Ein Spion der keiner ist

Mit „The Secret Agent“ hat Kleber Mendonça Filho einen feinsinnigen Politthriller gedreht. Dafür erhielt er in Cannes den Preis für die beste Regie – hoch verdient.

Man weiß erst nicht so recht, was man von ihm halten soll. Der Typ, der hier zu Beginn aus seinem knallgelben VW-Käfer steigt, könnte alles und jeder sein, mit seinem lässigen Hippie-Outfit, der Sonnenbrille, dem Vollbart. Auch dass er dem Tankwart Fragen zur Leiche stellt, die ein paar Meter vor seinem Wagen – mit einer Zeitung zugedeckt – im Staub vor sich hin verwest, wundert wenig. Es mag Neugier sein, Angst, vielleicht beides. Anmerken lässt sich der Fremde nichts. Und schon fragt man sich: Steckt vielleicht doch mehr dahinter? Ist seine unauffällige Aura in Wirklichkeit eiskaltes Kalkül? Mit anderen Worten: Handelt es sich bei dem Mann im Beetle tatsächlich um einen geheimen Spion, wie es der Titel des Films offensichtlich suggeriert?

Nein, ist er nicht. Kleber Mendonça Filho legt in The Secret Agent viele Finten. Sämtliche Figuren, Umstände und Zusammenhänge in diesem feinsinnigen Thriller sind komplex und raffiniert ineinander verwoben. Es ist der Stoff für großes Kino, im klassischen Sinn. Dafür muss der brasilianische Regisseur weder Topagenten bemühen noch einen abenteuerlichen Actionplot konstruieren. Seine Geschichte, die im Brasilien des Jahres 1977 während der Militärdiktatur spielt, wirkt umso authentischer und ungeheuerlicher, weil die reale Gefahr und Paranoia in jeder Szene zum Greifen nah erscheinen. Dafür braucht es neben der nötigen Atmosphärendichte einen Ausnahmeschauspieler, dem es gelingt, dieses sich behutsam ausweitende Epochendrama geschickt zusammenzuhalten. Der Narcos-Star Wagner Moura besitzt beides: Größe, die Leinwand zu füllen. Und die Feinheit des Spiels.

Moura ist Marcelo, ein Wissenschaftler in den Vierzigern, der in Wirklichkeit Armando heißt. Der Deckname soll ihn und seine wahre Identität schützen. Doch nicht etwa, weil er kriminell und korrupt ist, sondern weil die Korruption das Land, in dem er lebt, fest im Griff hat. Deshalb musste Armando unlängst aus São Paulo fliehen. Jetzt will er nach Recife, eine Küstenstadt im Nordosten Brasiliens, wo sein kleiner Sohn bei den Eltern seiner verstorbenen Frau Fátima (Alice Carvalho) aufwächst. Aus Sicherheitsgründen wohnt Armando jedoch bei der alten Dona Sebastiana (Tânia Maria), die in ihrem geräumigen Haus politisch Verfolgten wie ihm Zuflucht bietet. Kaum jemand, der bei ihr wohnt, ist in Wahrheit, wer er nach außen vorgibt zu sein.

Dazu passt, dass Kleber Mendonça Filho seinen Film gänzlich in die Kulisse des Karnevals einbettet, der in dieser Region Brasiliens besonders intensiv gefeiert wird. Ein perfekter Ort, um unterzutauchen, möchte man meinen. Aber die permanente Bedrohung und der Terror der Militärherrschaft machen in Recife auch in der ausgelassenen Stimmung um den Nationalfeiertag nicht Halt. Es ist zweifelsohne eine „Zeit voller Unruhen“, in der sich Marcelo bewegt. Man spürt es in den Straßen, unter den Menschen; die Zeitungen berichten täglich von neuen Unglücken. Zwar wird die brasilianische Diktatur noch bis Mitte 1985 durchhalten, doch erste Risse sind schon Ende der 1970er-Jahre erkennbar. Die brutale Unterdrückung der Anfangsphase ist mittlerweile einem routinierten Autoritarismus gewichen. Auch das macht der Film bereits in den ersten Minuten deutlich: Als Marcelo gerade vollgetankt hat, wird er von zwei Streifenpolizisten am Weiterfahren gehindert. Der Tote neben der Zapfsäule interessiert die beiden Kontrolleure längst nicht so sehr wie den Neuankömmling. Obwohl Wagen und Papiere in Ordnung sind, verlangt einer der beiden Ordnungshüter Geld von ihm – einen Zuschuss für die Karnevalskasse der Truppe. Marcelo bietet ihm im Gegenzug eine halbleere Schachtel Zigaretten an. Man einigt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und lässt es gut sein – zumindest für den Moment.

Doch schon bald muss Armando um sein Leben fürchten. Zwei Auftragskiller haben es auf ihn abgesehen. Bleibt die Frage, was sich der Ingenieur eigentlich zu Schulden kommen ließ, dass man ihn derart hart bestrafen will? Im Gespräch mit Elza (Maria Fernanda Cândido), einer Art Vermittlerin, die ein landesweites Untergrund-Zeugenschutzprogramm leitet, erklärt Armando schließlich, wie es an der Universität in Recife, an der er einst Fakultätsleiter war, zum Eklat mit einem Bundesbeamten kam, der gleichzeitig ein skrupelloser Geschäftsmann ist. Dessen Plan bestand darin, das Institut auflösen und sämtliche Forschungsprogramme in seinen eigenen Konzern integrieren zu wollen. Dagegen wehrten sich Armando und seine Frau, die ebenfalls am Institut tätig war. Seitdem wurden sie von der Regierung unter Druck gesetzt, überwacht und verfolgt.

Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Mendonça Filho rollt das Schicksal seines unscheinbaren Helden mit Umwegen, Abbiegungen und noch mehr Fallstricken quasi von hinten auf. Zum Beispiel sucht Armando selbst in der örtlichen Meldestelle, wo er während seines Aufenthaltes pro forma eingestellt wird, um ihm ein Alibi zu verschaffen, nach einem Dokument, das den Tod seiner Mutter bestätigt. Doch ausgerechnet an seinem ersten Arbeitstag wird das Gebäude temporär zum Sitz des lokalen Polizeichefs Euclides (Robério Diógenes) umfunktioniert. Es gilt, den tragischen Unfall eines Kindes aufzuklären – und die Ermittlungen angemessen zu inszenieren. Mit Armando hat das alles offenbar wenig zu tun. Doch es bringt ihn unverhofft in die unmittelbare Nähe von Euclides, der an Armando Gefallen findet, was seine prekäre Lage nur noch verschärft.

Anstatt die weitreichenden Ereignisse zu überstürzen, setzt Mendonça Filho, der auch das Drehbuch schrieb, sorgfältig einzelne Fragmente aus dem Leben seines charismatischen Protagonisten zusammen und enthüllt so nach und nach eine nuancierte, intelligente Erzählung. Mit seinen fein verwobenen Nebensträngen spiegelt der Film sowohl die historischen Realitäten wider, die Brasilien von 1977 geprägt haben, wie etwa das Erbe der afrikanischen und europäischen Migration, die chronische Unterfinanzierung öffentlicher Bildungseinrichtungen und die mangelnde Rechenschaftspflicht der Machthaber. Auch die Spannungen zwischen Nord und Süd spielen eine wichtige Rolle, insbesondere in politischen Konflikten um Stadtentwicklung und tief verwurzelte soziale Ungleichheit …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 83

 

THE SECRET AGENT / O AGENTE SECRETO
Politthriller, Brasilien/Frankreich/Deutschland/Niederlande 2025
Regie, Drehbuch: Kleber Mendonça Filho
Kamera: Evgenia Alexandrova
Schnitt: Eduardo Serrano, Matheus
Farias
Musik: Mateus Alves, Tomaz Alves Souza
Kostüm: Rita Azevedo
Mit: Wagner Moura, Tanía Maria,
Maria Fernanda Cândido,
Carlos Francisco,
Laura Lufesi, Robério Diógenes, Alice Carvalho,
Gabriel Leone, Hermila Guedes,
Igor de Araújo, Udo Kier
Verleih: Filmladen, 158 Minuten
Kinostart: 19. Dezember 2025

 

| FAQ 83 | | Text: Pamela Jahn
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