Es gibt Fotografien, die wirken wie zufällige Begegnungen. Man stolpert in sie hinein, bleibt hängen und plötzlich ist da dieser Blick oder das Gefühl, ertappt worden zu sein. Lisette Model hat solche Bilder gemacht: Sie wirken ungeschönt, roh und haben doch eine leise Zärtlichkeit. Sie hielt Augenblicke fest, die uns sonst entgehen. Das erschrockene Gesicht, ein unbewachtes Lächeln oder die Müdigkeit in einer Geste. Nichts ist gestellt oder poliert. Manche Bilder ziehen uns in einen Moment hinein, der nicht für die Kamera gedacht war – und genau darin liegt ihre Kraft. Deshalb widmet die Albertina Lisette Model vom 30. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026 eine große Retrospektive: Ein Werk, das bis heute fasziniert, weil es das Ungeplante, Überraschende und Verletzliche ins Zentrum stellt.

Lisette Model – Lower East Side, New York City, 1940-1947
Silbergelatinepapier, 34,6 × 27,1 cm. ALBERTINA, Wien
©️ 2025 Estate of Lisette Model, courtesy baudoin lebon and Avi Keitelman
Zwischen Wien, Frankreich und New York
Lisette Model wurde 1901 als Élise Amélie Félicie Stern im 8. Bezirk in Wien geboren, in eine bürgerliche, mehrsprachige Familie, die zugleich von kulturellem Reichtum wie von inneren Brüchen geprägt war. Ihre Kindheit war kompliziert, geprägt von Nähe und Distanz, von musikalischer Strenge und persönlichem Schmerz. Früh lernte sie Klavier und Gesang, studierte bei Arnold Schönberg und Marie Gutheil-Schoder und bewegte sich in Kreisen der Avantgarde. Kunst präsentierte sich ihr nie nur als Technik, sondern als eine Form, die Welt zu deuten und einen Möglichkeitsraum jenseits des direkt Sichtbaren zu eröffnen. Nach dem Tod ihres Vaters verließ sie Wien, zog nach Paris und setzte ihr Gesangsstudium fort. Erst 1933 gab sie die Musik auf und wandte sich der Malerei und später der Fotografie zu. Die Kamera fand sie fast beiläufig, doch erst, als sie 1934 in Nizza begann, die mondänen Flanierenden an der Promenade des Anglais zu fotografieren, fand sie ihre eigentliche Sprache. 1935 veröffentlichte die Zeitschrift „Regards“ einige dieser Bilder – Nahaufnahmen, die Eitelkeit und Zerbrechlichkeit zugleich entlarvten. Es war ihr Durchbruch: Bilder, die respektvoll und gnadenlos wirken, ironisch und zugleich tief menschlich. In dieser Zeit begegnete sie auch dem Maler Evsa Model, den sie 1937 heiratete. Gemeinsam entschlossen sie sich, Europa zu verlassen und emigrierten 1938 nach New York.

Spiegelung, 1939-1945.
Silbergelatinepapier, 26,5 x 33,4 cm. ALBERTINA, Wien
© 2025 Estate of Lisette Model, courtesy baudoin lebon and Avi Keitelman
Die Direktheit des Blicks
In dieser Stadt voller Bewegung, Lärm und Gegensätze entfaltete sie ihren unverwechselbaren Stil. Ihre Kamera blieb nahe an den Menschen, immer auf Augenhöhe. Sie hielt Momente fest, die nicht für ein Publikum bestimmt waren: Badende in Coney Island, Stammgäste in verrauchten Bars, Musiker wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Bud Powell oder Dizzy Gillespie. Es sind Bilder, die so wirken, als seien die Menschen überrascht, überhaupt gesehen zu werden. Eine plötzliche Geste, wie in der Malerei. Die Linse streift wie ein Pinsel über die Gegenwärtigkeit – Blicke, die, wie aus einer Unachtsamkeit heraus, etwas Ungeplantes erwischen. Mal durchdrang sie die Oberfläche mit unmittelbarer Direktheit, mal fotografierte sie durch Schaufenster hindurch, sodass sich zwei Welten ineinander schoben. Diese Reflexionen wirken fast wie aus einer Zwischenwelt: nicht nur Dokumentation, sondern etwas Traumhaftes, fast Gespenstisches, das die Wirklichkeit überlagert. Und dann wieder das Gegenteil: In der Serie „Running Legs“ verlegte sie den Blick nach unten, auf die vorbeihastenden Füße, die Bewegung verdichtet und Flüchtigkeit aus der Perspektive des Bodens festhält. Immer wieder richtete sie ihre Kamera auf das, was eigentlich nicht fassbar war. Models Bilder sind keine neutralen Abbilder, sondern immer die Parteinahme für das Ungeschönte und Heimliche. Eine Schule des Sehens, die uns zwingt, dorthin zu schauen, was wir sonst übersehen …
Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 82
LISETTE MODEL
Retrospektive
30. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026
Albertina, Wien

