Die Lebensdevisen und Charakterisierungen sind vielfältig. Aus den Titeln der Nachrufe auf Dennis Hopper, aus den zahlreichen Zuschreibungen fügt sich ein Bild des Künstlers zusammen: Wahnsinn mit Methode, „born to be wild“, Schauspielerei als Naturereignis zwischen schmerzlicher Melancholie und explosiver Wut, Image des ewigen Rebellen, eines Enfant terrible, dessen schillernde Lebensgeschichte sich bewegt zwischen Manie und Gelassenheit, jugendlichem Größenwahn, Selbstdestruktion im Scheitern und der Kunst, nicht unterzugehen – all das umreißt ein Leben wie im Selbstversuch, aus dem Dennis Hopper ein Kunstwerk gemacht hatte, im Zeichen des Imperativs: „Create (or die)!“
A bad trip
„We blew it!“, sagt Wyatt (Peter Fonda) gegen Ende von Easy Rider (1969). Ein Traum war geplatzt, das Land auf der Suche nach der großen Freiheit – der Erfüllung des American Dream – zu durchqueren. Dieses erste eigentliche Roadmovie ist ein Film über Counter-Culture, der Sehnsucht nach Frieden auf dem Boden von Gewalt, dem Thema, das Dennis Hopper nie losgelassen hat. „We live in a country that is not ours, we conquered America, killed the indigenous people, and our films are violent“, erklärte er als Jury-Co-Präsident der 49. Internationalen Filmfestspiele von Venedig 1992.
Gestreift hatten die beiden Easy Rider – benannt nach den alten Westernhelden Wyatt Earp alias Captain America mit dem Stars-and-Stripes-Banner auf dem Rücken und Billy the Kid, ein bärtiger Freibeuter in Wildlederkluft – als „modern cowboys on steel horses“ oder auch „cultural knights in search of a contemporary holy grail“ auf ihren Harley-Davidsons viele Stationen auf ihrem Weg von Los Angeles nach New Orleans zum dortigen Karneval, dem Mardi Gras, und weiter nach Florida. Ein Kokain-Deal setzt die Reise in Gang.

Easy Ryder, 1969. Regie: Dennis Hopper. Foto: Filmarchiv Austria
Geheime Verbindung zwischen Rock’n’Roll und Film
Die Gesichter der hungernden Hippies in einer Agrarkommune, bei der die Biker am Weg haltmachen – Pioniere alternativer Lebensformen –, erinnern an frühe Fotografien von Siedlerfamilien des 19. Jahrhunderts. Die Fahrtaufnahmen, in am Western orientierten Panoramen weiter, ruhiger Landschaft, werden zunehmend eruptiv; ein finales Flash-forward zeigt bereits die Einstellung von Wyatts beschossenem, in Flammen aufgehenden Motorrad. Das abrupt abbrechende Finale macht den Film zu einer politischen Erzählung: Die Feindseligkeit der durchschnittlichen Amerikaner gegenüber allem Fremden, Anderen verlangt nach Gegenwehr.
Auf dem Schauplatz eines Friedhofs in New Orleans visua-lisiert Easy Rider die sensorischen Auswirkungen eines LSD-Trips mit Überbelichtungen, Farbfiltern und begleitender Soundkakophonie, subjektive und beobachtende Perspektiven sind kaum noch unterscheidbar; wahrnehmbar werden Höhepunkte psychedelischen Kinos. In seiner Musik liege in Wirklichkeit die Suche dieses Films nach Amerika, erklärte Wim Wenders 1970 in der Zeitschrift „Filmkritik“, seine Bilder seien „Relikte einer Anschaulichkeit, die sich in der Musik (etwa „Born to Be Wild“ von Steppenwolf oder „Wasn’t Born to Follow“ von den Byrds) viel stärker ausgebreitet habe als in den Bildern.“
Out of the Blue
Als Dennis Hopper nach Kanada gekommen war, um in einem TV-Movie den Alkoholiker-Vater eines Problemkindes zu spielen, bat ihn der Produzent nach zwei Wochen, die Regie zu übernehmen, weil das bis dahin Gedrehte unbrauchbar war. Zehn Jahre nach seiner letzten Regiearbeit, The Last Movie (1971), jenem Film, nach dem er in Hollywood zum Outcast abgestempelt wurde, drehte Hopper mit Out of the Blue (1981) einen Film über jugendliche Außenseiter zu Beginn der Achtziger, der die Trauer der No-Future-Generation und den Geist des Punk verströmte. Die kleine, renitente Linda Manz in der Katastrophenlandschaft ihrer Jugend (zuvor zu sehen in Terrence Malicks Days of Heaven, 1978) erfasste Hopper mit liebevollem Blick. – „My my hey hey, Rock’n’Roll is here to stay, it’s better to burn out than to fade away.“ (Zeilen aus Neil Youngs Song „Out of the Blue“ von seinem Album „Rust Never Sleeps“, Neil Young & Crazy Horse, 1979)

Mit Martin Sheen in Apocalypse Now, 1979. Regie: Francis Ford Coppola. Foto: Filmarchiv Austria
Traumata, Aufsässigkeit, der Ruf des Schwierigen
Geboren wurde Hopper 1936 auf einer Farm in Dodge City, Kansas. „The first time I saw light was in a movie theatre“, aufgrund der Sandstürme in seiner Heimatregion, den Great Plains in Kansas. Im Theater zeichnete er die Schauspieler. Mit sechs sagte man ihm, dass sein Vater im Krieg gefallen sei. Als Jay Millard Hopper 1945 plötzlich leibhaftig zurückkehrte, musste das für den Jungen kein geringer Schock gewesen sein. Der Vater sei beim OSS gewesen, hieß es, dem Vorläufer der CIA; er habe seinen Tod spielen müssen, um den Feind in Sicherheit zu wiegen.
In San Diego erwartete Dennis Hopper als junger Schauspiel-Stipendiat eine große Zukunft. Mit gerade neunzehn Jahren spielte er zwei Nebenrollen in Filmen, die beide in der Hauptrolle mit James Dean besetzt waren: das Mitglied einer Jugendgang in Rebel Without a Cause (Nicholas Ray, 1955) und in Giant (George Stevens, 1956). Mit ihm freundete sich Hopper innerhalb weniger Monate an. Diese wesentliche Lebensbegegnung verankerte in dem jungen Schauspieler ein lebenslanges, mit aller Libido der Bewunderung besetztes Vorbild; kurz darauf war James Dean, der Star, dieses Idol, in seinem Porsche Spyder für immer verglüht.
Mit zwanzig glaubte der junge Schauspieler nun, seine Filmrollen, wie sein Idol es vermocht hatte, nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Ein denkender Schauspieler, dazu noch in einer Nebenrolle – das ahndete der Regie-Routinier Henry Hathaway, indem er Hoppers Auftritt in From Hell to Texas (1958) so lange wiederholen ließ, bis dieser schließlich nach endlosen Versuchen zusammenbrach und nur noch die Regieanweisung befolgte. Direkt danach wurde er gefeuert und durfte acht Jahre in keiner A-Produktion mehr mitspielen. Entnervt ging Hopper nach New York, um bei Lee Strasberg zu studieren, der richtigen Schule für ein Temperament wie das seine.

Mit Isabella Rossellini in Blue Velvet, 1986. Regie: David Lynch. Foto: Filmarchiv Austria
Kunst und Leben
Hopper schrieb seit den fünfziger Jahren, er malte überwiegend abstrakt, schuf Plastiken, wandte sich intensiv der Fotografie zu. In New York machte er Porträts von Künstlerfreunden wie Andy Warhol, Claes Oldenburg, Rosenquist, Rauschenberg und Hockney, Jane Fonda stand ihm als Amazone Modell, „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ druckten seine Aufnahmen. Er trat in einem Experimentalfilm von Warhol auf, fotografierte den Civil Rights March von Martin Luther King, mexikanische Wanderarbeiter, Beatniks und Rocker, ein Leben jenseits des Establishments – und er hörte Bob Dylan. Seine Porträtfotografien zählen zu den frühesten Dokumenten der Pop Art. Und schon in den Fünfzigern begann Hopper jene bedeutende Kunstsammlung aufzubauen, von der er hoffte, sie würde nach seinem Tod in öffentlichen Sammlungen sichtbar werden …
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