Ein Mann ein Job ein Abgrund

„No Other Choice“ ist eine brillant bissige Kapitalismus-Satire – und Park Chan-wooks Beitrag zur anhaltenden Krise auf dem Arbeitsmarkt. Im Interview spricht der Regisseur über Verzweiflung, KI und den Kampf gegen ein unsichtbares System.

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Niemand verliert gerne seinen Job. Schon gar nicht jemand wie Man-soo (Lee Byung-hun). Er liebt seinen Beruf und hat sich über die Jahre zum Experten in Sachen Papierverarbeitung gebildet. Seine Firma dankt ihm für seine loyalen Dienste mit einem stattlichen Aal. Doch kaum liegt die Raubfisch-Delikatesse auf dem Grill im Vorstadtidyll, wird dem zweifachen Familienvater gekündigt. Amerikanische Investoren haben einen Teil des Unternehmens gekauft und planen es technisch auf den neuesten Stand zu bringen, mit mehr KI und weniger Mitarbeitern. Man kennt das Spiel.

Auch die beängstigende Hoffnungslosigkeit, die Man-soo nach dem Verlust seiner Existenzgrundlage verspürt, ist den meisten Menschen vertraut. Man muss nicht erst mittleren Alters sein, um sich wertlos zu fühlen und auf dem beständig schrumpfenden Arbeitsmarkt ins Schleudern zu geraten. Die Konkurrenz ist groß, überall wird gespart und wegrationalisiert – Fachkräftemangel hin oder her. In der kapitalistischen Wettbewerbs-Gesellschaft überlebt nur der stärkste, klügste, gerissenste Kandidat und sichert sich so seine Zukunft, basierend auf der zynisch überspitzten Einsicht, dass Eigentum die beste Versicherung in unseren unsicheren Zeiten darstellt. Vielleicht liegt darin der größte Unterschied zwischen Park Chan-wooks bisherigen Filmen und der düsteren, bissigkomischen Thriller-Satire No Other Choice.

Waren seine Hauptfiguren bisher in der Regel hinterhältige, machiavellistische Wesen, die sich auf ihren Rachefeldzügen an alten Traditionen und langfristige Strategien orientierten, ist Man-soo nicht an Vergeltung gelegen. Er handelt aus einem Impuls der Verzweiflung heraus, um sich einen vermeintlichen Vorteil bei der Jobsuche zu verschaffen. Je weniger Bewerber ins Rennen um die eine neue Anstellung bei einem angesehenen Papierhersteller gehen, desto größer sind seine Aussichten auf Erfolg. Dafür müssen aber bereits in der Bewerbungsphase mehr als symbolische Köpfe rollen.

Der Ruf des 1963 in Seoul geborenen Südkoreaners als gewalttätiger Regisseur hat bisher zudem oft den feinen Sinn für Humor vernachlässigt, mit dem Park seine Geschichten mal mehr, mal weniger offensichtlich injiziert. Es ist seit seinem Durchbruch mit dem Mystery-Thriller Joint Security Area (2000) viel Ironie zu finden in den oftmals malerischen, detailverliebten Bildkompositionen des leidenschaftlichen Hobby-Fotografen, eine brutal bezaubernde Retro-Poesie. Da können seine Filme noch so blutig, grausam und extrem sein. Hinter der Gewalt verbirgt sich eine tiefe Wärme und Menschlichkeit – eine besondere Sensibilität für das Absurde und Drastische an der Condition humaine.

Lee Byung-hun in „No Other Choise“ ©2025 CJ ENM Co. Ltd. MOHO FILM, ALL RIGHTS RESERVED

Am ehesten verbindet man diese mysteriöse Harmonie von Rohheit und Empfindsamkeit in seinem Werken noch immer mit der „Vengeance“-Trilogie, zu der auch Oldboy (2003) gehört. Dabei hatte er die Filme zunächst nicht als Triptychon konzipiert, und es ist, wenn man der Sache gerecht werden will, in der Tat besser, sie als drei unterschiedliche Betrachtungen zum Thema Rache zu sehen. Erzählt werden darin jeweils die Geschichten von gewöhnlichen Menschen, die zu außergewöhnlichen Extremen getrieben werden. In der Hinsicht ist auch Man-soo in No Other Choice ein Komplize von ihnen, selbst wenn er sich als der ungeeignetste Killer von allen erweist. Doch was auch ihn mit Parks Figuren verbindet, ist seine Überzeugung und Willenskraft. Er ist ein Mann, der sich gewaltsam weigert, sich neu zu erfinden, nur weil es die kapitalistische Gesellschaft, in der er lebt, von ihm verlangt. Diese Idee auch nur in Betracht zu ziehen, kommt für ihn nicht in Frage. Mit kunstvoller Präzision konstruiert Park daraus die Tragödie eines gebrochenen Mannes, der kurz davor steht, weder das Netflix-Konto seiner Familie noch seine Hypothek aufs Haus weiterhin zahlen zu können – und der dafür bereit ist, sich seinen Weg zurück an die Spitze frei zu morden.

No Other Choice ist ein ebenso bedrückender wie unterhaltsamer Film – und Man-soo sicherlich einer der sympathischsten Anti-Helden seit langem. Die eigentliche, unsichtbare Hauptrolle aber spielt das System, das mit Menschen und Märkten sein Unwesen treibt und die Betroffenen zu immer extremeren Handlungen drängt.

Regisseur Park Chan-wook ©2025 CJ ENM Co. Ltd. MOHO FILM, ALL RIGHTS RESERVED

FAQ: Herr Park, Ihr Protagonist Man-soo wird in einem Vorstellungsgespräch nach seiner größten Schwäche gefragt. Was würden Sie antworten?

Park Chan-wook: Schwer zu sagen, aber ich weiß, dass ich nicht den Fehler begehen würde, daraus einen Witz zu machen. Das lässt einen nur dumm aussehen.

Haben Sie Verständnis für seine wachsende Frustration und Verzweiflung aufgrund seiner Arbeitslosigkeit?

Den entlassenen Angestellten, zu denen auch Man-soo gehört, bedeutet ihre Arbeit alles. Man spürt es, wenn Sijo sagt, die Papierherstellung sei für ihn eine ganz eigene Kunst. Gleiches gilt auch für uns Filmschaffende, die Crewmitglieder und alle anderen, die in der Branche tätig sind. Die meisten von uns lieben ihre Arbeit. Und natürlich hatte auch ich Phasen, in denen ich nicht wusste, wie es für mich als Regisseur und Autor weitergeht. Nur wäre ich selbst nie auf die Idee gekommen, einen Amoklauf zu starten. Mich persönlich hat in diesen dunklen Momenten das Drehbuchschreiben gerettet. Die Gewalt in meinen Filmen kommt nicht von ungefähr.

„No Other Choice“ basiert auf dem Horror-Thriller „The Ax“ von Donald Westlake. Der Roman erschien 1997. Sie haben sehr lange an der Adaption gearbeitet. Was konkret hat Sie an der Geschichte gereizt?

Als ich das Buch zum ersten Mal las, kamen mir direkt ein paar Ideen, was ich im Film anders machen würde. Obwohl das Original sehr gut war, hatte ich das Gefühl, ich könnte dem Ganzen noch eine weitere Dimension hinzufügen …

Lesen Sie das vollständige Interview in der Printausgabe des FAQ 82

 

NO OTHER CHOICE / EOJJEOL SUGA EOPDA
Drama/Komödie/Thriller – Südkorea 2025 — Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Jahye Lee, Don McKellar; Musik: Cho Young-wuk; Kamera: Kim Woo-hyung; Schnitt: Kim Sang-beom
Mit: Lee Byung-hun, Son Ye-jin, Park Hee-soon, Lee Sung-min
Kinostart: 6. Februar 2026

 

| FAQ 82 | | Text: Pamela Jahn
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