Post-Club-Utopien

It’s a mad world, lass uns an der Utopie Hoffnung bauen: Das donaufestival 2026

Anton Kats, After Hope © Mayra Wallraff

Unter dem Motto „Mad Hope“ hat das donaufestival an zwei Wochenenden Anfang Mai wieder zahlreiche Projekte aus Musik und Performance nach Krems geladen, dazu kommen Film- und Vortragsreihen. Die gut 50 Programmpunkte bringen Highlights wie die Electro-Queer-Ikone Peaches, die libanesische Experimental-Rock-Formation Sanam, das dänische Frauen-Improvisationskrach-Quartett Selvhenter und eine Zusammenarbeit zwischen Radian und Liquid Loft. Auffällig: Diese Hoffnungen werden kaum mehr im Club zusammengebaut, sondern kommen aus diversen Spielarten des Rock und der Elektronik mit reichlich viel Jazz. Es ist bereits das neunte Mal, dass das donaufestival unter der künstlerischen Leitung von Thomas Edlinger stattfindet, der eine gewohnt diskursiv dichte Veranstaltungsreihe zusammengestellt hat.

Am donaufestival lässt sich über die Jahre gut darstellen, wie Musik und performative Künste auf das Weltgeschehen reagieren beziehungsweise es antizipieren. Seit der Corona-Pandemie und dann dem Krieg in der Ukraine sind die Zeichen ganz eindeutig auf Krise gestellt. Der seit 2023 schwelende Gaza-Konflikt tut sein Übriges, dass auch in den scheints aufgeklärten Szenen sich immer weiter öffnende Bruchlinien verlaufen.

War es in den Jahren davor am donaufestival um Überwindungen des Menschlichen gegangen – Post-Anthropozän, Alienhaftigkeit, Transhumanismus –, hatte sich letztes Jahr mit dem von der Band Sonic Youth entliehenen Slogan „Confusion is Next“ diese verfahrene Situation angekündigt, in der wir spätestens seit den Eskapaden und Verwerfungen US-amerikanischer Machtpolitik stehen.

Peaches © Promo

Hoffnung als kategorisches Prinzip

Heuer also „Mad Hope“. Ein etwas in Vergessenheit geratener Philosoph wird unter diesen Bedingungen wieder populär: Ernst Bloch, Deutscher, Neomarxist, Jude, Pazifist, der zwischen 1938 und 1947 im US-amerikanischen Exil sein als Hauptwerk geltendes Buch „Das Prinzip Hoffnung“ geschrieben hatte. Nun ist es problematisch, ein gut 1.500-Seiten-Werk auf einen Slogan herunterzubrechen, liefert aber eine aussagekräftige und gut verwertbare Parole. Ein Buchkapitel heißt „Grundrisse einer besseren Welt“ und präsentiert soziale oder technische Utopien, die bis in die Antike reichen. Es sind also weniger konkrete Handlungsanweisungen als wohl vielmehr Versuche, unter dem Eindruck der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs Hoffnung als kategorisches Prinzip zu konstituieren. Es gibt, genau besehen, keine Alternative zur Hoffnung. Was dabei aber etwas ausgeklammert bleibt, ist die soziale und gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen und der Gruppe. Man könnte sagen: Diese Lücke macht sich das donaufestival künstlerisch zunutze. „Mad Hope“ als eine bewusst überzeichnete Behauptung, also als popkulturelle Rahmung zwischen Krisenbewältigung, Queerness und scheppernden Gitarren.

Empowerment und Sex-Positivity

Einer der Haupt-Acts ist die kanadische, in Berlin lebende Merrill Nisker aka Peaches. In den frühen 2000er-Jahren war sie mit Bands wie Chicks on Speed oder Le Tigre an vorderster Front queer-feministischer Electro-Punk-Musik. Mit ihrem zweiten Album „The Teaches of Peaches“ (2000) wurde sie international bekannt; bis heute ein Meilenstein genussvoller Aneignung von weiblicher Sexualität.

Nun hat Peaches nach zehn Jahren Pause mit „No Lube So Rude“ ein neues Album am Start und ist damit auf Tournee. FM4-Redakteurin Natalie Brunner nennt in ihrer Rezension Peaches „den einzigen Popstar, den die Welt wirklich braucht“. Und weiter: „Sexualität, die in der Inszenierung von Männern zu einer Frauen entmenschlichenden Waffe werden kann, macht sie zu etwas, über das wir alle lachen können.“

Peaches feiert heuer ihren 60. Geburtstag und krakeelt über Menopause, Gleitgel und Selbstbestimmung. „A woman in control of her holes / I fill my goals!“ Das sind mal Statements. Sie betreibt spaßige und teils grotesk überdrehte Sex-Aufklärung, kommt mit Rollator und Riesenplüschvagina auf die Bühne. Peaches ist schlicht und ergreifend eine Urgewalt gegen die verkleisterte Bigotterie aktueller „Oversexed, but underfucked“-Dude-Gangs.

Marie Davidson © Nadine Fraczkowski

Zwei, drei Gänge weniger rabiat, aber um nichts weniger explizit ist die ebenfalls aus Kanada stammende Elektronikmusikerin und Sängerin Marie Davidson. Auch sie ist mit ihrem aktuellen Album auf Tour: „City of Clowns“ ist ein Spagat zwischen Electro-Clash der frühen 2000er-Jahre und aktuellen Spielarten von post-punkig, existenzialistisch angehauchtem Dance-Pop. Hier geht es um Big Tech, Paranoia und Social Media, wobei diese Dystopien lustvoll zu Utopien transformiert werden, bei denen ganz im Sinn des oben zitierten Ernst Bloch Technologie dafür genutzt wird, die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen. „City of Clowns“ war für den Polaris Music Prize 2025 für das beste kanadische Album des Jahres nominiert.

Eine weitere Verwandte im Geiste, natürlich mit ganz anderen Mitteln und Ästhetiken, ist Zubeyda Muzeyyen, die unter dem Namen DJ Haram auftritt. Die US-amerikanische DJ und Produzentin, die mit der Spoken-Word-Free-Jazz-Performerin Moor Mother im Duo 700 Bliss spielt, hat 2025 auf dem Label Hyperdub, das in den 2010er-Jahren Clubmusik neu definierte, ihr Debütalbum „Beside Myself“ herausgebracht.
Rap, Punk, übersteuerte Gitarren, hektische Beats mit Sounds und Melodien, die aus der ganzen Welt – und im Fall von DJ Haram besonders aus dem arabisch-vorderasiatischen Raum – auf den Dancefloor des (Post-)Clubs drängen.

Klänge von den Peripherien

Die Krisen und die sie begleitenden, von massiven Teuerungen bis zu ideologischen Aufrüstungen reichenden Erscheinungen haben den europäischen Blick wieder mehr auf Produktionen aus Ländern innerhalb des Dreiecks USA–UK–Berlin verengt, wodurch Musik der „Peripherie“ weniger Beachtung findet.
Ein schönes Gegenbeispiel, exemplarisch stehend für europäische Vergangenheit und globale Zukunft, ist das aus Beirut stammende Sextett Sanam rund um die Sängerin Sandy Chamoun. 2021 war Hans-Joachim Irmler, Mitbegründer der legendären Krautrock-Band Faust, eingeladen, für das Beiruter Irtijal, das mittlerweile traditionsreichste Free-Jazz-Festival des Nahen Ostens, eine Kollaborationsgruppe zusammenzustellen. Sanam verschmelzen arabische Poetik mit Avantgarde-Rock und ägyptischen Jazz mit Elektronik. Nach einem Livealbum, das sie in der Londoner Jazz-Bar Café Oto aufgenommen haben, sind Sanam aktuell mit ihrer dritten Platte im Gepäck auf Europa-Tournee. Herausgekommen ist „Sametou Sawtan“ auf dem Label Constellation, das auch Projekte wie die Drone-Gitarren-Götter von Godspeed You! Black Emperor oder eine der aktuell wichtigsten Stimmen afroamerikanischer Kunst, die Saxofonistin Matana Roberts, unter Vertrag hat.
Im besten Sinn ätherisch verklärt ist die Musik des ägyptischen Trompeters und Sängers Abdullah Miniawy. Für sein aktuelles, im Mai 2025 herausgebrachtes Album „Peacock Dreams“ hat er mit den französischen Posaunisten Robinson Khoury und Jules Boittin gearbeitet. Herausgekommen sind Stücke, die sich wie klangkünstlerische Beschwörungen anhören. Trancehafte Stimmen durchstreifen den Raum, die Sounds der Posaunen sind so gesetzt, dass sie sich immer wieder aneinander reiben und eine dritte, „geisterhafte“ Klangstimme entsteht. Das Miniawy Trio arbeitet gleichermaßen mit Jazz- wie mit Elektronikkonzepten, eine so außergewöhnliche wie stimmige Verbindung, dass sie das Trio 2025 auf das Berliner Clubfestival CTM ebenso wie auf die Biennale
Venedig brachte.War „Peacock Dreams“ eine Beschäftigung mit ägyptischen Musik- und Poesie-Traditionen, stehen für 2026 Reisen in das klangliche Erbe Tunesiens an.
Die Verbindungsklammer zur nächsten Bandempfehlung sind Arbeitsmethoden des freien Jazz und langgezogene Posaunen-Flächen: Selvhenter aus Kopenhagen, vier Frauen, die nach eigenen Angaben „Jazz Noise Free Rock“-Musik spielen, tun das in der ungewöhnlichen Besetzung mit zwei Schlagzeugen, einer mit Bass-Verstärker verfremdeten Posaune und einem Saxofon. Das Album „Mesmerizer“ (2023) war ihr erster Tonträger seit neun Jahren. Komplexe Polyrhythmik ist angesagt, die so Club-tauglich und wuchtig daherkommt, dass man nicht weiß: headbangen, tanzen oder doch beides?

SANAM © Karim Ghorayeb

Selventher © Jean-Luc Clercq-Roques

Musik, Performance und Kunst aus Österreich

Wenig breit aufgestellt ist das Programm mit österreichischen Musikerinnen und Musiker. Da gibt es das 1996 in Wien gegründete Trio Radian mit Martin Brandlmayr (Schlagzeug), Martin Siewert (Gitarre, Elektronik) und Manu Mayr am Bass. Am zweiten Wochenende steht die Uraufführung der Zusammenarbeit mit der Wiener Performancegruppe Liquid Loft an, dafür wird zum ersten Mal die Kremser Dominikanerkirche bespielt. Der Name dieser Musik-Tanz-Performance ist Programm: Bei „Hold & Resist“ geht es darum, Sounds und Posen in Einklang zu bringen und auszuhalten.
Radian sind bekannt für ihre Grenzerfahrungen zwischen elektronischer und rockistischer Improvisation mit Ausflügen in abstrakten Jazz. Wie lebende Tableaux vivants bewegen sich Tänzerinnen und Tänzer in (Ultra-)Slow-Motion zu den Klängen, verharren, kippen, balancieren. „Hold & Resist“ will sich auch politisch verstanden wissen, wonach dem Trotzen der Schwerkraft auch der Impetus von Widerstand innewohnt.
Im Kapitelsaal zeigt Ulrike Königshofer die Soundinstallation „Air“. Die steirische Fotografin und Künstlerin beschäftigt sich mit Fragen der Wahrnehmung und des Erfassens von körperlichen und medialen Zusammenhängen der Welt. 2024 wurde sie mit dem österreichischen Outstanding Artist Award für Künstlerische Fotografie ausgezeichnet.
Das Forum Frohner wird in einer Kooperation mit dem donaufestival und der Universität für angewandte Kunst Wien bespielt. Masterstudierende der Abteilung Cross-Disciplinary Strategies entwickeln das Projekt „Hope4Hope“ vor dem Hintergrund von Tastkunst und dem Festivalmotto.
Bis dahin hören wir uns zu referenziellen Lifestyle-Zwecken im Kassetten-Walkman „Mad World“ von Tears For Fears aus dem Jahr 1982 an.

Donaufestival Krems
Fr. 1. bis So. 3. Mai und Fr. 8. bis So. 10. Mai 2026
www.donaufestival.at

 

| FAQ 84 | | Text: Heinrich Deisl
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