Es wäre sehr leicht, sich über Morrissey lustig zu machen. Zu viele zumindest missverständliche Äußerungen begleiten seine Karriere, doch ist es gerade diese Ehrlichkeit jenseits des glattgespülten Mainstreams, die ihn unverwechselbar macht. Und wenn es diesen einsamen Charakterkopf mit mehr oder weniger großem Doppelkinn nicht gäbe, müsste man ihn wirklich erfinden.
Auf seinem neuen Album World Peace Is None Of Your Business dominiert beim Mittfünfziger mit der Einsamkeit sein Lebensthema. Auch wenn die Songwritingmuse in den letzten Jahren mit ihrer Zuneigung nicht mehr so freigiebig war, so sind Statements wie „Earth Is the Loneliest Planet“ nur von einer Seele wie Morrissey zu hören und beweisen, dass er auch als Songwriter noch immer im Saft steht.
Der Mann der zu Zeiten der Smiths für Jahrhundertsongs wie „Girlfriend in a Coma“ oder „William, It Was Really Nothing“ mitverantwortlich war und der als Solokünstler mit „Everyday Is Like Sunday“ oder „First Of The Gang To Die“ dieses Level halten konnte, verlegte seine Erzählkunst einfach in ein anderes Medium. Seine Autobiographie, schlicht „Autobiography“ betitelt, setzt punkto individueller Weltsicht und nicht vorhandener Rücksicht neue Maßstäbe und „The Guardian“ forderte sofort nach Erscheinen des Buches den Booker Prize für den Autor. Darin schwärmt er nicht nur davon, wie er als Achtjähriger den großen George Best im Dress von Manchester United gesehen hat und dessen Verbindung von künstlerischer Athletik und Rebellion bewunderte, er beschreibt auch seine Volksschullehrerin als „eine bärtige Nonne, die die Kinder von Morgens bis Abends geschlagen hat.“ Eine seine größten Niederlagen bestand darin, dass seine Bewerbung bei der Post in Manchester abgelehnt wurde. Als die Geburtsstunde der Smiths schlug, „starb er gerade vor Langeweile, Einsamkeit und Ekel.“ Die Band gab ihm die Möglichkeit, das verhasste Manchester hinter sich zu lassen, als Rückkehrer vor 17.000 Menschen auf einer Bühne zu stehen und auf das Finanzamt hinunterzublicken, in dem er auch einmal kurz arbeitete. David Bowie sagte ihm einmal, dass er so viel Sex und Drogen gehabt habe, dass es ihn wundert, dass er noch lebe, worauf Morrissey keine Mine verzog und antwortete, er habe so wenig davon gehabt, dass es ihn ebenfalls wundere, dass er noch lebe.
Morrissey ist ein Popstar von der anderen Seite. Natürlich ist er eitel und genießt die Zuneigung des Publikums, aber schlussendlich ist für ihn die Lösung aller Probleme die „Güte der Privatheit in einem warmen Zimmer voller Bücher.“ Und nicht nur das macht ihn einmalig. Das Alter hat ihn auch mit seinen (und Johnny Marrs) alten Songs versöhnt und so verirren sich schon ein paar Hits der Smiths in die Setlisten der aktuellen Konzerte, und das ist gut so, denn diese Songs verdienen es, von ihrem Urheber weiterbegleitet zu werden. Tipp zum Abschluss: Aus Respekt vor dem Vegetarier sollten Konzertbesucher die Finger von Hot Dogs oder dem Lachsbrötchen lassen.
Morrissey: World Peace Is None Of Your Business
(Capitol/Universal)
Live: 24.10 Wien, Konzerthaus; 27.10 Paris, Grand Rex;
5.11 Hannover Capitol; 23.11 Berlin, Columbiahalle

