Das Glück liegt im Innenhof

Seit zwei Jahrzehnten steht Citybiker für Wiener Fahrradkultur. Ein Gespräch mit Citybiker-Mitbetreiber Gernot Frank über urbane Mobilität, Lastenräder und die Frage, warum gute Räder vor allem gefahren werden sollten.

Gernot Frank © Magdalena Blaszczuk

Citybiker gehört seit 20 Jahren zu den prägenden Fahrradgeschäften Wiens und setzte von Anfang an auf urbane Mobilität – lange bevor das Fahrrad zum Lifestyle- und Alltagsthema wurde. Heute treffen im Durchhaus im siebten Bezirk Lastenräder, Gravelbikes, Falträder und klassische Stadträder aufeinander. Seit rund zehn Jahren betreiben Gernot Frank und Radek Gabrys gemeinsam den Shop und beobachten aus nächster Nähe, wie sich die Wiener Fahrradkultur verändert hat.

Wie ist die Idee für Citybiker 2006 entstanden?

Gernot Frank: Den Citybiker haben nicht Radek Gabrys und ich gegründet, sondern vor etwa zehn Jahren übernommen, obwohl wir schon seit über 19 Jahren hier arbeiten. Gegründet wurde Citybiker ursprünglich von Martin Rösner und Thomas Schütz, den Eigentümern von Mountainbiker im 9. Bezirk – einer der spannendsten Radshops Österreichs. Martin Rösner hatte damals bereits einen starken urbanen Fokus und gesehen, dass es spannende Produkte und Marken für den Stadtbereich gibt. Noch relativ wenige, aber es war klar: Dafür braucht es einen eigenen Shop. Martin ist außerdem ein sehr architekturaffiner Mensch. In einem Durchhaus wie hier einen Radshop zu eröffnen, war natürlich komplett sinnbefreit – aber er hat das Potenzial des Lokals und des Standorts gesehen. So ist Citybiker entstanden.

Wie hat sich die Fahrradkultur seit damals verändert?

Das ist eine große Frage. Einerseits gibt es eine enorme technische Entwicklung: Heute existieren wahrscheinlich so viele unterschiedliche Radmodelle wie nie zuvor. Andererseits ist das Fahrrad für viel mehr Menschen wieder ein Alltagsgegenstand geworden und nicht mehr nur ein Sportgerät, als das es in Österreich jahrzehntelang oft wahrgenommen wurde.

Freut Sie diese Entwicklung?

Natürlich. Jedes Rad, das auf der Straße unterwegs ist, freut mich.

Wie hat sich dadurch die Kundschaft verändert?

Es fährt heute einfach jeder Rad. Früher konnte man den klassischen Radfahrer vielleicht noch an bestimmten Klischees festmachen – das geht heute nicht mehr. Die Szene ist viel breiter geworden, dadurch entstehen auch ganz andere Möglichkeiten in der Stadtentwicklung, weil sich mehr Menschen dafür interessieren, dass sich etwas verändert. Unsere Kundschaft ist natürlich auch mit uns älter geworden. Trotzdem haben wir weiterhin junge und neue Kundschaft.

Gibt es heute andere Erwartungen an ein Fahrrad?

Vor allem an den Servicebereich. Viele Menschen kommen vom Auto und sind gewohnt, in eine Werkstatt zu gehen, dort ein Rundum-Paket zu bekommen und professionell betreut zu werden. Diese Erwartungshaltung gibt es heute auch beim Fahrrad. Dadurch hat sich die Branche stark professionalisiert. Natürlich gibt es immer noch kleine Werkstätten mit viel Chaos, Werkzeug und Alteisen – das hat auch seinen Charme. Aber auf dem Level, auf dem wir heute hier arbeiten, funktioniert das so nicht mehr.

Radek Gabrys © Magdalena Blaszczuk

Welche Fahrradtrends dominieren aktuell?

Ich bin froh, dass wir immer noch sehr viele nicht-elektrifizierte Räder in der Werkstatt haben. Stadtradfahren ist nach wie vor nicht automatisch E-Bike-Fahren. Gerade im urbanen Bereich werden weiterhin viele klassische Fahrräder verkauft und serviciert. Ausgenommen davon sind Lastenräder – die sind fast alle elektrifiziert. Ansonsten sieht man klar, dass Rennräder, Gravelbikes und generell sportliche Outdoor-Themen sehr populär geworden sind. Mountainbikes wurden dabei teilweise vom Rennrad und vom Gravelbike verdrängt. Das merkt man auch bei uns im Servicebereich.

Was fasziniert die Menschen an Gravelbikes?

Der Outdoor-Gedanke. Dieses Gefühl, dass alles möglich ist. Man hat ein Tool, mit dem man einfach in den Wienerwald rausfahren kann. Das verspricht Freiheit. Es ist auch toll, mit einem Rad relativ viel abzudecken: Alltag, Touren und Sport. Und sie fahren sich einfach gut. Das ist natürlich auch wieder eine technische Entwicklung. Es gibt mittlerweile Reifen und Komponenten, mit denen man solche Räder bauen kann, ohne dass das Budget komplett explodiert. Ein schmal bereiftes, klassisches Rennrad kann man heute de facto gar nicht mehr neu kaufen – das ist vorbei. Wenn man heute Leute mit alten Rennrädern sieht, dann meistens, weil ihnen die Räder gefallen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Menschen, die einfach nur von A nach B kommen wollen, und jenen, denen das Fahrrad selbst wichtig ist. Sobald es mehr Richtung Hobby oder Sport geht, investiert man natürlich auch Geld.

Bikepacking und Zubehör scheinen generell immer wichtiger zu werden. Ist das inzwischen auch im Alltag angekommen?

Sicherlich. Das ganze Accessoire-Thema hat sich extrem entwickelt. Stadträder sind viel besser geworden, was Alltags-lösungen betrifft, gleichzeitig hat sich auch die Zubehörindustrie weiterentwickelt. Es gibt inzwischen Produkte, die sich leichter in den Alltag integrieren lassen und oft auch besser aussehen.

Sie haben vorher schon Lastenräder angesprochen. Haben Sie das Gefühl, dass das wirklich ein nachhaltiger Wandel ist?

Das ist Teil einer generellen Entwicklung des Radverkehrs in großen Städten. Wenn eine Stadtregierung Radfahren forciert, dann auch deshalb, weil es ökonomisch eine der günstigsten Arten ist, Mobilität in der Stadt zu organisieren. Wenn man sich Städte wie Paris anschaut: Die erweitern ihre gewachsenen öffentlichen Verkehrssysteme nicht unendlich, sondern setzen zusätzlich auf Radverkehr. Dafür braucht es Infrastruktur, also Radwege. Das passiert mittlerweile auch in Wien. Dadurch fühlen sich Menschen sicherer und fahren vielleicht auch mit ihren Kindern Lastenrad. Ich glaube, diese Entwicklung ist schwer aufzuhalten.

Ist es für einen Radverkäufer frustrierend, wenn man das Gefühl hat, dass ein Rad nur im Keller stehen wird?

Das passiert natürlich schon oft. Schön ist aber, wenn jemand mit dem Radfahren beginnt, sich vielleicht ein Lastenrad kauft und plötzlich merkt: Es ergibt überhaupt keinen Sinn mehr, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Dann stehen diese Menschen nach einem Jahr wieder hier und haben plötzlich 7.000 oder 8.000 Kilometer auf dem Rad, weil sie alles damit erledigen. Das sind schöne Momente.

Die Lastenrad-Förderungen der Stadt Wien haben diesen Boom aber schon beschleunigt, oder?

Ja, sicher. Ohne solche Förderungen würde das heute wahrscheinlich anders aussehen.

Eine Beobachtung von mir: Seit Corona tragen in Wien plötzlich viel mehr Menschen Helm als früher. Woher kommt das?

Das merkt man definitiv. Gerade in den letzten zwei, drei Jahren sind die Helmverkäufe stark gestiegen. Ich erkläre mir das so: Einerseits gibt es in Österreich seit 2011 die Helmpflicht für Kinder bis zwölf Jahre. Diese Generation ist jetzt alt genug, selbstständig im Stadtverkehr unterwegs zu sein und fährt ganz selbstverständlich mit Helm. Andererseits spielt sicher auch der Wintersport eine Rolle. Wer Ski oder Snowboard fährt, trägt heute selbstverständlich einen Helm. Ohne Helm fühlt man sich auf der Piste mittlerweile fast schon fehl am Platz. Dazu kommen natürlich noch die sportlicheren Rennrad- und Gravelfahrerinnen und -fahrer. Wenn man dort ohne Helm auftaucht, wird man schnell schief angeschaut.

Foto: Magdalena Blaszczuk

Was macht für Sie ein modernes Citybike aus?

Für mich ist wichtig, dass ein Rad unkompliziert ist. Ich nutze ein Fahrrad gerne, wenn ich meine Tasche oder meinen Rucksack einfach transportieren kann, ohne lange herumhantieren zu müssen. Und wenn es unkompliziert zugänglich ist. Deswegen bin ich Faltrad- und Lastenrad-Fan. Ein Lastenrad kann ich einfach unten stehen haben, aufsperren und losfahren. Oder ein Brompton-Faltrad, das ich unkompliziert mit dem Lift runternehmen kann: Das funktioniert einfach. Prinzipiell mag ich schlichte Räder. Obwohl ich in einem Radgeschäft arbeite, werden meine eigenen Räder nicht ständig serviciert. Ich sehe den ganzen Tag Kundenräder und komme oft gar nicht dazu, mich um meine eigenen zu kümmern.

Wie wichtig ist Wettertauglichkeit geworden? Mir kommt vor, dass inzwischen mehr Menschen auch im Winter fahren.

Auf jeden Fall. Dinge wie Riemenantriebe sind da ein Riesenthema, weil man sich nicht mehr mit Ketten beschäftigen muss. Das ist extrem praktisch im Alltag. Sexy ist das vielleicht nicht unbedingt, aber es funktioniert sehr gut. Solche Räder sieht man trotzdem noch relativ selten, weil der Einstiegspreis
höher ist. Da geht es dann auch um die Frage: Wie viel bin ich bereit auszugeben? Und wie sicher kann ich mein Fahrrad in Wien überhaupt abstellen? Es gibt nach wie vor viele Wohnungen ohne vernünftige Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Und wahrscheinlich werden viele Häuser so etwas auch nie bekommen. Alle Ideen rund um Radparkgaragen oder umgenutzte Leerstände: Da wird sich in Wien kurzfristig vermutlich nicht wahnsinnig viel tun.

Vintage-Rennräder sind seit einigen Jahren wieder sehr beliebt. Ist das eher Lifestyle oder steckt da auch ein Nachhaltigkeitsgedanke dahinter?

Wenn ich durch den siebten Bezirk gehe und an jeder zweiten Ecke einen Vintage-Kleidungsstore sehe, frage ich mich auch: Geht es da wirklich um Nachhaltigkeit? Heute funktionieren solche Shops vielleicht auch deshalb gut, weil sie gut kuratiert sind und ein Erlebnis bieten. Bei Fahrrädern ist es ähnlich. Ein gutes altes Rad lohnt sich oft noch herzurichten. Gleichzeitig ist das natürlich auch ein Lifestyle-Thema geworden, weil gute alte Räder mittlerweile gar nicht mehr so günstig sind. Die klassischen alten Rennräder werden immer weniger.

Durch moderne Ausstattung werden Räder langlebiger, aber werden sie auch komplizierter zu reparieren?

Ein aktuelles gutes Fahrrad ist definitiv langlebiger als ein gutes Rad von vor 20 Jahren. Die Räder funktionieren besser, die Technik ist günstiger geworden und man bekommt mehr dafür.  Wenn man ein gutes Fahrrad hat, dann hat man es eigentlich immer schon repariert. E-Bikes sind natürlich noch einmal ein eigenes Thema. Da wird sicher auch viel entsorgt werden. Aber im Vergleich zu Autos ist das aus meiner Sicht trotzdem kein riesiges Problem. Wir reden hier von relativ kleinen Akkus. Das ist letztlich vor allem eine Frage des Recyclings. Akkus werden heute ohnehin schon recycelt, der Rest wird zerlegt.

Es gibt oft Vorurteile gegenüber E-Bikes. Gleichzeitig denke ich mir immer: Besser, jemand fährt E-Bike als gar kein Fahrrad.

Genau. Da muss man pragmatisch sein. Natürlich gibt es generell einen Trend hin zu mehr E-Bikes, aber letztlich ist es einfach ein Fortbewegungsmittel. Ob sich jemand auf ein E-Bike setzt und damit von A nach B fährt oder ob für diese Person eine neue U-Bahn gebaut wird: Das macht am Ende keinen großen Unterschied.

Welche Services werden bei euch am häufigsten nachgefragt?

Schlauchwechsel natürlich. Ansonsten kommen die Leute meistens mit irgendeinem konkreten Problem vorbei. Irgendetwas klappert oder reibt, und dann schauen wir uns das ganze Rad an. Wir haben weniger Kundinnen und Kunden, die einfach nur zum jährlichen Service kommen. Das gibt es schon auch, aber meistens ist es anlassbezogen.

Gibt es aktuell einen Fachkräftemangel bei Fahrradmechanikerinnen und -mechanikern?

Das würde ich gar nicht sagen. Es ist ein spannender handwerklicher Beruf, deshalb gibt es genug Leute und auch viele Quereinsteiger, die sich dafür interessieren. Gleichzeitig ist der Bereich anspruchsvoller geworden. In den letzten 20 Jahren hat sich extrem viel verändert. Ein modernes Fahrrad ist etwas völlig anderes als eines von vor 10 oder 15 Jahren. Gleichzeitig fahren diese alten Räder aber noch immer herum und müssen repariert werden. Man braucht also ein sehr breites Wissen, um schnell und effizient arbeiten zu können und um davon leben zu können.

Welche Entwicklungen werden die Fahrradwelt in den nächsten Jahren besonders prägen?

Radwege. Gute Radwege bringen immer mehr Radfahrerinnen und Radfahrer. Und grundsätzlich sehe ich – wie in vielen anderen Bereichen auch –, dass Produkte immer einfacher werden müssen. Die Welt ist ohnehin schon kompliziert genug. Deshalb funktionieren einfache und klare Lösungen so gut.

Zum Abschluss: Worauf sind Sie nach all den Jahren besonders stolz?

Ich freue mich über alle langjährigen Stammkundinnen und Stammkunden. Und ich freue mich über jedes Fahrrad, das tatsächlich viel gefahren wird. Das bedeutet, dass die Produktauswahl irgendwann einmal richtig war und alles Sinn ergeben hat. Außerdem bin ich stolz darauf, dass die Arbeitsatmo-sphäre hier im Hof im Großen und Ganzen wirklich gut ist. Ich komme nach wie vor jeden Tag gerne her.

 

CITYBIKER
Lerchenfelderstraße 13, 1070 Wien

citybiker.at

 

 

| FAQ 85 | | Text: Ania Gleich
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