Albert Watson gehört zu jenen seltenen Fotografen, deren Bilder sich tief im kulturellen Gedächtnis verankern. Doch was macht seine Arbeit so außergewöhnlich, dass Kollegen, Kritiker und Sammler ihn seit Jahrzehnten gleichermaßen verehren? Sind es die ikonischen Porträts, die Prominente in ungeahnter Klarheit zeigen? Die weit ausgespannten Landschaften? Oder die sinnlichen Akte, Stillleben und präzise komponierten Modeaufnahmen? Was immer er fotografiert – Watsons Œuvre, entstanden über fünf Jahrzehnte, trägt eine unverwechselbare Handschrift: grafisch gedacht, reich an Texturen und durchzogen von einer Lichtdramaturgie, die an das Kino erinnert. Eine Bildsprache, die seine Arbeiten sofort erkennbar macht und ihnen eine stille, konzentrierte Intensität verleiht.
Nichts in seinen Jugendjahren in Edinburgh deutete zunächst auf diesen Weg hin; bildende Kunst spielte dort kaum eine Rolle. Sein Vater, ein Turnlehrer und Boxer, unterstützte zwar den Wunsch des Sohnes, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen, doch als Watson einige Jahre später begann, Mode zu fotografieren, erschien ihm das als „komische Arbeit für einen Mann“. Von 1962 an studierte Watson vier Jahre lang Grafikdesign am Duncan of Jordanstone College der Univer-sität von Dundee, gefolgt von drei Jahren Filmwissenschaft am Londoner Royal College of Art.
In Dundee war ein handwerkliches Nebenfach verpflichtend – Watson entschied sich für Fotografie. Eine Wahl, die den Grundstein für eine Karriere legte, deren visuelle Sprache bis heute vom Grafikdesign geprägt ist. „Grafik hat mich fasziniert“, sagt er rückblickend. „Das Fach war wie für mich gemacht.“ Zu seinen prägenden Einflüssen zählt Watson amerikanische Grafikgrößen wie Milton Glaser und Seymour Chwast von den Push Pin Studios, Saul Bass, den Schöpfer unvergesslicher Filmplakate, und William Golden, der das ikonische CBS-Auge entwarf. Ebenso nachhaltig beeindruckten ihn polnische Grafiker wie Roman Cies´lewicz und Jan Lenica, deren Arbeiten ihm die Kraft von Grafikdesign als präzisem, einprägsamem Kommunikationsmittel vor Augen führten.

Cindy Sherman, Polaroid, New York City, 1994 © Albert Watson, 2025
Watsons Karriere gewann an Fahrt, als sich die Bildbranche im Umbruch befand. Film und Printmedien rückten enger zusammen, erreichten ein neues Publikum und befeuerten einen wachsenden Celebrity-Kult. „Ich bin ein Arbeiter“, beschreibt sich Watson nüchtern. „Letztlich geht es ums tägliche Training.“ Es ist die Haltung eines Mannes, der seit über 40 Jahren an jedem einzelnen Tag fotografiert.
1964 schenkte ihm seine Frau Elizabeth die erste Kamera. Rasch entwickelte er eine Leidenschaft für das Bild, erinnert sich jedoch daran, wie enttäuschend seine frühen Ergebnisse häufig waren. „Also lernte ich eben die Technik“, erzählt er. „Und ich lerne immer noch dazu. Aber Technik ist kein Endzweck; man benutzt sie, um die Vision im Kopf zu verwirklichen.“ Den Prozess vergleicht er mit dem Autofahren: Anfangs wirkt alles kompliziert, dann stellt sich Routine ein – und schließlich zählt nur noch das Ziel. „Es geht nicht ums Autofahrenkönnen, sondern darum, an einen Ort zu gelangen.“
1976 zog Watson von Los Angeles nach New York und machte sich rasch in den eng verzahnten Welten von Mode, Musik, Film und Werbung einen Namen. Seine Spezialität: markante, heroisch überhöhte Porträts von Persönlichkeiten, die mit Schönheit, Talent oder beidem gesegnet sind – Schauspieler, Musiker, Sportler, Tänzer, Models. Watson kontrolliert jedes Detail, vor allem das Licht, im Studio wie unter freiem Himmel. Er ist ein Meister dramatischer Effekte und besteht bis heute darauf, seine Abzüge selbst zu fertigen. „Seit der Umstellung auf digital passiert alles unter einem Dach“, sagt er. „Aber ich habe auch die Infrastruktur, um weiter analog zu arbeiten.“

Christy Turlington, New York City, 1990 © Albert Watson, 2025
Der Band „KAOS“ bietet einen kaleidoskopischen Überblick über Watsons Werk und die Vielzahl an Motiven, Menschen und Orten, die ihn geprägt haben. Über fünf Jahrzehnte hinweg entstand ein breites, dynamisches Portfolio: Porträts von Stars, Politikern und Supermodels, Aufnahmen von Fremden, Städte im Neonlicht, inszenierte oder erotisch entblößte Körper, stille Gassen, grelle Lichter, flammende Sonnenuntergänge und die raue Schönheit seiner schottischen Heimat.
„Seit 40 Jahren arbeite ich sporadisch für verschiedene Vogue-Ausgaben“, sagt Watson. Über 100 Cover hat er fotografiert, dazu zahllose Modestrecken – stets mit dem Anspruch, Bilder zu schaffen, die bleiben. Seit seinem Porträt von Alfred Hitchcock für die Weihnachtsausgabe der Harper’s Bazaar 1973, das seinen Durchbruch markierte, entfaltet sich ein Werk voller Spannung, Kraft und visueller Poesie. Ob eine Domina aus Las Vegas, Elvis’ goldener Anzug, ein Schimpanse oder eine Straßenszene in China – Watson beherrscht die Darstellung von Oberfläche mit technischer Brillanz und legt zugleich die Tiefe dahinter frei. Das gilt ebenso für seine Porträts von Persönlichkeiten wie David Bowie, Cindy Sherman, Jay-Z, Kate Moss, Keith Richards, Jennifer Lopez, Pamela Anderson, Mick Jagger, Jude Law, Jack Nicholson, Steve Jobs und Andy Warhol: Immer wieder scheint er den Menschen hinter der Ikone sichtbar zu machen.
Die Sammlung wird ergänzt durch ein Essay von Philippe Garner, dem ehemaligen Leiter der Fotografiesparte bei Christie’s, sowie durch persönliche Zitate Watsons und bislang unveröffentlichte Polaroids aus seinem Privatarchiv. Entstanden ist ein Werk über den „Fotografen der Fotografen“, das durch seine grafische, oft filmische Bildsprache und seine faszinierende Vielfalt besticht.

TASCHEN
Albert Watson. Kaos
Hardcover im Schuber, 27.8 x 37.4 cm, 4.94 kg
408 Seiten, Deutsch, Englisch, Französisch
taschen.com

