Ein Schwarz-Weiß-Foto aus den 1950er-Jahren zieht den Blick durch den kreisförmigen Durchbruch eines Stadtbahngeländers auf ein sich küssendes Paar, das auf einer Bank sitzt. Vorder- und Hintergrund sind behutsam in Grautönen abgesetzt. Die Fotografie ist von der österreichischen Fotografin Barbara Pflaum, der derzeit eine Personale im MAK gewidmet ist. Pflaum besticht nicht nur durch ihre Fotografien, sondern auch durch ihr außergewöhnliches Leben. 1912 in Wien geboren, studierte sie zunächst Grafik, gebar drei Kinder, ließ sich scheiden, zog die Kinder allein auf und begann ein Fotografiestudium in ihren Vierzigern. Mit dem Fotografieren begann sie, als ihr damaliger Partner ihr eine Kamera schenkte und Fotolaboranten meinten, ihre Fotos wären es wert, verkauft zu werden.
Wie stark die Kriegserfahrung ihr Leben weiterhin prägte, sieht man nicht nur an der Wahl der Motive – ältere, ärmliche Menschen und Kinder in den Außenbezirken von Wien – sondern auch an ihrer Zusammenarbeit mit Yoichi Okamoto, der die Bildredaktion des US-Informationsdienstes leitete und jungen Fotografinnen und Fotografen die Grundlagen des Fotojournalismus beibrachte.

Barbara Pflaum „Sie lebt von der G’frett-Verbreitung”, Ecke Kärntner Straße, Philharmonikerstraße, Wien, um 1960. Silbergelatineabzug © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum
Im MAK sind vornehmlich Fotografien abseits der offiziellen Aufträge, wie jene aus der zwanzigjährigen Anstellung bei der Wochenpresse, zu sehen. Es sind Streifzüge durch die aufblühende Schaufensterwelt des anlaufenden Konsums. Manchmal sind es auch Aufnahmen von Christkindlmärkten, wo Passanten nach den Elendsjahren des Krieges den Glanz der Kugeln und des Lamettas bestaunen. Das Archiv von Barbara Pflaum, die 2002 hochbetagt starb, bietet die Grundlage dieser Auswahl. Es ist heute aufgearbeitet und wird bei brandstaetter images aufbewahrt.
Dass die Künstlerin mutig in die neuen Zeiten schritt, zeigt eine ihrer ersten Fotoreportagen von 1953, die sie für die „Wiener Illustrierte“ anfertigte. Sie besuchte in Schweden ein Heim für „schwererziehbare“ männliche Jugendliche und entwickelte dort eine ihrer ersten Fotostrecken. Die Jungen lungern herum, rauchen, springen aus dem Fenster und vermitteln den Eindruck einer gewissen Gelassenheit. Mit diesen Fotos befindet sie sich in einer guten historischen Tradition, fotografierte doch die Österreicherin Edith Tudor Hart 1952 Kinderheime für spezielle Bedürfnisse in ihrer Serie „Moving and Growing“ in Schottland.

Barbara Pflaum, Anti-Vietnamkrieg-Demonstration im Rahmen der 1.-Mai-Kundgebung auf der Wiener Ringstraße, 1970. Silbergelatineabzug © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum
Barbara Pflaum sah die Welt durch die Kameralinse und ging auch so auf sie zu. So gibt es seltene Aufnahmen von Wiener Anti-Vietnamkriegsdemonstrationen von 1970 und Bildstrecken von den zarten Protesten der 68er-Generation in Wien.
Barbara Pflaum lebte mit, von und für die Fotografie. Ein Gedanke, den die Ausstellung zu vermitteln vermag.
BARBARA PFLAUM – SCHAUFENSTER DES ALLTAGS
MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien
Bis 16. August 2026
www.mak.at

