Die zweite Oberfläche

Über Jahrzehnte lag ein Großteil der Farbfotografie von Elliott Erwitt im Archiv – als vermeintliches Nebenwerk eines Fotografen, der vor allem für sein Schwarz-Weiß berühmt wurde. Der Bildband „Elliott Erwitt’s Kolor“ macht sichtbar, was dort längst angelegt war.

Foto: Elliott Erwitt, Fashion shoot, USA 1990. Photo Elliott Erwitt, Elliott Erwitt’s Kolor, teNeues 2026

Es gehört zu den langlebigsten Dogmen der Fotografie, dass Schwarz-Weiß ihr Denken sei – und Farbe ihr Irrtum. Kaum ein Fotograf hat diese Dichotomie so konsequent unterlaufen wie Elliott Erwitt. Der Bildband „Elliott Erwitt’s Kolor“ ist kein Manifest, sondern eine Verschiebung: ein Werk, das zeigt, dass die Differenz zwischen Beschreibung und Interpretation selbst eine Konstruktion ist – und dass sie sich im Bild, nicht im Diskurs entscheidet. Erwitts berühmter Satz – „Farbe ist beschreibend. Schwarz-Weiß ist interpretativ.“ – liest sich in diesem Zusammenhang weniger als Hierarchie denn als Arbeitsanweisung. Denn was heißt hier „beschreibend“? In der klassischen Bildtheorie wäre die Beschreibung die Ebene der Referenz: das, was das Bild zeigt, bevor es Bedeutung annimmt.

Doch die Farbe, so legt dieses Buch nahe, ist kein bloßer Träger von Information. Eine Oberfläche nicht als Gegensatz zur Tiefe, sondern als deren Bedingung: Bedeutung entsteht hier nicht hinter dem Bild, sondern auf ihm – als zweite Oberfläche, in der sich das Sichtbare organisiert. Anders gesagt: Farbe ist nicht das, was das Bild hat, sondern das, was es tut. Sie verteilt Aufmerksamkeit, sie moduliert Nähe und Distanz und erzeugt jene minimale Verschiebung, in der Wahrnehmung erst Bedeutung entsteht.

Elliott Erwitt, Australia 1961. Photo Elliott Erwitt, Elliott Erwitt’s Kolor, teNeues 2026

Geboren 1928 in Paris als Sohn russisch-jüdischer Emigranten, aufgewachsen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, wurde Elliott Erwitt früh zu einem Beobachter in Bewegung. 1953 holte ihn Robert Capa in die Agentur Magnum Photos, deren Blick auf die Welt er über Jahrzehnte mitprägte. Erwitt fotografierte Präsidenten und Passanten, Filmstars und Straßenszenen – stets mit jener lakonischen Genauigkeit, die das Ereignis nicht erhöht, sondern auf seinen Moment zurückführt. Doch diese lakonische Präzision entstand nicht im freien Raum: Erwitts fotografisches Leben war von Beginn an zweigeteilt. Die Farbfotografie gehörte überwiegend zur Auftragsarbeit – Magazinreportagen, Werbekampagnen, institutionelle Bildproduktionen – und war Teil einer ökonomischen Realität, die das Fotografieren überhaupt erst ermöglichte. Die Schwarz-Weiß-Bilder hingegen – die maßgeblich zu seinem Ruf als einer der wichtigsten fotografischen Künstler unserer Zeit beitrugen – entstanden parallel als persönliches Projekt, als das, was er selbst sein „Hobby“ nannte.

Elliott Erwitt, Provence, France 1955. Photo Elliott Erwitt, Elliott Erwitt’s Kolor, teNeues 2026

Als sich der Fotojournalismus, den er für Magazine betrieb, zunehmend in Richtung redaktioneller Illustration verschob, reagierte Erwitt pragmatisch: „Ich dachte mir, wenn das, was ich tue, im Grunde Werbung ist, kann ich auch gleich Werbehonorare verlangen.“ Er wandte sich der Werbung zu, ohne jedoch die eigene Arbeitsweise aufzugeben. Im Gegenteil: Er nutzte die Bedingungen der Auftragsfotografie gezielt, verlängerte Reisen, wählte Aufträge strategisch und hielt sich Zeiträume frei – immer mit dem Ziel, nebenbei jene Bilder zu machen, die keinem Auftrag verpflichtet waren. Diese doppelte Praxis prägt auch die Fotografien in „Kolor“. Sie sind funktional entstanden, lösen sich aber aus ihrer ursprünglichen Funktion und treten ohne Kontext als autonome Bilder hervor – subtiler als die bekannten Schwarz-Weiß-Arbeiten, aber von derselben Aufmerksamkeit für das Unscheinbare getragen …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 85

 

 

ELLIOT ERWITT’S KOLOR
Neue Edition, Herausgeber: teNeues

Hardcover, 304 Seiten, 24.5 x 33 cm
Cover: Elliot Erwitt (Reno, Nevada, USA 1960)
www.teneues.com

 

| FAQ 85 | | Text: Mitko Javritchev
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