Séance de la Forme

Es gibt Designer, die Trends setzen – und solche, die Wahrnehmungen verschieben. Helmut Lang gehörte stets zur zweiten Kategorie. Die neue MAK-Ausstellung „Séance de Travail 1986–2005“ öffnet ein Fenster in jene Jahre, in denen er Mode zu einer Haltung machte und die Neunziger mit einer einzigen, klaren Linie neu definierte.

Helmut Lang, Probedruck einer Werbeanzeige mit handschriftlichen Anmerkungen für Vogue Italia, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail # Hiver 01/02 (2001). MAK Helmut Lang Archiv, LNI 572-6-2. Courtesy of hl-art.

Seine Linien waren klar. Ihr Echo reicht bis in die Gegenwart. Und gerade weil wir uns in einer Zeit befinden, in der das 20. Jahrhundert auf neue Weise ästhetisch wieder- und umerzählt wird, ist es vielleicht der richtige Moment, in eine Vergangenheit zu blicken, die weniger auf Perfektion als auf den Willen zum Experiment setzte. Wie kaum ein anderer hat Helmut Langs gestalterische Haltung den Zeitgeist in eine Form gegossen – sei es als Modedesigner, sei es als Künstler. Und auch wenn sich diese beiden Haltungen bei ihm kaum voneinander trennen lassen, macht gerade das den Blick zurück umso reizvoller: das Vergangene zu vergegenwärtigen und in einen neuen Zeitgeist zu stellen, der sich doch nie völlig vom damaligen lösen kann. Mit „Helmut Lang – Séance de Travail 1986–2005“ zeigt das MAK von Anfang Dezember bis Anfang Mai 2026 eine Ausstellung, die genau diese Verbindung erfahrbar macht und Langs Werk in seiner ganzen Konsequenz und Weite sichtbar werden lässt.

Foto: Helmut Lang, Probedruck der Helmut Lang Barneys New York Fassadenwerbung, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail # Été 97, Fotografie von Elfie Semotan (1997). MAK Helmut Lang Archiv. Courtesy of hl-art.

VON BOU BOU LANG BIS SÉANCE DE TRAVAIL

Helmut Langs Weg in die Mode begann fernab jeder klassischen Laufbahn. Als Peter Scepka 1956 im 22. Wiener Gemeindebezirk geboren und in Ramsau am Dachstein bei seinen Großeltern groß geworden. Zwischen Schuhmacherei, Handwerk und schlichter Alltagsästhetik fand er früh Gefallen an reduzierten Formen.

1977 gründete Lang – damals noch unter dem Namen Scepka – ein Atelier beziehungsweise ein Made-to-Measure-Studio in der Franzensgasse. Zunächst verwendete er „Boubou“ als Namen für sein Modelabel, doch bereits 1978 wurde er in Artikeln zu seiner öffentlichkeitswirksamen Modeschau in der Wiener Secession persönlich als „Helmut Lang“ bezeichnet. Ein Jahr später eröffnete er, mit 23 Jahren, in der Singerstraße im 1. Wiener Gemeindebezirk sein erstes kleines Boutique-Atelier unter dem Namen „Bou Bou Lang“, in dem er selbst entworfene, maßgeschneiderte Stücke verkaufte.

Was als autodidaktisches Experiment begann, führte ihn schon wenige Jahre später auf die größere Bühne. Bereits zu Beginn der achtziger Jahre verwendete er den Namen „Helmut Lang“. Bei seiner Präsentation 1986 im Centre Pompidou trat er offiziell unter diesem Namen auf – zusammengesetzt aus seinem dritten Vornamen und dem Familiennamen seiner Großeltern mütterlicherseits. Mit der Debütkollektion „L’Apocalypse Joyeuse“ gelang ihm dort der erste entscheidende Durchbruch. Von diesem Moment an zeichnete sich ab, dass hier jemand antrat, die Codes der Mode neu zu denken. Zehn Jahre nach seinem Pariser Durchbruch eröffnete der Designer seine Helmut-Lang-Boutique in der Seilergasse – ein Ort, an den sich noch manche Wienerinnen und Wiener erinnern.

Helmut Lang, Probedruck einer Werbeanzeige für die Zeitschrift Art in America, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail # Été 01, Fotografie von Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin (2000). Abgebildete Person: Andoni Anastasse. MAK Helmut Lang Archiv, LNI 566-9-5-1. Courtesy of hl-art.

Die Jahre nach seinem Pariser Durchbruch nutzte Lang, um nicht nur Kleidung, sondern auch ihre Präsentation radikal neu zu denken. Ende der 1980er entwickelte er das Format der „Séance de Travail“: eine „Arbeitssitzung“, die den klassischen Laufsteg bewusst abschaffte. Statt stilisierter Theatralik entstanden offene, unvorhersehbare Situationen, in denen Modelle, Freunde und Wegbegleiter unterschiedlichen Alters und Hintergrunds in rohen, industriellen Räumen aufeinandertrafen. Dabei wurde die schmale Linie zwischen Kunst und Mode, die für Lang ohnehin nie klar zu trennen war, zu einer fruchtbaren Schnittstelle. Diese Präsentationen, die auch der MAK-Ausstellung ihren Titel geben, waren weniger Schau als gelebter Zustand: eine unmittelbare Übersetzung von Langs Haltung, dass Form, Körper und Umgebung stets im Prozess bleiben. Damit setzte er ein Format durch, das seiner Zeit weit voraus war und das bis heute nachhallt.

Helmut Lang, Seite eines Lookbooks, Look 01, Helmut Lang Collection Hommes Femmes Séance de Travail Défilé # Hiver 03/04 (2003). MAK Helmut Lang Archiv, LNI 563-5. Courtesy of hl-art.

FORMGEBER DER NEUNZIGER

Wenn man die 1990er-Jahre modisch in ein einziges Vokabular übersetzen müsste, käme man an Helmut Lang nicht vorbei. Seine reduzierten und funktionalen Entwürfe standen quer zu allem, was die Dekade an Glamour-Überhöhung oder Logo-Exzess hervorbrachte. Und doch wurde gerade dieser leise Widerspruch zum bestimmenden Ton eines Jahrzehnts. Während andere Labels in lautstarken Bildern um Aufmerksamkeit rangen, definierte Lang eine neue Form von Coolness: eine, die nicht schreit, sondern präzise setzt. Aus Nylon neben Wolle, Gummi neben Seide, harten Linien neben fragiler Körperlichkeit entstand eine Ästhetik, die die 90er nicht nur spiegelte, sondern neu ordnete. Er war Außenseiter und Taktgeber zugleich, jemand, der nicht mit dem Zeitgeist schwamm, sondern ihn architektonisch modellierte. Dass Lang nach New York übersiedelte, war weniger Flucht als bewusste Neuverortung: ein Schritt in ein urbanes Umfeld, das seine Haltung zu Material, Oberfläche und Präsenz auf direktere Weise spiegelte. Und das, obwohl er lange an seiner Geburtsstadt Wien festgehalten hatte.

In New York wurde Langs Außenseitertum endgültig zur produktiven Reformkraft. 1998 entschied er, seine Kollektionen nicht länger nach den europäischen Fashion Weeks zu zeigen, sondern im September davor und damit mitten in der amerikanischen Presselandschaft …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 83

 

HELMUT LANG — SÉANCE DE TRAVAIL 1986–2005
10. Dezember 2025 bis 3. Mai 2026
www.mak.at

 

| FAQ 83 | | Text: Ania Gleich
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