Ruhm und Reue

Anne Hathaway erfindet sich neu: In einer intensiven Rolle als verletzlicher Popstar zeigt die Oscar-Preisträgerin eine ungewohnt rohe, düstere Seite. Umgeben von einer Reihe ambitionierter Projekte wirkt ihre Karriere plötzlich aufregender und unberechenbarer denn je.

Anne Hatahaway in Mother Mary © LEONINE Studios / Frederic Batier

Unangekündigt steht sie vor der Tür: die Mutter Maria höchstpersönlich. Ohne Heiligenschein zwar. Auch ohne Entourage. Ohne alles. Verloren und trostlos sieht sie aus, nicht mehr als ein Schatten ihrer selbst. Die Frau, die hier bei ihrer ehemaligen Kostümbildnerin im Atelier auftaucht, mag nach außen hin eine gefeierte Musikerin sein, aber Mother Mary, so ihr Künstlername, ist betrübt. Ihr dringendstes Problem: Für einen großen Comeback-Auftritt, der unmittelbar bevorsteht, benötigt sie ein Outfit, das ihrem derzeitigen Gemütszustand entspricht. Fragil, beinahe ätherisch und von einer tiefen Befangenheit erfüllt. 

Sam (Michaela Coel) soll es richten. Die Modedesignerin und der Popstar waren früher ein Paar. Ihre Trennung verlief nicht einvernehmlich, sowohl der private Kontakt als auch ihre jahrelange Zusammenarbeit brachen abrupt ab. Entsprechend bitter reagiert Sam auf das Flehen der Sängerin, die nun fieberhaft um Hilfe und Vergebung bittet, als hinge ihr Leben davon ab. Vielleicht tut es das sogar. Denn ein mysteriöser Geist ist buchstäblich in sie gefahren, hat sich in ihrer Brust festgesetzt.

Mother Mary © LEONINE Studios / Frederic Batier

David Lowerys atmosphärisch dichtes Psychodrama Mother Mary erzählt von den intimen Schattenseiten des Ruhms, und davon, wie sich aus dem Schmerz, der Manifestation verletzter Gefühle, etwas Schönes entwickeln kann, wenn man es zulässt. Wenn man sich darauf einlässt, wie auf diese merkwürdige, spirituell aufgeladene Geschichte, zu der auch ein Medium, verkörpert von der Künstlerin FKA Twigs, gehört. Der Film selbst löst sich von der Wirklichkeit, in dem Moment, in dem das Übernatürliche aufhört, eine Metapher zu sein, und zu etwas Realem wird. Für Anne Hathaway, die hier die titelgebende Pop-Ikone spielt, ist es ein Kraftakt, körperlich wie emotional. Marys Suche nach sich selbst ebenso wie nach Zuneigung und Geborgenheit – ob in der Begegnung mit einem Menschen oder einer höheren Macht – kommt einer Feuerprobe gleich. Hathaway besteht sie. Nicht mühelos, aber vortrefflich. Sie verschmilzt mit ihrer Rolle und die Rolle mit ihr.

Les Misérables, 2012. Regie: Tom Hooper. Foto: Universal Pictures

Mit einem Unterschied: Ein Superstar im Stil von Taylor Swift, Lady Gaga oder Beyoncé wollte Hathaway nie sein, auch wenn ihr Selbstbild in der Hinsicht nicht ganz der Realität entspricht. Bereits seit ihrem 18. Lebensjahr ist die 1982 in Brooklyn geborene New Yorkerin berühmt, ihre Filme haben Milliarden von Dollar eingespielt. Dazu kommt ein Oscar, den sie 2013 für ihren Auftritt als Fantine in Tom Hoopers Musical-Adaption von „Les Misérables“ erhielt. Aber über die Musik alles von sich preisgeben wie Mary im Film, ohne den Schutz einer anderen Identität, die man vor der Kamera annimmt, das sei ihr nicht geheuer, gesteht Hathaway, wenn sie in Interviews über ihre Rolle spricht. Auch fehle ihr die für Live-Auftritte auf großer Bühne nötige Unbeschwertheit. Bei ihr, sagt sie, drehe sich alles um „Anstrengung“.

Aus diesem inneren Bestreben heraus spielt Hathaway Disney-Prinzessinnen, Hexen, Mütter oder Liebhaberinnen. Assistentinnen, die sich von Fashion-Tyranninnen umher scheuchen lassen. Und Journalistinnen, die mit Talent, Ehrgeiz und Neugier den Aufstieg schaffen – wie ihre legendäre Figur der jungen Reporterin Andy Sachs in The Devil Wears Prada. Zwanzig Jahre nach dem Megaerfolg des Originals, fällt das Sequel der Kult-Satire über die High-End-Modewelt mehr oder weniger zeitgleich mit dem Erscheinen von Lowerys Film zusammen. Ein glücklicher Zufall? Kalkül? Oder einfach ein intensives Jahr für den Hollywoodstar?

Interstellar 2014. Regie: Christopher Nolan. Foto: Warner Bros.

Tatsächlich scheint Hathaway gerade so etwas wie eine Renaissance auf der Leinwand zu erleben. Wo man hinschaut, taucht ihr Name auf: In der Verfilmung von Colleen Hoovers Thriller „Verity“ übernimmt sie demnächst die Hauptrolle der titelgebenden Bestsellerautorin, die in einen tragischen Autounfall verwickelt wird. Regie führt Michael Showalter, mit dem Hathaway 2024 bereits die überraschend erfrischende Romanze The Idea of You drehte, in der eine 40-jährige geschiedene Frau eine Affäre mit einem jüngeren Sänger beginnt. Und auch mit Christopher Nolan hat sich Hathaway nach dem Batman-Trilogie-Finale The Dark Knight Rises (2012) und Interstellar (2015) für dessen Interpretation von The Odyssey erneut zusammengetan. Nicht zu vergessen David Robert Mitchells Sci-Fi-Thriller The End of Oak Street, der in diesem Sommer parallel zu Nolans Fantasy-Abenteuer in die Kinos kommen soll. Dazu sind zwei Serien-Projekte mit ihr in Arbeit sowie der dritte Teil der „Princess Diaries“, jener Teen-Rom-Com, die vor 25 Jahren Hathaways Durchbruch markierte.

Begegnet man Hathaway heute auf der Leinwand oder in den Medien, zeigt sie sich offen, witzig und selbstbewusst. Aber es hat ein wenig Zeit gebraucht, bis sich die Schauspielerin wieder aus der Deckung ins grelle Rampenlicht gewagt hat. Erst vor zwei Jahren fühlte sie sich wieder bereit, alle Projekte anzunehmen, die sie persönlich reizten und künstlerisch herausforderten. Davor hatte sie sich bewusst zurückgezogen, erklärte sie unlängst in einem Podcast-Interview mit der „New York Times“. „Vorher dachte ich: Ich bin als Mensch noch nicht so weit. Ich bin als Künstlerin noch nicht bereit. Ich muss mich erst weiterentwickeln, sonst werde ich lebendig gefressen.“

Rachels Hochzeit, 2008. Regie: Jonathan Demme. Foto: Sony Pictures

Umso gestärkter tritt Hathaway heute auf. Mit vierzig sagt sie, sei ihr bewusst geworden, dass sie ihr Leben so lebte, als wäre es eine Generalprobe. „Dabei war eigentlich Showtime“, ergänzt sie, wieder mit ihrem berühmten Lächeln in der Stimme. Nach wie vor gehört die Schauspielerin zu den „Guten“ in der Branche; sie spendet und volontiert seit Langem für gute Zwecke, und macht sich für gesellschaftliche Themen stark, die ihr am Herzen liegen. Zwar ist ihr der Schutz ihrer Privatsphäre heilig, und das nicht erst seit sie 2012 den Schauspieler und Produzenten Adam Shulman heiratete, mit dem sie zwei Söhne hat. Gleichzeitig nimmt sie in der Öffentlichkeit kein Blatt vor den Mund, was ihr auf den Sozialen Medien bisweilen harsche Kritik einbringt …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 85

 

MOTHER MARY
Drama/Musikfilm – Großbritannien, USA 2026

Regie und Drehbuch: David Lowery; Kamera: Andrew Droz Palermo, Rina Yang; Schnitt: David Lowery; Musik: Jack Antonoff, Daniel Hart, Charli xcx
Mit: Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Atheena Frizzell, Kaia Gerber, Jessica Brown Findlay, Isaura Barbé-Brown, Alba Baptista, Sian Clifford, FKA Twigs
Filmlänge: 112 Minuten
Filmstart: 21. Mai 2026

 

 

| FAQ 85 | | Text: Pamela Jahn
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