Eine Kindheit in der Altmark in den letzten Jahren des deutschen Kaiserreichs: Die kleine Alma (Hanna Heckt) schleicht sich durch das geräumige Bauernhaus ihrer Familie, lugt durch Schlüssellöcher und offene Türspalte, entdeckt die Welt. Gemeinsam mit ihren älteren Schwestern spielt sie der Magd gleich zu Beginn einen üblen Streich. Kaum geht die tüchtige Berta auf den Hof hinaus, hämmern die Mädchen ihre Hausschuhe mit dicken Nägeln auf dem harten Dielenboden fest, so dass die Angestellte bei ihrer Rückkehr kopfüber in die Stube fällt. Die Kinder lachen. Doch für einen Moment stellt sich die Magd bewusstlos, springt schließlich auf und jagt die kreischenden Bösewichter um den langen Esstisch. Im nächsten Moment beobachtet Alma heimlich, wie ihre vor langer Zeit verstummte Mutter mit einem spontanen Anfall von Erbrechen ringt.
Susanne Wuest spielt in Mascha Schilinskis In die Sonne schauen die sichtlich tief gequälte Bäuerin Emma, die in den 1910er-Jahren in Norddeutschland eine Schar von Kindern großzieht. In dem äußerst behutsam ausgewählten Ensemble des Films ist die österreichische Schauspielerin eine kleine Sensation neben vielen. Mädchen und Frauen jeden Alters kommen in den rätselhaft miteinander verwobenen Geschichten zum Vorschein. Verschiedene Leben, die sich insgesamt über etwa ein Jahrhundert erstrecken. Schauplatz ist dabei stets das besagte Gehöft, ein sogenannter Vierseithof, der ebenso wie die Menschen, die ihn bewohnen, von der Zeit gezeichnet ist.

Während Almas Familie sich mit befremdlicher Unerschrockenheit auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorbereitet, machen die Kinder dieser strengen Gemeinschaft bereits früh Bekanntschaft mit dem Tod; an Allerheiligen wird ihren verstorbenen Geschwistern und anderen Verwandten mit morbiden Fotos gedacht, auf denen die Leichen in ihren besten Kleidern auf einem Sofa platziert zu sehen sind. Eines der verstorbenen Mädchen auf den Abbildungen gleicht Alma so sehr, dass ihre Schwestern der Kleinen glauben machen, sie selbst sei darauf zu sehen. Die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit ist nur eine der prägenden Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit erlebt.
Almas Figur ist eng verbunden mit dem, was in den folgenden Generationen passiert. Kaum schließt sich eine der knarrenden Türen im Haus, geht sie plötzlich in den 1940er-Jahren wieder auf, wo die Teenagerin Erika (Lea Drinda) ihre häuslichen Pflichten vernachlässigt. Anstatt sich um die Schweine im Hof zu kümmern, ist sie fasziniert von ihrem Onkel, Almas älterem Bruder Fritz (Martin Rother), der oben in der Kammer liegt, weil ihm vor kurzem ein Beim amputiert wurde. „Tatsächlich war es das Bild von Erika, dass mir beim Schreiben als erstes in den Sinn kam, ohne, dass ich es selbst greifen konnte“, erinnert sich Mascha Schilinski. „In meiner Vorstellung sah ich eine Frau auf einem Bein mit Krücken. Dann entbindet sie das andere Bein. Daraus hat sich dieser Phantomschmerz entwickelt, der sich durch den gesamten Film zieht, und der auch ein Stück weit zum Sinnbild für das geworden ist, was diese Frauen erleben. Dass sie über Generationen hinweg ein Leid spüren, dessen Ursprung sie nicht mehr ausmachen können.“

Später, in den 1980er-Jahren, wird Erikas Nichte Angelika (Lena Urzendowsky) zum Mittelpunkt der unerwünschten Aufmerksamkeit ihres aufdringlichen Onkels Uwe (Konstantin Lindhorst) und seines Sohnes Rainer (Florian Geißelmann). Die Altmark und damit auch der Vierseithof gehören inzwischen zu Ostdeutschland. Das macht den Alltag für das aufgeweckte Mädchen und ihre Eltern nicht einfacher. Der Vater wirtschaftet mit seinem altern Trecker so gut es geht die staubigen Felder; die Mutter meistert den Haushalt. Aber auch sie hat längst verlernt, was es heißt, ausgelassen oder gar glücklich zu sein. Scham und Schuld und eine undefinierbare Sehnsucht plagen sie; Angelika rebelliert zwar, doch gleichzeitig passt sie sich unbemerkt an. Sie reflektiert, aber mit getrübtem Blick.
Erst auf der vierten, der gegenwärtigen Erzählebene ist die Verbindung des Clans zum Bauernhof abgebrochen. Lange stand das Gehöft leer. Eine junge Familie mit zwei Töchtern macht sich nun daran, das alte Haus zu renovieren. Aber die Melancholie und der Schmerz, die sich über die Jahrzehnte tief ins Gemäuer gefräst haben, sind schwer zu beseitigen. All die Misshandlungen und Demütigungen, die Frauen früherer Generationen hier erdulden mussten, sind Traumata, die noch Jahrzehnte später in den Räumlichkeiten zu spüren sind.
In die Sonne schauen ist ein Film, der Aufmerksamkeit erfordert. Nicht nur das, was man sieht, wird mit Bedeutung aufgeladen. Wichtiger ist vielmehr, was bewusst im Verborgenen bleibt. „Immer wenn wir versucht haben, eine Art klassische dramatische Handlung zu konstruieren“, sagt Schilinski, die das Drehbuch gemeinsam mit ihrer Ko-Autorin Louise Peter verfasste, „hat sich der Stoff komplett dagegen gewehrt – und ich mich insgeheim auch. Ich hatte Lust, was ganz anderes herauszufinden, wollte schauen, wo Narration im Kino noch hingehen kann“

Der daraus entstandene Film handelt vom Erinnern, von all den Erlebnissen und Erfahrungen, die sich über die Zeiten hinweg in Körper und Seele manifestieren. „Uns ging es darum, das eigentlich unmögliche Zeugnis von einer kollektiven Erfahrung einzufangen. Bald wurde jedoch klar, dass dies für uns nur möglich sein würde, wenn wir jeweils den radikal subjektiven Blick dieser vier Protagonistinnen einnehmen, die sich nicht kennen und die doch auf eine geheimnisvolle Weise miteinander in Beziehung stehen.“ In der Verknüpfung entstehen daraus seltsame Echos, auf emotionaler und historischer Ebene. Auch dunkle Anspielungen auf Vergewaltigung, Sterilisation und die schwierige Lage der Mägde und Frauen, die sich in einer patriarchalen Gesellschaft behaupten mussten, sind stets präsent, ohne dass Schilinski jemals aufdringlich den Finger in die Wunde legt. „Die Nüchternheit, dieser extreme Pragmatismus, der vor allem in den früheren Generationen herrschte, hat mich sehr beschäftigt.“ Man spürt den Willen zur Beherrschung in jeder Einstellung, im unprätenziösen Ton. Gleichzeitig zeugen die Bilder, die der Kameramann Fabian Gamper findet, von einer besonderen Haptik und fast erdrückenden Sinnlichkeit. Manchmal scheint es, als wollten sie den Protagonistinnen buchstäblich einen Teil der Last nehmen, ihnen Trost, etwa Halt und die Gewissheit schenken, dass sie nicht allein mit ihrem Schicksal sind.
Mit ihrem zweiten Spielfilm hat Schilinski ein assoziatives Drama mit Ecken und Kanten geschaffen. Hundert Jahre deutsche Geschichte in einen Film zu pressen ist, ist eine sperrige Angelegenheit. Die Jury in Cannes ließ sich davon nicht abschrecken, ehrte die Regisseurin für ihre mutige Inszenierung mit einem der wichtigsten Preise. Und auch beim Publikum löste der Film einen Begeisterungssturm aus, der bis heute anhält. So wie auch einzelne Sätze aus dem Drehbuch nachhallen: „Zu dumm, dass man nie weiß, wann man am glücklichsten ist“, zum Beispiel. Schilinksi selbst ist während der Recherche immer wieder an solchen Aussagen hängen geblieben. „Was wir fanden, war nicht viel. Vorwiegend handelte es sich um einzelne Kindheitserinnerungen, die sich wie Erzählungen von einem verlorenen Paradies anfühlen; idyllische Beschreibungen, verfasst wie im Plauderton. Doch manchmal standen kleine Bemerkungen darin, über die wir gestolpert sind, wie: Ich habe eigentlich ganz umsonst gelebt. Als ich das las, war ich sehr berührt. Ich fragte mich, wie viele Menschen heute immer noch einfach nur ihre Zeit überdauern, anstatt wirklich zu leben.“

Die Traurigkeit hinter diesem Gedanken dringt tief ein in die Textur von In die Sonne schauen. Das gilt nicht nur für die weibliche Figuren. Ebenso wenig sind die angesprochenen Traumata allein mit den großen historischen Geschehnissen wie Krieg oder die Teilung Deutschlands verknüpft. „Das können ganz kleine, unscheinbare Momente sein, die sich für immer unter unsere Haut brennen“, erklärt Schilinski. „Der Film versucht erfahrbar zu machen, was uns im echten Leben verwehrt bleibt: den Blick zugleich in ein Davor und ein Danach zu werfen.“
Der 1984 in Berlin geborenen Regisseurin gelingt es, die Parallelität von Zeit auf atemberaubende Weise zu vermitteln. Verknüpft werden die verschiedenen Erzählebenen durch einzelne Motive, die im Film immer wiederkehren, wie der Schweißtropfen, der sich im Bauchnabel verfängt, oder die bedrohliche Anziehungskraft der Elbe, die nicht zuletzt die Grenze zwischen Ost und West markiert. Überhaupt die Natur: das satte Gold und Grün der Felder, die Sommersonne, das Rauschen der Blätter, Regen und Sturm. Auch in der Klanglandschaft dominieren wiederkehrende Elemente wie eine plötzlich hereinbrechende absolute Stille oder ein aufmüpfig aufbrausendes Rauschen und Knistern auf der Tonspur, das sich den in samtigem Licht gefilmten Innenräumen des Bauernhauses energisch entgegenstellt.
Schilinskis ambitionierte Versuchsanordnung über das Erinnern und Verdrängen ist ein komplexes Werk von beeindruckender, sperriger Schönheit, das vor Leben sprüht und vom Tod überschattet wird. Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, in diesem Fall den Vergleich zu Das weiße Band von Michael Haneke zu bemühen. Auch In die Sonne schauen erzählt eine generationsübergreifende Geistergeschichte, die bei aller Strenge und Pein immer wieder auch Momente voller Leichtigkeit und Leidenschaft findet. Und in Vergessenheit geraten wird dieser Film so schnell ebenfalls nicht.
IN DIE SONNE SCHAUEN
Drama, Deutschland 2025 — Regie: Mascha Schilinski
Drehbuch: Mascha Schilinski, Louise Peter; Kamera: Fabian Gamper; Schnitt: Evelyn Rack; Musik: Michael Fiedler, Eike Hosenfeld; Kostüm: Sabrina Krämer; Szenenbild: Cosima Vellenzer
Mit: Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, Susanne Wuest, Zoe Baier, Martin Rother, Luise Heyer, Lea Drinda, Konstantin Lindhorst, Florian Geißelmann, Greta Krämer, Filip Schnack
Verleih: Neue Visionen, Filmladen, 149 Minuten
Fotos: Studio Zentral
Kinostart: Deutschland – 28. August, Österreich – 7. November 2025

