Der Atem des Blattes

Von Tizian bis Kiefer: Eine Ausstellung in der Albertina widmet sich der stillen Kraft des Papiers, von der skizzenhaften Idee bis zum vollendeten Werk.

Rembrandt Harmensz. van Rijn „Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen, 1630. ALBERTINA, Wien

Papier ist ein leises Medium. Es verlangt Nähe, Aufmerksamkeit, ein langsames Sehen. In der Ausstellung „Faszination Papier – Von Tizian bis Kiefer“ öffnet die Albertina ihren außergewöhnlichen Bestand an Zeichnungen, Drucken und künstlerischen Arbeiten auf Papier und zeigt, wie sehr dieses fragile Material Träger von Gedanken, Entwürfen und Weltsichten sein kann. Die Schau spannt einen Bogen vom späten 15. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart, lässt Epochen, Techniken und Intentionen miteinander in Dialog treten – und zeigt, wie Papier gleichermaßen Ursprung, Experimentierfeld und vollendetes Werk sein kann.

Tizian „Der Untergang des Pharao im Roten Meer“, 1549. ALBERTINA, Wien

Auf eine lineare kunsthistorische Ordnung verzichtet die Ausstellung bewusst. Stattdessen entstehen Begegnungen, in denen sich Handwerk, Idee und Zeit ineinander spiegeln. So trifft der selbstbefragende, fast überraschende Blick Rembrandts im Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen (1630) auf Tizians dramatische Darstellung des Untergangs des Pharao im Roten Meer (1549). Hier der intime Moment des Denkens mitten im Entstehen, dort die Weite eines historischen Ereignisses, das dennoch von der Feinheit des Materials getragen bleibt.
Die Ausstellung führt weiter zu den Rändern dessen, was Papier sein kann. Ein süddeutscher Stecher des späten 15. Jahrhunderts verwandelt es in Spielkarten – kleine Objekte des täglichen Gebrauchs und der Begierde. Im 20. Jahrhundert wird das Blatt für das Atelier von Adolf Loos zum Denkraum der Architektur: Modell für das Haus Rufer (1922) zeigt, wie Form zunächst auf Papier ihren Körper findet. Lucio Fontanas L’epée dans l’eau (1962) wiederum lässt das Blatt zur verletzten Oberfläche werden: ein Schnitt als Öffnung in einen anderen Raum.

Anselm Kiefer „Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, 1997. ALBERTINA, Wien, Foto: © Ulrich Ghezzi

Zeitgenössische Positionen treiben das Medium an seine Grenzen. Birgit Knoechls vielteilige Arbeit OUT OF CONTROL_REVISITED (2006–2008/2020) lässt Papier wachsen, wuchern, sich beinahe verselbstständigen. Bei Anselm Kiefers Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir (1997) wird das Blatt in Schichten von Material und Bedeutung zu einer Landschaft von Erinnerung und Vergänglichkeit.
So zeigt die Ausstellung nicht nur die Vielfalt eines Mediums, sondern auch seine stille Sensibilität für das Alltägliche: jenes leise Archiv unseres Lebens, das selbst einfache Dinge – wie einst gedruckte Pariser Métro-Tickets – aus dem Gebrauchsgegenstand in ein Objekt des kulturellen Gedächtnisses überführt.

 

FASZINATION PAPIER – Von Tizian bis Kiefer
11. Dezemnber
2025 bis 22. März 2026
Albertina, Wien

 

| FAQ 83 | | Text: Mitko Javritchev
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