Manche Songwriter haben im Wesentlichen mit ihren ersten beiden Alben alles gesagt; was danach folgt, sind solide Arbeiten mit ein paar Ausreißern nach oben. „Mittelschwere Ekstase“ ist Anna Mabos viertes Album, und sie zeigt hier, dass sie eine Künstlerin ist, die beständig wächst. Das Unverwechselbare an Mabo ist ihr liebevoller und zugleich scharfer Blick auf ihre Generation sowie die Sprachkunst, mit der sie ihre Lieder zu Kleinoden veredelt. Kein Reim und keine Wendung sind vorhersehbar, und ihr Mut, laut zu sein und sich gelegentlich auch dem Pop einer Judith Holofernes anzunähern, fügt dieser Schatzkiste weitere Perlen hinzu. Ein weiterer Grund für die Weiterentwicklung ist sicher auch das blinde Verständnis mit ihren Mitstreitern, dem vielbeschäftigten Cellisten Clemens Sainitzer und dem Schlagzeuger Alexander Yannilos, die sich schlicht „die Buben“ nennen. Einer der vielen Höhepunkte ist „Instandhaltungsphase“, die Bestandsaufnahme einer erschöpften Beziehung, die in weiten Teilen anhand des Kraftwerks Zwentendorf erzählt wird – ein Musterbeispiel dafür, wie viele Geschichten ein einziges Lied erzählen kann. Und das ist nur eines von vielen Beispielen, wie Anna Mabo und die Buben den Möglichkeiten des Songwritings neue Facetten hinzufügen und uns so erlauben, neue Räume zu entdecken. Wehmut beschleicht einen nur bei dem Gedanken, dass man auf das nächste Album wohl zwei Jahre warten muss.

Anna Mabo „Mittelschwere Ekstase“ (Bader Molden Recordings)
James Harries ist ein Wunder auf vielen Ebenen. Dass er noch immer keinem wirklich breiten Publikum bekannt ist, grenzt an ein Mirakel; andererseits können ihn diejenigen, die ihn für sich entdeckt haben, immer noch im kleinen Rahmen erleben und seine Songs aus nächster Nähe genießen. „Love & Desire“ ist das mittlerweile elfte Album des in Prag lebenden Engländers mit der großen Stimme. Nachdem er kurz mit dem Mainstream geliebäugelt und mit „Salvation“ den besten Robbie-Williams-Song seit „Angels“ geschrieben hat, kehrt er hier zu seiner Kernkompetenz zurück: Songs über die reale Möglichkeit der Liebe, die nicht kollabiert, sondern sich verändert, Krisen übersteht und dennoch weitergeht. Das alles ist eingebettet in sparsame, aber nie karge akustische Arrangements, die sich hin und wieder einen Bläsersatz aus der Schatzkiste des Soul ausborgen, jedoch nie die Songs und vor allem nicht die Stimme aus dem Zentrum verdrängen. James Harries hat der Welt schon viele gute Alben geschenkt; „Love & Desire“ ist nicht nur außergewöhnlich, sondern sein bisheriges Meisterwerk.

James Harries „Love & Desire“ (Tranzistor)
Das Stichwort Soul ist schon gefallen. Das Wiener Trio Sladek hat sich diesem Genre mit Haut und Haar verschrieben. Sie zelebrieren den Sound der späten sechziger und frühen siebziger Jahre mit einer ansteckenden Lust. Vorbilder wie Curtis Mayfield, Marvin Gaye, Donny Hathaway oder Isaac Hayes werden nicht verleugnet, doch Sladek loten nicht nur den Sound der Vorgänger aus, sondern auch deren Inhalte. Soul war stets auch ein Schrei nach Befreiung, nach Gleichberechtigung und nach grundlegender Veränderung. Auf ihrer vierten Veröffentlichung „Things Gotta Change“ knüpft das Trio nahtlos an Sam Cookes „A Change Is Gonna Come“ an und bringt den Soul in die Gegenwart.

Sladek „Things Gotta Change“ (SLK Records)
Mit 73 kann man als Legende ein großes, sentimental-tiefgehendes Abschiedsalbum aufnehmen – oder man lässt fünf gerade sein und freut sich des Lebens, das noch viel zu bieten hat. David Byrne wählt auf „Who Is The Sky“ definitiv die zweite Variante und verbannt den Weltschmerz in den Keller. Und er hat allen Grund dazu: Gerade erst brachte er zusammen mit Olivia Rodrigo den ausverkauften Madison Square Garden mit „Burning Down the House“, dem größten Hit der Talking Heads, zum Kochen. Ähnlich schwungvoll beginnt auch das Album mit dem wundervollen „Everybody Laughs“, das Byrnes Stärken und die des Ghost Train Orchestra in voller Pracht zeigt. Wenn er eine eingängige Phrase findet, ist Byrne noch immer ein Meister des Songs, bei dem selbst die letzte Reihe lauthals mitsingen kann. In der zweiten Hälfte neigt Byrne zwar zur hochqualitativen Routine, doch gerade hier platziert der Schelm den Song „Don’t Be Like That“, der so eindeutig an George Michaels „Faith“ erinnert, dass man ihn für diese Frechheit fast lieben muss. Von Langeweile jedenfalls keine Spur.

David Byrne „Who Is The Sky“ (Matador)
Für die ruhigen Stunden schreibt der schottische Songwriter und Schriftsteller James Yorkston seine Lieder. Wie Byrne ist er den Absurditäten des Lebens durchaus aufgeschlossen, doch sein Tempo entspricht dem der heimischen Natur. Sein drittes Album in Folge nahm er in Stockholm auf. Auf „Songs for Nina and Johanna“ singt er zusammen mit der früheren Cardigans-Frontfrau Nina Persson und Johanna Söderberg, einer Hälfte des famosen Duos First Aid Kit. Die Songs handeln von Erinnerungen an seltsame Episoden aus dem Tourleben, von Beziehungen in all ihren Schattierungen, von Familien und von all dem, was unser Privatleben ausmacht. Aufgenommen wurde natürlich live, und das lässt die Songs blühen. Koproduzent Daniel Bengtson ist hier ein großer Wurf gelungen, denn auch die Streicher klingen spontan und frisch – eine Seltenheit. Es mögen Songs von Erwachsenen für Erwachsene sein, aber sie sind schlichtweg zum Niederknien schön.

James Yorkston „Songs for Nina and Johanna“ (Domino Records)
Einer ganz anderen Form von Schönheit geben sich Alles Exhausted hin. Für die Band, die sich aus Mitgliedern von Culk, Pauls Jets, Jansky und den Fuzzybrains zusammensetzt, liegt die Schönheit im Zentrum des Orkans. Die Gitarren sind laut, der Gesang verschwindet fast – aber nie ganz. So entsteht eine Shoegaze-Orgie ersten Ranges. Beim Releasekonzert donnerten sie ihre Erschöpfung gegen die Wände, dass es eine Freude war, sich von der Wucht gefangengenommen zu fühlen. Die sieben Songs des Debüts „Alles Exhausted!“ überzeugen durch die gelungene Gratwanderung zwischen Dreampop und massiven Gitarrenwänden, die den deutschen Texten dennoch Raum zum Atmen lassen. Wer nur ein paar Minuten Zeit hat, sollte sich von „Alles so verbraucht“ überzeugen lassen – eine meisterliche Übung in musikalisch umgesetzter Depression.

Alles Exhausted „Alles Exhausted!“ (Siluh Records)

