Es ist ein seltener Moment, wenn sich das Gewicht eines Buchs mit dem seiner Thematik deckt. „The (almost) complete Hokusai“, erschienen im TASCHEN Verlag, wiegt physisch schwer – über 700 Seiten, vier Ausklapptafeln, ein blockhafter Einband, der selbst wie aus Holz geschnitten scheint. Und doch ist dieses Werk leicht – leicht im Duktus, leicht im Blick auf einen Künstler, der sich nie fassen ließ, weil er sich stets weiterbewegte. „Mit 100 werde ich ein göttliches Niveau erreicht haben“, schrieb Hokusai einst. Er starb mit 89.
Was hier versammelt ist, entzieht sich dem schnellen Zugriff. 746 Werke aus über 100 Sammlungen weltweit, neu fotografiert, klug und behutsam kontextualisiert vom Hokusai-Kenner Andreas Marks. Gespenster, Vögel, erotische Träumereien, Wasserfälle – das Œuvre ist kein Kanon, es ist ein Kosmos. Die berühmte Große Welle vor Kanagawa, längst zum ikonischen Symbol des Japonismus und der Popkultur geronnen, wird hier zum Auftakt einer vielstimmigen Bilderflut, die vor allem durch ihr Eigenleben besticht. Jeder Strich ein Wesen, jede Linie ein Satzzeichen in einer Sprache, die sich dem Entziffern entzieht – und gerade darin so gegenwärtig wirkt.

Pages from the illustrated book „Pine Seedlings on the First Rat Day“, c. 1814 © TASCHEN / Kyo¯to, International Research Center for Japanese Studies (Nichibunken)
Marks gelingt das Kunststück, das scheinbar Unerschöpfliche mit leiser Hand zu ordnen. Er schreibt kenntnisreich, zurückgenommen, mit dem Understatement eines Autors, der nicht über das Werk spricht, sondern mit ihm. Und er verliert dabei nie den Blick für das Politische im Ästhetischen: Hokusais Stellung in der japanischen Gesellschaft, seine Rolle als Chronist eines sich wandelnden Landes – und seinen Nachhall in der westlichen Moderne, bei Degas, Gauguin, in der Idee des Künstlers als ruheloses Medium.
Dieses Buch ist keine Hommage, es ist ein Archiv der Bewegung. Hokusai, der sich zeitlebens hinter immer neuen Namen verbarg – zuletzt nannte er sich „Manji“, der ewig Werdende –, hätte an diesem Buch wohl seine stille Freude gehabt. Vielleicht hätte er sogar ein Lächeln gezeichnet. Geboren 1760 in Edo (dem heutigen Tokio), war Hokusai nicht nur ein Meister des Ukiyo-e, sondern auch ein früher Innovator visueller Erzähltechniken. Sein Einfluss reicht von Mangas bis zur europäischen Avantgarde.

HOKUSAI
TASCHEN, Hardcover, 722 Seiten, 6.18 kg
taschen.com

