Film, Geschichte, Protest.

2026 jähren sich der hundertste Geburtstag und der zehnte Todestag eines der bedeutendsten polnischen Filmemacher – Andrzej Wajda. Anlass zur Wiederendeckung eines Werks, das Filmgeschichte geprägt hat.

Der Mann aus Marmor, 1977

Als Andrzej Wajda im Jahr 2000 den Oscar für sein Lebenswerk erhielt, war er für viele Zuschauer außerhalb Polens noch immer ein etwas rätselhafter Künstler. Er hatte nie die mediale Bekanntheit von Roman Polan´ski, Andrzej Z˙uławski oder Krzysztof Kieślowski erreicht, doch seine Filme übten einen enormen Einfluss auf die Meister der internationalen Filmkunst aus. Für Martin Scorsese war Asche und Diamant (1958) einer der wichtigsten Filme seines Lebens – während des Schnitts von Raging Bull (1980) sah er ihn sich mehrfach an. Francis Ford Coppola zählte Wajdas Kriegsfilme zu seinen Favoriten, und auch Luis Buñuel, Elia Kazan sowie Akira Kurosawa, mit dem ihn eine besondere künstlerische Beziehung verband, waren von ihm begeistert. Bei „jüngeren“ Regisseuren wie Emir Kusturica lassen sich ebenfalls deutliche Spuren seiner Inspiration erkennen. Auch international setzte Wajda Akzente – mit Meryl Streep in einer frühen Theaterrolle in Die Dämonen sowie mit dem jungen Gérard Depardieu in Danton (1982).

Die Stärke von Wajdas Filmkunst liegt in einer ungewöhnlichen Verbindung von Traditionen. Ursprünglich wollte er Maler werden, was sein bildhaftes Denken und seine Fähigkeit prägte, komplexe Inhalte in suggestive visuelle Kürze zu übersetzen. Er wuchs mit der polnischen historischen Malerei auf, lehnte sich jedoch zugleich gegen sie auf. Von der Avantgarde fasziniert, suchte er stets nach Formen, die geeignet waren, die „zerschlagene“ Nachkriegsrealität darzustellen. In seinen Filmen verband er diese Einflüsse zu einer raffinierten, mutigen und zugleich zugänglichen Bildsprache. Dabei griff er sowohl auf den italienischen Neorealismus als auch auf das amerikanische Kino der 1940er-Jahre zurück und nutzte dessen Fähigkeit, Mythen zu erschaffen.

Asche und Diamant, 1958

Diese künstlerische Mischform ermöglichte Werke, die fest in der Geschichte verwurzelt und zugleich offen für Symbole und universelle Mythen waren. Ein herausragendes Beispiel ist Maciek aus Asche und Diamant/Popiół i diament, gespielt von Zbigniew Cybulski – ein tragischer Held, den viele als polnisches Pendant zu James Dean sahen. Dank solcher Figuren wurde die lokale historische Erfahrung für ein weltweites Publikum verständlich. Trotz des Eisernen Vorhangs konnte Polen durch Wajda am modernen künstlerischen Dialog mit dem Westen teilnehmen.

Wajda wandte sich stets gegen vereinfachenden chauvinistischen Nationalismus und konnte sich mit bestimmten, in der polnischen Kultur vorherrschenden Haltungen nicht abfinden. Gleichzeitig war er ein seinem Land treu gebliebener Künstler, der über die Rolle Polens in Europa nachdachte und versuchte, sowohl den Landsleuten als auch der Welt davon zu erzählen. Er reflektierte die komplizierte Vergangenheit des Landes und entwarf zugleich Visionen seiner Zukunft. Während des kommunistischen Regimes erhielt sein Kino eine Dimension zivilen Widerstands; das bekannteste Beispiel ist Der Mann aus Marmor/Człowiek z marmuru (1977). Nach 1989 griff er Themen auf, die zuvor nicht möglich gewesen waren, etwa das Drama eines Künstlers im Konflikt mit der stalinistischen Diktatur in Afterimage/Powidoki (2016).

Kalmus, 2009

Das Wesen von Wajdas Einfluss liegt jedoch in seinem künstlerischen Temperament. Sein Werk umfasst eine erstaunliche Bandbreite an Genres – von leisen Dramen bis zu spektakulären Filmfresken. Er interessierte sich ständig für neue Ausdrucksformen, beobachtete aufmerksam die Arbeit jüngerer Kollegen und suchte unermüdlich nach Inspiration. Seine Filme können intim und nachdenklich sein (Die Mädchen aus Wilko, 1979), manchmal aber auch mitreißend, sinnlich, rau und aggressiv – wie in dem bis heute erstaunlich aktuellen Film Das gelobte Land/Ziemia obiecana (1975), der die Faszination des grausamen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zeigt. Unabhängig vom Genre bleiben Wajdas Arbeiten stets intensiv, fesselnd und präzise durchdacht.

Während der Retrospektive, die vom 16. März bis 7. April im METRO Kinokulturhaus in Wien stattfindet, werden zehn Filme des polnischen Regisseurs gezeigt, die sein Schaffen in seiner ganzen Vielfalt erfahrbar machen. Neben den oben genannten Titeln sind auch Wajdas autoreflexive Werke zu sehen, in denen er über die Rolle des Künstlers und die Verschmelzung von Leben und Kino nachdenkt (Alles zu verkaufen/Wszystko na sprzedaż, 1968, und Kalmus/Tatarak, 2009). Außerdem lässt sich seine Zusammenarbeit mit der außergewöhnlichen Schauspielerin Krystyna Janda verfolgen, etwa im Film Der Dirigent/Dyrygent (1980) mit John Gielgud – ein Werk über Polens schwierige Beziehungen zur Welt und über die Kunst als Raum der Verständigung über Grenzen hinweg.

Artwork Justyna Chodkowska © Polski Instytut Sztuki Filmowej

 

Retrospektive – Andrzej Wajda
16.3.–7.4.2026
METRO Kinokulturhaus, Johannesgasse 4, 1010 Wien
In Kooperation: Polnisches Institut Wien und Filmarchiv Austria / METRO Kinokulturhaus

 

| FAQ 84 | | Text: Karol Szafraniec
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