Kein Held in Sicht

Paul Thomas Anderson erzählt satirisch vom Widerstand gegen den neuen amerikanischen Rechtsradikalismus. Zwischen missglückten Revolutionen und politischen Parodien entfaltet sich ein Film, in dem jede Schlacht nur die nächste einleitet.

Im Oktober 1969 kam es in Chicago zu einer Serie von Protesten gegen den Vietnamkrieg, die später als „Days of Rage“ („Tage des Zorns“) bekannt wurden. Federführend war eine Gruppe, die sich gerade aus den ‚Students for a Democratic Society‘ heraus formierte, und die in Richtung einer terroristischen Untergrundbewegung mit marxistischer Ideologie tendierte: ‚Weatherman‘ oder ‚Weather Underground‘. In einer berühmten Proklamation aus dieser Zeit werden dem Polizeistaat der USA künftige Auseinandersetzungen angekündigt: „Pig Amerika Beware“. Von nun an wird eine Schlacht auf die andere folgen. „From here on it’s one battle after another“.

Es ist mehr oder weniger eindeutig, dass hier der Ursprung für den Titel des neuen Films von Paul Thomas Anderson liegt. Im Roman „Vineland“ von Thomas Pynchon, der oft als Vorlage oder zumindest als Inspiration für One Battle After Another genannt wird, kommt die Formulierung nicht vor. Das mag auch damit zu tun haben, dass der historische Fokus des Films die Gegenwart einer neuen faschistischen Bedrohung in Amerika ist. Während es Pynchon in einem weiteren Sinn um die Gegenkultur ging, die sich gegen den Nixon-Faschismus richtete, hält Anderson in seiner Erzählung offen, wann sie genau spielt – entscheidend ist nur ein Zeitsprung von sechzehn Jahren, der es erlaubt, dass eine neue Generation von Widerstand heranwächst.

Die Szene, mit der er einsteigt, wirkt in vielerlei Hinsicht, als wäre sie Gegenwart, wodurch der zweite Teil der Handlung sogar in Teilen als ein Zukunftszenario gesehen werden könnte. Eine Gruppe, die sich ‚French 75‘ nennt (bei Pynchon gibt es dazu keine direkte Entsprechung), überfällt ein Detention Center, in dem migrantische Menschen gefangen gehalten werden. Mit einem Ablenkungsmanöver ist bei der Aktion ein Mann namens Pat Calhoun beteiligt, Rufname „Ghetto“. Er arbeitet der glamourösen Anführerin Perfidia Beverly Hills zu, mit der er auch privat liiert ist. ‚French 75‘ gehört in den Kontext der linksradikalen Guerilla, die es in den reichen Ländern der Nachkriegsepoche in verschiedenen Ausprägungen gab: Action Directe in Frankreich, die Rote Armee Fraktion in Deutschland, die United Red Army in Japan, die Brigate Rosse in Italien, oder eben der Weather Underground in den USA. In der Gegenwart unter Donald Trump wäre die Entsprechung jene Antifa, gegen die der Präsident zunehmend die Methoden eines Polizei- bzw. Militärstaats aufbietet, wofür er den Gegner vorher propagandistisch aber erst stark machen muss.

Die Befreiungsaktion für die illegalen Einwanderer wäre eine „Schlacht“, ein Bankraub wenig später eine weitere, diese aber geht verloren. Und die French 75 gehen ganz buchstäblich in den Untergrund. Pat zieht in diesen sechzehn Jahren die Tochter groß, die er mit Perfidia hat: Willa (Chase Infiniti) ist die Figur, auf die alles hinausläuft. Pat lässt sich in diesen sechzehn Jahren aber auch deutlich gehen. Er räumt selbst ein, dass zuviel Gras und Alkohol sein Gehirn zerrüttet haben. Das erweist sich als Problem, als die Geschichte des Films nach dem besagten Zeitsprung erst so richtig einsetzt. Denn nun geht es darum, Willa vor dem Zugriff einer Organisation rassistischer weißer Vorherrschaftler („white supremacists“) zu bewahren. Dafür werden die Prozeduren, Ressourcen und Notfallpläne von French 75 reaktiviert. Da es sich um geheime Abläufe handelt, sind sie durch Passwörter geschützt. In dem Gehirn von Pat, der nun Bob Ferguson heißt, sind diese Codes nicht mehr aufzufinden. Er muss sich also mit brachialen Methoden und größtenteils auf eigene Faust durchschlagen, während Willa in einer wie am Schnürchen ablaufenden Mission in die Logistik von French 75 überführt wird. Und damit vor dem Zugriff von Colonel Steven J. Lockjaw geschützt wird, dem großen Gegenspieler, der für das reaktionäre, weiße Amerika steht. Sean Penn spielt ihn mit einem grimmigen Willen zur extremen Persiflage.

Es ist quasi Programm in One Battle After Another, dass die beiden weißen männlichen Stars nicht mehr die zentrale Heldenfunktion innehaben können, die so lange zumindest für die zentrale Figur im Schema reserviert war. Leonardo DiCaprio ist zwar eindeutig der Schauspieler mit dem größten Credit, aber er spielt einen jämmerlichen Revolutionär, der im Schlafmantel durch Actionszenen stolpert, und der erst gegen Ende hin seiner Verantwortung gerecht wird. Sean Penn tut alles, um die Verschwörung von oben, der Amerika gerade ausgesetzt ist, nach Kräften der Lächerlichkeit preiszugeben.

Umgekehrt ist aber auch die Figur von Perfidia Beverly Hills keineswegs eindeutig positiv konnotiert. Das hat mit der zentralen Idee der Geschichte zu tun, die hier nicht im Detail preisgegeben werden soll, die aber schon aus „Vineland“ im Wesentlichen vorliegt: Es geht um eine Erotisierung des Kampfs, oder – durchaus frivol – um eine Übertragung von sexuellen Rollenspielen auf die politische Positionierung. Perfidia, Pat und Lockjaw bilden ein symbolisches Dreieck, in dem „power“, „race“ und „gender“ durcheinander laufen. In erster Linie wird weiße Maskulinität mehrfach gebrochen, aber in der Figur von Perfidia werden auch Ikonisierungen schwarzer, weiblicher Gegenmacht problematisch. Im Grunde läuft One Battle After Another auf einen komplizierten Familienroman hinaus, wie ihn messianische oder Erlösungsfiguren oft haben: Von Willa könnte man sich, anders als von Pat und Perfidia, tatsächlich die Realisierung einer zentralen Idee in One Battle After Another erwarten. Willas Generation könnte womöglich eine Revolution gelingen. Das große Wort wird schon von Perfidia verwendet, realistisch in jenem paradoxen Sinn, der mit der Unvorstellbarkeit einer konkreten Revolution zusammenhängt, erscheint sie aber erst mit Willa – und als Perspektive jenseits des Endes der erzählten Geschichte in One Battle After Another.

Satire war immer ein wichtiger Aspekt im Werk von Paul Thomas Anderson, auch wenn er zum Beispiel mit Phantom Thread durchaus in andere Genre-Richtungen gegangen ist. Der Tonfall, den er 2014 mit Inherent Vice schon einmal auf Grundlage eines Pynchon-Romans angeschlagen hat, wird in One Battle After Another nicht zuletzt durch die dezidiert anti- und uncoolen Männerfiguren noch zugespitzt – eine Ausnahme bildet Benicio Del Toro, der als Karate-Sensei alle Attribute einer positiven, progressiven Identifikationsfigur hat, und der nicht von ungefähr Pat wieder in die Netzwerke des Widerstands integriert. Der Titel One Battle After Another deutet auf einen Geschichtsverlauf hin, der einen Fortschritt nicht wirklich erlaubt: eine Schlacht nach der anderen, ohne dass dabei etwas weitergeht. Das entspricht in etwa dem traditionellen Konzept Stadtguerilla, das in allen historischen Bezugsfällen mit Niederlage, Resignation oder in sinnloser Gewalt endete. Anderson aber hat offensichtlich im Sinn, diesen Wiederholungszwang zu durchbrechen. Pat Calhoun, gespielt von dem weißen Superstar Leonardo DiCaprio, ist eine Übergangsfigur zu einem kommenden Aufstand, mit dem vielleicht tatsächlich etwas Neues in die Geschichte einbrechen könnte.

Ausgezeichnet mit sechs Oscars in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Bester Nebendarsteller (Sean Penn) und Bestes Casting.

 

One Battle After Another
Drama/Thriller – USA 2025 — Regie, Drehbuch: Paul Thomas Anderson
inspiriert von Thomas Pynchons 1990 erschienenem Roman „Vineland“
Kamera: Michael Bauman; Schnitt: Andy Jurgensen; Musik: Jonny Greenwood; Production Design: Florencia Martin; Kostüm: Colleen Atwood
Mit: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Regina Hall, Chase Infiniti, Benicio del Toro, Alana Haim, Teyana Taylor, Wood Harris, Tony Goldwyn, D. W. Moffat, Kevin Tighe
Verleih: Warner Bros., 162 Minuten
Kinostart: 26. September 2025

| FAQ 82 | | Text: Bert Rebhandl
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