Der Vorteil von kleinen Szenen in abgelegenen Orten ist die Zeit, die dort im Übermaß vorhanden ist: Zeit, sich zu finden, Zeit, Irrwege auszuprobieren und Zeit, seine Sinne zu schärfen, ohne gleich von Hipstern in den Himmel gelobt zu werden. Denn die Chancen stehen gut, dass die paar Hipster, die es vor Ort gibt, Freunde sind, die im Probekeller herumhängen oder an der Kassa im örtlichen Kellerclub stehen, die Gästeliste verwalten oder helfen, das Bier im Backstage-Kühlschrank zu leeren.
Wednesday hatten genau diese Zeit in Asheville, einer Stadt mit 100.000 Einwohnern in North Carolina, weit abseits von Pitchfork oder anderen Medien, aber doch mit einer Universität ausgestattet und in der Nähe von Knoxville, wo Touren kleiner und mittlerer Bands Station machen.
Diese Mischung ließ MJ Lenderman, der lange als Gitarrist mit Wednesday auf der Bühne stand, zum aktuellen Säulenheiligen der gitarrengetriebenen Neil-Young-Schule werden – und sie war genau das, was Karly Hartzman brauchte, um ihre Rolle als Songwriterin und Frontfrau zu definieren. Sie studierte ursprünglich Fotografie, hatte aber bald genug davon, da sie schlecht darin war, Anweisungen zu folgen. „Deswegen hatte ich nie Gitarren- oder Gesangsunterricht – für mich geht dann die Magie verloren. Ich mag es, nichts zu können und dann einen Weg zu finden, wie es funktioniert. Dann fühlt es sich wie mein eigenes Ding an.“

Sie hörte Bands, die alles selbst machten, ging mit ihnen in den umliegenden Städten auf Tour und verkaufte Merch, nur um von Musik umgeben zu sein. Sie hörte Mitski und lernte Stimmen zu lieben, die seltsam klangen. Ob das nun die große kanadische Einzelgängerin Mary Margaret O’Hara war oder Patterson Hood von den Countryrockern Drive-By Truckers aus der Nachbarschaft – das war dabei egal.
Vor fünf Jahren erschien dann auf dem winzigen DIY-Label Orindal die erste Platte, auf der die Breite von Wednesday zu erahnen war; aber auf den letzten beiden Alben fanden die Band und Hartzman ihre Einzigartigkeit.
Wednesday schaffen es, Noise-Rock, das Laut-Leise-Spiel der Pixies, Country-Rock, Shoegaze und gute alte Balladen zu verbinden – und dabei immer erkennbar zu bleiben. Auf der aktuellen Platte „Bleeds“ führt Hartzman nicht nur ihre Texte, die sie aus Gesprächsfetzen kompiliert und in einen vollkommen neuen Kontext setzt, in lichte Höhen, sondern auch die Sounds, die wie immer aus noch mehr Richtungen kommen. Und sollte eine Kollegin wie Kim Deal dieses Album hören, dann würde sicher auch ihr Daumen weit nach oben gehen – und das nicht nur beim Hit „Elderberry Wine“, sondern bei allen zwölf Songs.

Wednesday: BLEEDS
(Dead Oceans)

