Der Stich der Wahrheit

Francisco de Goya gehört zu den großen Genies der Kunstgeschichte. Ein Bildband versammelt die grafischen Arbeiten des spanischen Visionärs.

You Will not escape / No te escaparàs. Caprichos 72. Etching and burnished aquatint, 217 × 152 mm (8 5⁄8 × 6 in.) First edition, 1799. Inscription t. r.: 72.; b. c.: No te escaparàs. Amsterdam, Rijksmuseum, RP-P-1921-2093 | H. 107.II/III.1

Dass die künstlerische Bedeutung von Francisco José de Goya y Lucientes (1746–1828) nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, mag keine neue Erkenntnis sein – wahr bleibt sie dennoch. Einerseits war Goya aufgrund seines außergewöhnlichen Talents ein begehrter Hofmaler, der repräsentative – und dabei oftmals ungewöhnlich ehrliche – Arbeiten schuf. Andererseits war er ein Visionär, der mit feinem Strich sozialpolitische Themen aufnahm, karikaturistische Gesellschaftskritik übte und auch vor Abgründen nicht zurückschreckte. Sein Einfluss ist immens und weist auf die Moderne voraus: Zu den Künstlern, die sich von ihm inspirieren ließen, gehören etwa Monet, Picasso, Dalí oder Kubin.

Goya kam in der Gemeinde Fuendetodos im spanischen Aragón als Sohn der verarmten Adeligen Gracia Lucientes y Salvado und des Vergolders José de Goya zur Welt. Eine Nachfolge in des Vaters Fußstapfen wäre durchaus logisch gewesen, doch hatte Goya zahlreiche Geschwister; als einer der Brüder die Werkstatt des Vaters übernahm, wandte der junge Francisco sich der Malerei zu. Er ging nach Madrid, nahm Unterricht beim Barockmaler José Luzán und heiratete Josefa Bayeu (diese gebar ihm den Sohn Javier, der ebenfalls Maler wurde). Die Bekanntschaft mit dem Bruder des spanischen Königs Karl III. war für Goya schließlich die Eintrittskarte zum Madrider Hof: Ab 1786 war er Hofmaler unter Karl III., ab 1788 unter Karl IV.

Detail from: The Rabble Hamstring the Bull with Lances, Sickles, ’Banderillas‘ and Other Arms, 1816. Tauromaquia 12. Etching, aquatint and drypoint, 255 × 356 mm (10 × 14 in.). First edition, 1816. Inscription t. r.: 12 Amsterdam, Rijksmuseum, RP-P-1922-85 | H. 215.III.1

Obwohl Goya sich konstant gegen starke und teils intrigante Konkurrenz behaupten musste, folgte eine überaus produktive Phase, die sich aus Aufträgen für Kirche und Adel speiste: Er malte Altarbilder und Fresken, zudem war er für die königlichen Tapisserie-Werkstätten tätig. Seine Porträts des Adels und Hochadels überraschten dabei oft mit einer realistischen Darstellung, die nicht beschönigend war. 1792 überstand Goya eine schwere Krankheit, allerdings blieb ihm als lebenslange Folge eine schwere Beeinträchtigung des Gehörs.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Goya, der Velázquez und Rembrandt zu seinen Vorbildern zählte, zwar schon ein gewisses Renommee aufgebaut, doch in den 1790ern begann jene künstlerische Wandlung, die ihn zur Legende machte: Er wandte sich von der repräsentativen Hofmalerei ab und verdingte sich als freischaffender Künstler mit Druckgrafiken. Innerhalb dieser Gattung widmete er sich Themen, die ihn wirklich interessierten. Besonderen Ruhm erlangten die mit Aquatinta und Radiertechnik geschaffenen „Los Caprichos“: Die 80 Blätter widmen sich mit feinstem Strich und visuellem Einfallsreichtum Themenfeldern wie Machtmissbrauch (begangen von Kirche und Adel), Armut, Prostitution oder Aberglaube. Diese satirisch-kritischen Werke erregten Aufsehen und machten Goya über Spanien hinaus bekannt – vielleicht zu bekannt. Denn dem Künstler selbst schien die Aufmerksamkeit angesichts einer mächtigen Kirche so gefährlich, dass er den Verkauf der Blätter zunächst einstellte. Dieses zwiespältige Verhältnis zu den Mächtigen sollte Goya bis an sein Lebensende begleiten.

The sleep of reason Produces Monsters / El sueño de la razon produce monstruos. Caprichos 43. Etching and aquatint, 218 × 152 mm (8 5⁄8 × 6 in.). First edition, 1799. Inscription t. r.: 43.: b. l. made in aquatint reserve: El sueño / de la razon / produce monstruos. London, The British Museum, 1975,1025.124 | H. 78.II/III.1

Das zentrale Blatt der „Caprichos“ trägt die Nummer 43 und den Titel „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ – zweifellos eines der berühmtesten Werke der Kunstgeschichte. Es zeigt einen schlafenden Künstler, hinter dem Nachttiere wie Eulen oder Fledermäuse auftauchen; eine der Eulen hält eine Schreibfeder in der Hand und scheint sie dem Mann reichen zu wollen. Die Interpretationen dieser Grafik sind bis heute vielfältig und reichen vom Lob nüchterner Aufklärung bis zur hin zur Eloge auf gegen Ignoaranz kämpfende Fantasie. Doch warum nicht beides? In Goyas Werk lässt sich sowohl scharfer, analytischer Verstand finden, der die Brennpunkte der Zeit erkennt, als auch ungeheure Vorstellungskraft.

Die ebenfalls berühmten Grafiken „Desastres de la Guerra“, entstanden zwischen 1810 und 1814, sind eine Auseinandersetzung mit den Schrecken des Spanischen Unabhängigkeitskrieges. Bei Goya gibt es hier keine Helden und keine glorreichen Posen, nur Gewalt und Leid; eine derart schonungslose Darstellung des Krieges war ungewöhnlich für die Zeit. Auch wenn er diese Blätter zu Lebzeiten nicht veröffentlichte (sie erschienen erst 1863) und somit dem potenziellen Zorn der Mächtigen entging, handelte sich Goya wegen eines anderen Werkes Ärger mit der Kirche ein: Da auf dem Gemälde „Die nackte Maya“ (1795–1800) weibliches Schamhaar zu sehen war, musste er sich vor der Inquisition rechtfertigen. In gewisser Weise kann man Goya als Seelenverwandten Caravaggios (1571–1610) sehen, der aufgrund seiner Schonungslosigkeit und der Thematisierung von sozialen Themen ebenfalls Probleme mit der Kirche bekam. Bei allen „schweren“ Themen sollte man aber nicht vergessen, dass sich in Goyas Arbeiten auch viel an Ironie und Humor findet.

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TASCHEN
Goya. The Complete Prints
Anna Reuter, José Manuel Matilla
Hardcover im Schuber. 24.3×30.4 cm, 3,78 kg
600 Seiten, Deutsch, Englisch, Französisch
taschen.com

 

 

| FAQ 82 | | Text: Oliver Stangl
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