Anmut und Haltung

Text: Jörg Becker | Fotos: Filmarchiv Austria

Es ist ein eigenes Kapitel der Filmgeschichte, das sich mit Audrey Hepburn verbindet: eine Figur von solcher Leichtigkeit, dass selbst ihre Schwermut Gewicht bekam. Ihre Eleganz, ihre Zurückhaltung, ihr eigentümlich europäischer Akzent – all dies formte eine Filmikone, die Hollywood prägte, ohne je ganz Teil davon zu werden. Die Retrospektive im Filmarchiv Austria erinnert an diese fragile, zugleich unbeirrbare Präsenz.

The Children’s Hour / Infam (1961), R: William Wyler. Foto: Filmarchiv Austria

Eine geschmeidige Eleganz geht von einem Foto aus Breakfast at Tiffany’s (1961, Blake Edwards) aus, gleichsam der Abglanz des Schaufensters des berühmten New Yorker Edeljuweliers, vor dem dieser Film seinen Ausgang nimmt: am frühen Morgen, noch sind die Straßen unbelebt. Eine junge Frau mit mädchenhafter, graziler Figur in einem schulterfreien schwarzen Abendkleid erscheint im Bildausschnitt, nähert sich den Auslagen des Geschäfts – von ihrer großflächigen schwarzen Sonnenbrille geschützt, auf Abstand –, scheint ein Wesen aus einer unbekannten Welt. Eine lange Nacht ausgiebiger Vergnügungen liegt hinter ihr, so mag man vermuten, deren Nachklang im sanften Schimmer dieses frühen Tages spürbar ist. Was jenen Film um seine Hauptfigur ausmacht, ist eine Assemblage aus Traurigkeit und Melancholie, Augenblicken tiefer Rührung und in Abständen slapstickhaften Ausbrüchen.

HOLLY GOLIGHTLY

Eines der ikonischen Audrey-Hepburn-Filmstills hat man hier vor Augen: Holly Golightly, das Mädchen, das sich so gern vor den Fenstern von Tiffany’s in den Anblick der kostbaren Auslagen verliert, lebt allein mit einer Katze in einer Mietwohnung Manhattans. Zahlreiche Verehrer zahlen für ihre Begleitung. Ein Schriftsteller zieht ins selbe Haus ein, und bald vertrauen sie sich einander an: der Autor in einer tiefen Krise, ausgehalten von einer untreuen Ehefrau, die er als seine „Innenarchitektin“ ausgibt, und Holly, die schon als Vierzehnjährige die Frau eines Doc Golightly wurde. Als sich daraufhin ein älterer Herr auf verdächtige Weise vor ihrem Haus postiert, stellt er sich als ihr Ex heraus, der Holly für sich zurückzugewinnen hofft.

Schon in Roman Holiday (1953, William Wyler), dem durchschlagenden Erfolg der Geschichte einer europäischen Hoheit, die inkognito mit einem Paparazzi-Journalisten eine Beinahe-Romanze erlebt, steht Audrey Hepburn in Rom vor einem Schaufenster; aus dem Hintergrund des Bürgersteigs nähert sich Gregory Peck. Und an merklich älteren Männern, deren Gefühle für ihre jugendlichen Frauenfiguren entflammen – Repräsentanten des alten Hollywood –, fehlte es Audrey Hepburn auch in den folgenden Jahren ihrer Filmkarriere nicht.

Breakfast at Tiffany’s / Frühstück bei Tiffany (1961), R: Blake Edwards. Foto: Filmarchiv Austria

„SANFT GESCHWUNGENE LINIE“ UND „CONTINENTAL CHARME“

„Sie tauchte zu einer Zeit auf, als Hollywood anfing, an seiner verlorenen Unschuld zu verzweifeln“, schrieb Michael Althen in seinem Nachruf auf die Schauspielerin 1993. „Gerade als in den Fünfzigerjahren immer grellere Farben und schrillere Töne die Bilder prägten, erfand sich das amerikanische Kino Audrey Hepburn. Sie war eine Trotzreaktion auf die Pin-ups und ihre unaufhörlich anschwellenden Formen. In der Geometrie der Leidenschaften setzte sie die sanft geschwungene Linie gegen scharfe Kurven. Das ist die einzige Formel, auf die sich ihr Aussehen bringen lässt.“ – Als Typus erscheint sie faszinierend singulär, womöglich weil sie diese „naturgemäß“ konservativen Geschlechterschemata mitsamt der damit verbundenen Scham, Besetzung und Vermutung von Reife beiseitelässt, während sie zugleich eine Mädchenhaftigkeit bewahrt, die so natürlich und authentisch wirkt wie ihre Art, sich zu kleiden – eben keineswegs verkleidet.

Einen „Continental Charme“ brachte sie aus ihren frühen Auftritten mit, einen Charme, der viel mit dem Flair von Paris zu tun hatte. Sechs ihrer Filme thematisieren die französische Hauptstadt, den Sehnsuchtsort des amerikanischen Kinos der Fünfzigerjahre.

Identitätspolitisch gehörte Audrey Hepburn als Ikone zur Avantgarde – nicht ähnlich, aber doch verwandt mit dem Flapper-Typus der frühen Moderne, verkörpert von Schauspielerinnen wie Louise Brooks oder Joan Crawford. Regisseure mögen ihr gegenüber zu Beschützern geworden sein, doch in der Ausbildung ihres Images wusste sie sich durchzusetzen: indem sie den Pariser Modeschöpfer ihrer Wahl, Hubert de Givenchy, den Hollywood-Kostümbildabteilungen vorzog und damit die „plakative Eleganz“ von Capotes Tiffany-Adaption entscheidend mitbestimmte, obwohl Capote ursprünglich Marilyn Monroe für die Rolle der Holly vorgesehen hatte. „Sie verlieh mir einen Glanz“, schwärmte Givenchy später, „wie ich es mir nie zu träumen gewagt hätte.“ Noch heute erklären Styleblogs Audrey Hepburn zum Vorbild.

Mit Gregory Peck in „Roman Holiday / Ein Herz und eine Krone“ (1953), R: William Wyler. Foto: Filmarchiv Austria

WIE VOM HIMMEL GEFALLEN

In William Wylers Roman Holiday ist Audrey Hepburn buchstäblich ein Geschöpf aus einer anderen Welt. Man bezeichnete sie mitunter als Fee, bewunderte sie als „Elfe“, ein ätherisches Wesen, das über Stufen eher hinunterzuschweben als zu gehen scheint. Wie vom Himmel gefallen begegnet man ihr hier in Rom: eine Prinzessin, die sich für einen Tag von der Etikette befreit und unters Volk mischt – ein Moment, der die bevorstehende Karriere Hepburns von vornherein ins Märchenhafte rückt. Gregory Peck trifft auf einer Parkbank auf diese Hoheit, eine Verkörperung natürlicher Aristokratie, die inkognito eine Beinahe-Romanze erlebt.

Das Vergnügen angesichts dieser frühen Hepburn-Rollen bestand und besteht darin, ihrer umgekehrten Aschenputtel-Verwandlung zu folgen. Drehbuchautor Dalton Trumbo – in Hollywood „blacklisted“ und deshalb gezwungen, unter dem Namen eines Strohmanns zu arbeiten – erfand diese Figur möglicherweise als freche Kolportage des damaligen Skandals um die allzu mondäne Prinzessin Margaret Rose, Countess of Snowdon.

ENTWURF EINES SELBSTBESTIMMTEN LEBENS

Sabrina (1954) zeigt die Verwandlung in die andere Richtung: Die Prinzessin wächst in einer Chauffeurswohnung, also in der Dienstbotenklasse, auf; es genügt jedoch der Transfer nach Paris, damit diese falsche Verhüllung wie von selbst von ihr abfällt. In Funny Face (1957, Stanley Donen) versteckt sie sich zunächst als graue Maus zwischen den Buchregalen eines Antiquariats, ehe ein Modemagazin sie zur Entpuppung in die Hauptstadt der Mode schickt – erneut nach Paris. Und in My Fair Lady (1964, George Cukor) sorgt Professor Higgins (Rex Harrison) für die fällige Korrektur der Schöpfung, die Rückverwandlung. Nur in Breakfast at Tiffany’s ist die Vorgeschichte komplizierter, so dass der Film sein Zauberwesen in einer Art Zwischenstadium zeigt, verpuppt, schutzsuchend, ehe es die Larve hinter sich lässt. Ihr provisorisches, gauklerisches Leben scheint an den männlichen Beschützerinstinkt zu appellieren, auf Rettung angelegt; tatsächlich hält sie eher in einer unbestimmten Verlorenheitsmelancholie an ihrer Jugendlichkeit fest – „Je ne choisis pas“. Jenseits aller Romantik liegt hier der Entwurf eines selbstbestimmten Lebens als Frau, der Audrey Hepburn, ihrer Filmpersona, anhaltende Modernität eingetragen hat, auch wenn es meist väterliche Männerfiguren waren, zu deren Rolle es gehörte, jene selbstbestimmt mädchenhafte Vitalität – den eigentlichen Reiz ihrer Begegnung – zu zähmen.

Zu ihren Filmpartnern zählten Gary Cooper (Love in the Afternoon, 1957, Billy Wilder), Humphrey Bogart (Sabrina, 1954, Billy Wilder), Henry Fonda (War and Peace, 1956, King Vidor), Cary Grant (Charade, 1963, Stanley Donen) und Fred Astaire (Funny Face, 1957, Stanley Donen), dessen Figur dem Vorbild des Modefotografen Richard Avedon nachempfunden war. Astaire hatte bereits 1928 in der Musicalfassung von Funny Face am Broadway gestanden – da war Audrey noch nicht geboren. Zwischen Audrey Hepburn und ihren Filmpartnern lag fast immer ein Altersabstand von mindestens zwei Jahrzehnten. Erst in Blake Edwards’ Breakfast at Tiffany’s kehrt sie – ein Akt der Selbstbestimmung – einem älteren Ehemann den Rücken.
Es ist jener Film, in dem die Leichtigkeit, die ihr Rollenname Holly Golightly verheißt, spürbare Einbrüche erfährt. Hepburn war stolz auf diese Hauptrolle in der Truman-Capote-Adaption: „The best thing I ever did, because it was the hardest.“

Funny Face / Ein süßer Fratz (1957), R: Stanley Donen. Foto: Filmarchiv Austria

MODE – STIL-IKONE

Gekommen war sie zu einer Zeit, als Marilyn Monroe, Anita Ekberg und Jane Russell die Szene bestimmten; tiefe Dekolletés, rote Lipgloss-Münder und High-Heels-Sandalen waren angesagt, das Showbiz schien eher von Eskapaden beherrscht, und Eindruck hinterließen vor allem Kapricen. In dieser Umgebung nahm Audrey Hepburn eine Ausnahmestellung ein: mit glattem Haar, flachen Schuhen, einem ebenfalls flachen Dekolleté, mit einem intelligenten Aspekt, Humor und einem Staunen im Blick. Zu den Synonymen, die ihre Schönheit und Fragilität beschreiben sollten, gehörten „das Reh“, „die Elfe“ oder „die Gazelle“.

Dabei war es ausgerechnet ihre Körpergröße – 1,71 Meter –, die der Verwirklichung ihres Jugendtraums im Wege stand. Ballerinen hatten prinzipiell nicht größer als ihre Partner zu sein, und so wurde sie Schauspielerin. Zeitlebens bewahrte sie die graziöse Haltung einer Tänzerin: Rücken gerade, Schultern nach hinten, Fußspitzen nach außen.

A WOMAN, THE STYLE

Neben Jackie Onassis galt sie als eine der einflussreichsten Stil-Ikonen ihrer Zeit, eine Minimalistin, die genau wusste, wie sie aussehen wollte, wozu der Schneider Hubert de Givenchy, der Pariser Modeschöpfer ihrer Wahl, seinen Beitrag leistete. Und sie schaffte durch vereinzelte entschiedene Regelverstöße ihren eigenen Stil. So zog sie ihre Augenbrauen dunkel und dominant nach, sie trug maskuline Kleidungsstücke wie Trenchcoats oder Herrenhemden und ließ sich ihre Ponyhaare immer wieder kurz schneiden – doch nichts von alledem war laut oder grell. Es verströmte vielmehr eine demonstrative Dezenz, eine Neigung, den penetranten Zuspitzungen der Haute Couture den Rücken zu kehren. „Sie wollte nicht auffallen, und genau deshalb tat sie es.“ (Rebecca Casati, 2001)

„Mode ist vergänglich, Stil niemals.“ (Coco Chanel)

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 83

 

Audrey Hepburn Retrospektive – Simply Audrey!
8. Dezember – 7. Jänner 2026
Filmarchiv Austria
www.filmarchiv.at

Literaturempfehlung
Daniela Sannwald: Audrey Hepburn. Eine Hommage.
Berlin: ebersbach & simon 2019

 

 

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