe – von Pandemie über Flüchtlingskrisen bis hin zur Klimakatastrophe. Jalets Stücke sind nicht explizit politisch, aber sie greifen die Motive dieses Weltgeschehens auf. In „Brise-lames“ etwa taucht am Ende ein aufblasbares Rettungsboot auf – eine stille, aber eindringliche Erinnerung an die Realität jener, die auf dem Meer ihr Leben riskieren.

„Brise-lames“ wurde ursprünglich für die Pariser Opera Garnier geschaffen, aber wurde dort nur für die Fernsehaufzeichnung performt – weiteren Aufführungen kam der Lockdown dazwischen. „Es war ein Stück, das mir viel bedeutet, aber nie live zu sehen war“, erzählt Jalet. „Jetzt kann ich es endlich auf die Bühne bringen.“ Auch „Les Médusées“, ein kurzes Trio, das einst im Louvre gezeigt wurde und Jalet durch die Einladung des Regisseurs Luca Guadagnino zur Arbeit am Film Suspiria führte, erhält in „Thrice“ eine neue Dimension: Als „Les Médusées“ wird es erstmals nicht im musealen Raum, sondern auf einer Bühne performt. Untermalt von Live-Percussion und mit neuer Lichtregie, erhält das an den Medusa-Mythos angelehnte Wechselspiel von Selbst-Beobachten und Beobachtet-Werden auf der Bühne auch eine zusätzliche inhaltliche Dimension …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 81

 

THRICE
Damien Jalet / Nagelhus Schia Productions
28. & 30. Juli, 21:00 Uhr, Volkstheater
www.impulstanz.com

 

| FAQ 81 | | Text: Kathrin Heinrich
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