Weltliteratur ist auch in Zeiten von Aufmerksamkeitsdefiziten und Kürzestvideos nicht umzubringen. 1847, ein Jahr vor ihrem Tod im Alter von 30 Jahren, veröffentlichte Emily Brontë „Wuthering Heights“. Die natürlich tragische Liebesgeschichte zwischen Heathcliff und Catherine fasziniert seither jede Generation. Die regelmäßigen Verfilmungen des Stoffes tragen natürlich dazu bei. Als Charli XCX gefragt wurde, ob sie einen Song zum Soundtrack beisteuern würde, löste die Geschichte etwas in ihr aus. Die Songs flogen ihr zu, das Album „Wuthering Heights“ entstand. Unabhängig vom Film sind die Songs und die eingebauten Zitate (von „Video Killed the Radio Star“ bis „A Day in the Life“) eine willkommene Gelegenheit, dem prägenden Erfolg von „Brat“ einen kreativen Ausbruch entgegenzusetzen und sich auch dem Hyperpop ein Stück weit zu entziehen. Mit handwerklich perfekten Stadionhymnen wie „Dying For You“ zeigt sie, dass sie auf Abruf liefern kann – aber es zählt ja bekanntlich das, was man nicht tun muss, sondern aus Überzeugung umsetzt. Und das ist hier eine Zusammenarbeit mit John Cale, seines Zeichens Mitbegründer von The Velvet Underground, Grantler und lebenslang neugieriges Genie. Wie er als Deklamator das Album eröffnet und welche kratzenden Streichersounds ihn begleiten, ist in diesem Zusammenhang einmalig und mag die Generation Z etwas verstören, aber das ist wahre Kunst. Hier hat sich eine Könnerin definitiv einen Wunsch erfüllt.

Charli XCX „Wuthering Heights“ (Atlantic Records)
Inspiration aus der Vergangenheit holt sich auch das Martin Listabarth Trio. Und damit gibt es einen Sprung vom global erfolgreichen Pop zum heimischen Jazz. Pianist Martin Listabarth ist einer der jungen Wilden, die das Klavier im Jazz neu definieren und denken. Auf „In Her Footsteps“ ließ er sich vom Leben und Wirken von Ida Pfeiffer inspirieren. Pfeiffer war eine bemerkenswerte Frau, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Konventionen negierte, ausbrach und die erfolgreichste Reiseschriftstellerin ihrer Zeit wurde. Das Listabarth Trio folgt ihr unter anderem unter den Wüstenhimmel und geht den Gefühlen von Pfeiffer und den Landschaften, die sie durchquerte, mit Verve und emotionaler Tiefe nach. Das Klavier wird hier zum Erzähler von Geschichten einer wahrlich starken Frau, deren Name in Wien auf zwei Gräbern steht. Auf dem Marxer Friedhof wurde sie bestattet, aber im Zuge der Eröffnung des Zentralfriedhofes wurden ihre Überreste in ein Ehrengrab überführt. Diese Geschichte wurde nicht interpretiert, aber die imaginierte Erinnerung an ihre Reisen ist selbst ein Abenteuer, das gehört werden will.

Martin Listabarth Trio „In Her Footsteps“ (O-Tone Records)
Als ein Freund in den Proberaum kam und meinte, dass das klinge wie sein Urlaub in Polen, war der Bandname gefunden. Das war vor mehr als zwanzig Jahren, und schändlicherweise blieb auch in dieser Redaktion die Band unbekannt. Nach vier Jahren Pause sind Urlaub in Polen wieder da und zeigen mit „Objects, Beings & Parrots“, dass sich Ausdauer auszahlt. Sie vereinen das Repetitive des Krautrock mit der sturen Romantik von Männern im besten Alter; natürlich ist ihnen Noiserock auch nicht fremd. Das Duo, bestehend aus Schlagzeuger Jan Philipp Janzen und Multitalent Georg Brenner, findet auf der Gratwanderung zwischen Sounds und klaren Songstrukturen einen spannenden Weg, der klar zeigt, dass für Urlaub in Polen Genregrenzen nur einen Zweck haben: Sie zu sprengen. Dass sich bei aller Größe mit „Jaki‘s Love Time“ noch ein genialer Tribut an den legendären Krautrock-Schlagzeuger Jaki Liebezeit findet, macht dieses Album noch unglaublicher und sollte diese Band endlich in luftige Höhen hieven.

Urlaub in Polen „Objects, Beings & Parrots“ (Tapete Records)
Nachdem Cat Power mit der Nachstellung des „Royal Albert Hall“-Konzerts von Bob Dylan die Welt umrundet hat und auch zweimal in Österreich Halt machte, veröffentlicht sie nun mit „Redux“ eine EP mit drei Songs. Ein Teil ihres Werks war immer schon Coverversionen gewidmet. Hier stürzt sie sich in eine wunderbar trockene Southern-Soul-Version von James Browns „Try Me“ und wagt sich an „Nothing Compares 2 U“, den Prince-Song, dem Sinéad O’Connor auf ewige Zeiten ihren Stempel aufdrückte. Cat Power versucht sich ruhig und mit Soul dem Song zu nähern, aber der Gedanke an O’Connor will einfach nicht verschwinden. Der Mut, sich an solche ikonischen Songs zu versuchen, ist aber zumindest eine Verbeugung wert.

Cat Power „Redux“ (Domino Records)
Vom Soul zum ewigen Indiepop. Die Engländerin Lande Hekt veröffentlicht mit „Lucky Now“ ihr drittes Soloalbum, nachdem sie ihre feine Pop-Punkband Muncie Girls endgültig aufgelöst hat. Sie entdeckte das neuseeländische Flying Nun Label und ließ sich von Bands wie The Chills oder The Clean, aber auch den ihr geografisch näheren Pastels oder Talulah Gosh und deren englischen Zeitgenossen der Achtziger inspirieren und integrierte Jingle-Jangle-Gitarren in ihre Songs, die als kleine Popkunstwerke daherkommen und trotzdem den Hörer einladen, den Inhalt zu entdecken. Eine Gratwanderung, die hier gelingt. Spätestens beim Abschlusssong „Coming Home“, der ihr Heimkommen nach Exeter zelebriert, ist man Fan von Lande Hekt. Ältere Semester können ihre Felt-Platten wieder ausgraben, die Jüngeren können sich einfach in „Lucky Now“ verlieren.

Lande Hekt „Lucky Now“ (Tapete Records)
Und damit zu Felix Schnabl. Der hat sein Herz schon vor einigen Jahren an den simplen Garagenrock verloren und lebt diese Liebe mit seinem Projekt Salamirecorder aus. Auf den letzten Veröffentlichungen ließ er sich von den Hi-Fi Phonos begleiten, für „Inside The Cage“ sperrte er sich alleine in sein Studio mit dem antiken Fostex-Vierspurgerät ein und bastelte an seiner Vision. Der Sound und die Songs von Salamirecorder werden immer mit den Cramps verglichen, dabei haben die Cramps, bei all dem glorreichen Wahnsinn, den sie verbreiteten, ja auch schon die Reste der ersten Generation der wahnsinnigen Garagenbands wie der Trashmen verwertet. Mit „Inside The Cage“ schreibt Salamirecorder die Geschichte dieser ersten Generation weiter, die Mittel dafür mögen der Vergangenheit entrissen sein, die bedingungslose Leidenschaft und Liebe für die abseitigen Sixties führen aber in die Gegenwart.

Salamirecorder „Inside The Cage“ (Siluh Records)

