Gut Ding braucht Weile, deshalb hat es auch gedauert, bis das Debütalbum „Krrra“ von Nenda nun endlich vorliegt. Die Singles – darunter „Mixed Feelings“ – der gebürtigen Tirolerin aus dem Ötztal ließen die Programmierer von FM4 ja schon jubilieren, aber auf „Krrra“ schafft es Nenda, dem Hip-Hop ihre eigene Facette aufzudrücken. Der Mix aus Englisch und Tirolerisch ist schlichtweg gelungen bis genial und bildet auch ihre Lebenswelt ab, da sie seit 2017 in London lebt. Der Tourismuswahn der unmittelbaren Heimat und der Kampf, als nicht unbedingt einheimisch Aussehende aufzuwachsen, finden ebenso Niederschlag wie der Wille, sich absolut nichts gefallen zu lassen. Und das ist nur eine Stärke des vom Gitarristen Femi Temowo produzierten Albums, denn die Sounds und Beats sind abwechslungsreich. Man merkt, dass hier einer Nenda verstanden hat, denn es geht nicht nur um Kraft, sondern auch um Ruhe, Witz und scharfe Beobachtungsgabe, die sie in „Mountain Goats“, einer Tour de Force durch die Orte ihres Wirkens, brillant beweist.

Nenda „Krrra“ (Whirlwind Productions)
Ins gleiche Horn, aber mit gänzlich verschiedenen musikalischen Mitteln, bläst Das Schottische Prinzip. Auf ihrem zweiten Album „Golden Voyager Record, Vol. III“ schafft es die Band rund um Songwriterin Julia Reißner, jedem Song ein eigenes Soundkleid zu geben. Zwischen Garagenrock, Neuer Deutscher Welle, klassischem Singer/Songwritertum und dem Chanson der Brecht/Weill-Schule wird souverän gewechselt, und das spricht für das Selbstverständnis der Band. Der Titel spielt auf die Platten an, die mit den beiden Voyager-Sonden ins All geschickt wurden und auf denen auch Grußworte des damaligen UNO-Generalsekretärs Kurt Waldheim zu hören sind. Diese Songs sollen den Bewohnern des Weltalls eine vielfältigere und andere Seite der Menschheit zeigen, und diese Mission ist absolut gelungen. Es wäre schön zu sehen, wie Außerirdische auf diffizile Liebeserklärungen wie „Auerhahn“ oder wunderbare krachende Popsongs wie „Gestolpert“ reagieren.

Das Schottische Prinzip „Golden Voyager Record, Vol. III“ (Bader Molden Recordings)
Vom All zurück auf die Erde und in den Beziehungsrummel der Bewohner. Die Kanadierin Katie Austra Stelmanis veröffentlicht unter ihrem zweiten Vornamen Austra und versucht auf „Chin Up Buttercup“, ihrem fünften Album, die Trennung von ihrer Frau, die sie völlig überraschend, mit nur wenigen Worten, in Lieder zu verwandeln. Ihr Ansatz war, ein Trennungsalbum für die Tanzfläche zu produzieren; das Vorhaben änderte sich im Lauf des Prozesses, in dem vielleicht auch das eine oder andere Album von Björk gehört wurde. Aber die Essenz, die Wiederfindung ihrer eigenen Persönlichkeit, zieht sich durch alle Songs. Tief eingebettet in klassischen Synthiepop, der viele Anregungen bei Vorgängern wie Yazoo oder OMD nimmt, aber auch stolz den einen oder anderen Casio-Sound verwendet, lässt sie den Hörer am Schmerz, aber auch am Auftauchen aus dem seelischen Loch teilhaben, bis es am Schluss doch „Good Riddance“, also „Baba und foi ned“, heißt und der Blick nach vorwärts geht.

Austra „Chin Up Buttercup“ (Domino Records)
Wenn man hartgesottenen Agnostikern und Atheisten Argumente für die Existenz Gottes liefern will, hat man es schwer, aber die Stimme von Mavis Staples wäre definitiv ein naheliegender Vorschlag. Sie sang mit den Staple Singers an der Seite von Martin Luther King und ist mit Klassikern wie „I’ll Take You There“ längst fester Bestandteil des Musikolymps sowie diverser Ruhmeshallen. Nach mehreren Zusammenarbeiten mit Jeff Tweedy produzierte „Sad And Beautiful World“ Brad Cook, auf dessen Kundenliste auch Bon Iver oder Nathaniel Rateliff stehen. Cook macht hier das einzig Richtige: Er hält sich im Hintergrund und lässt Staples Songs u. a. von Frank Ocean, Gillian Welch, Curtis Mayfield oder Allison Russell und Hozier singen. Hier zeigt Staples auch noch mit 86, welche Kraft, Würde und Menschlichkeit in diesen Songs und vor allem in ihrer Stimme liegen. Gänzlich überirdisch wird es dann, wenn sie sich Leonard Cohens „Anthem“ annimmt. Äußerlich beinahe knochentrocken und mit einer unbeschreiblichen Geradlinigkeit schafft sie es, ihre ganze Lebenserfahrung, ihre Liebe und die Kraft zu verzeihen in diesen Song zu packen. Wer hier nicht dankend zum Himmel schaut und die Gänsehaut aufsteigen spürt, dem ist wahrlich nicht zu helfen. „Sad And Beautiful World“ ist eine Botschaft aus einer besseren Welt, in der auch nicht alles hinhaut, in der aber zumindest am Ende die Liebe – oder besser: die Menschlichkeit – eine Chance hat.

Mavis Staples „Sad And Beautiful World“ (Anti Records)
Und genau diese Liebe ist auch das Lebensthema von Jonathan Richman. Nur ist seine Botschaft seit Ende der Sechziger eine sehr naheliegende: Have Fun, genieße die Sonne, das Leben und tanze, wenn es dir Spaß macht. Der Mann, der wahrscheinlich die meisten Konzerte der frühen Velvet Underground gesehen hat, hat sich über Dekaden seine Nische geschaffen. Mit „Only Frozen Sky Anyway“ veröffentlicht er nach langer Pause endlich wieder neue Songs, die sich natürlich ohne Probleme in sein Werk einreihen. Mitproduziert vom lebenslangen Freund Jerry Harrison, einst Teil der Talking Heads, beschränkt sich Richman wie fast immer auf Gitarre und Minischlagzeug und bleibt seiner Rolle als großer ewiger Naiver treu. Egal, ob er jetzt den Bee-Gees-Hit „Night Fever“ covert oder den Engeln klarmacht, dass sie auch ihn brauchen – er bleibt unverwechselbar, einmalig und immer spontan. Und das seit über einem halben Jahrhundert.

Jonathan Richman „Only Frozen Sky Anyway“ (Blue Arrow Records)
Nicht ganz so lange her ist es, dass Bruce Springsteen „Nebraska“ veröffentlichte. Es war 1982, als Springsteen diese kargen Songs von der anderen Seite des amerikanischen Traums veröffentlichte. Aufgenommen auf einem 4-Spur-Gerät ohne seine Band und weit weg von technischer Perfektion. Aber es war dieses Album, das Springsteens Glaubwürdigkeit bis in die Gegenwart rettete, und es war „Nebraska“, das den unmittelbar darauffolgenden Triumphzug von „Born in the U.S.A.“ ins richtige Licht rückte. Nun bekommt dieses ikonische Album, das eigentlich noch Jahrzehnte für sich allein stehen könnte, die Box-Behandlung in Form einer 4-LP-plus-Blu-ray-Ausgabe. Zusätzlich zum Original gibt es Outtakes, die lange verloren geglaubte Version mit der E-Street Band und natürlich eine Liveaufnahme. Der wirkliche Mehrwert sind hier aber die Outtakes und vor allem die Songs, die später ver-öffentlicht wurden. Akustische Soloversionen von „Working on the Highway“, „Pink Cadillac“ oder natürlich „Born in the U.S.A.“ lassen tief in die Songwriterseele und die Entwicklung der Songs blicken. Wer die USA verstehen will, dem sei „Gun In Every Home“ ans Herz gelegt – eine klinische Beobachtung des Lebens in den Vorstädten, die keine Minute gealtert ist. Gegen diese Schätze fällt der Rest der Box klar ab, und auch die elektrische Version des Albums bietet keinen Mehrwert, nur ein paar neue Verzierungen, die den Songs nichts hinzufügen. Aber auch dieser Ballast zeigt nur, wie gut und zeitlos das Album ist, und wie richtig es von Springsteen war, diese puren Versionen zu veröffentlichen – und seine Geschichten einfach, klar und so ehrlich wie möglich zu erzählen.

Bruce Springsteen „Nebraska“ (Sony)

