In einer Gegenwart, in der die Lebkuchenregale schon Ende August gut bestückt sind und spätestens nach Halloween der Tantiementopf von George Michaels Erben dank der globalen Dauerbeschallung mit „Last Christmas“ wieder prall gefüllt wird – und in der die eine oder andere Wunschliste bereits ihren Besitzer wechselt –, braucht der Mensch Oasen. Rückzugsorte, an denen Geschmack statt Stress und Genuss statt Konsum im Vordergrund stehen.
Genau eine solche Oase ist das Blue Bird Festival, das verlässlich Ende November im Porgy & Bess in der Wiener Riemergasse stattfindet. Heuer öffnet es von 20. bis 22. November seine Pforten, und wie jedes Jahr verspricht es eine Entdeckungsreise durch die unendlich vielen Spielarten des Songwritings. Das Blue Bird Festival ist mittlerweile beinahe ein eingetragenes Markenzeichen und steht für eine konsequente Subjektivität in der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler. Jedes Jahr gibt es neben etablierten Kräften auch Entdeckungen aus aller Herren Länder zu feiern, die sonst wohl nie den Weg auf eine Wiener Bühne gefunden hätten.

Zelda Weber © Markus Morianz
Bereits am ersten Abend darf man auf ein besonderes Projekt der US-Amerikanerin Jesca Hoop gespannt sein. Hoop, die eine bewegte Jugend hinter sich hat, widmet sich gemeinsam mit Lail Arad und Kate Stables (This Is The Kit) den Songs ihrer Heldin Joni Mitchell. Man darf tief empfundene Neuinterpretationen von Klassikern wie „Both Sides Now“, „Big Yellow Taxi“ oder „Morning Morgantown“ erwarten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Trio zeitweise von weiteren Gästen unterstützt wird. Dass dieses Projekt, das anlässlich des 80. Geburtstags von Mitchell entstand, in diesem Rahmen zu erleben ist, grenzt an ein Wunder.
An diesem ersten Abend wird außerdem die heimische Königin des Neo-Soul, Zelda Weber, einen Vorgeschmack auf ihr neues Album geben, und die Belgier Dressed Like Boys präsentieren ihre in Songs gefassten Wanderungen zwischen David Bowie, Marc Almond und den Dexys Midnight Runners.

Adrian Crowley © Mathieu Zazzo
Am zweiten Abend wird es dann noch internationaler. Was die Neuseeländerin Nadia Reid, den Iren Adrian Crowley, den Isländer Júníus Meyvant und The Zew aus Österreich verbindet, ist die Gitarre. Während Crowley seine Größe in der Ruhe findet und damit der poetischen Kraft der Tindersticks in nichts nachsteht, entführt Nadia Reid mit ihrer vielseitigen Stimme in Richtung Dream-Pop. Doch auch bei klassischen Soloauftritten erfüllen ihr Charisma, ihre Coolness und ihre Songs mühelos jeden Raum.

Chris Eckman © promo
Fast wie beim großen Jahrmarkt, der das Glastonbury Festival nun einmal ist, gibt es auch beim Blue Bird Festival einen inoffiziellen Legendenslot. 2025 wurde dafür Chris Eckman eingeladen, dessen Name untrennbar mit den Country-Rock-Helden The Walkabouts verbunden ist. Seit über 20 Jahren lebt er allerdings nicht mehr in Seattle, sondern in Slowenien, wo er in seinem Studio unter anderem mit Tamikrest, Dirtmusic oder Hugo Race arbeitet. Und nebenbei schreibt er Songs, von denen Fans nicht müde werden zu betonen, dass sie Seelen heilen können. Ihnen soll und kann man nicht widersprechen. In eine ganz andere Richtung führen an diesem Abend der Däne Lasse Matthiessen und vor allem Alicia Edelweiss, deren letztes Album „Furie“ heißt und auf dem sie es schafft, Wut in Schönheit zu verwandeln.

Alicia Edelweiss © Hanna Fasching
Und wer nach der Auszeit, die ihm das Blue Bird Festival ermöglicht hat, wieder Kraft für die Weihnachtszeit geschöpft hat, dem sei ein weiteres Konzert aus dem Blue-Bird-Umfeld empfohlen: Son Of The Velvet Rat bespielen am 6. Dezember die Bühne des Haus der Musik. Es bleibt zu hoffen, dass ihr Weihnachtsklassiker „Twilight Is Falling“ zu hören sein wird – die wohl endgültige Übersetzung des heimischen Liedes „Es wird scho glei dumpa“ ins amerikanische Songbook. „Silent Night“ in Ehren, aber dieser geniale Reimport trifft das Herz noch tiefer.
Blue Bird Festival 2025
20.–22. November
Porgy & Bess, Riemergasse 11, 1010 Wien

