Es klingt schlimmer, als es ist. Al Cook, der mit bürgerlichem Namen Alois Koch heißt, mag allein leben, ein bescheidenes Dasein führen. Aber wirklich einsam ist nur, wer nicht denkt, hat schon Hannah Arendt gesagt. Also lässt sich auch der leidenschaftliche Musiker in seinen Achtzigern so schnell nicht unterkriegen. Was ihm bleibt, sind immerhin der Delta-Blues, seine Gitarre und ein ganzes Herz voller Erinnerungen, die er in Form von Schallplatten, Zeitschriften, Comic-Heften und Super-8-Filmen liebevoll in seiner geräumigen Wiener Altbauwohnung im 3. Bezirk aufbewahrt. In dem baufälligen Mietshaus ist er geboren, aufgewachsen und alt geworden, im Reinen mit sich und der fatalistischen Einsicht, dass er im Leben gar nicht mehr hätte erreichen können. Doch von seinem Vermieter zum Auszug gezwungen, will er die Donau endlich gegen den echten Mississippi eintauschen. Einen Neuanfang wagen. Auf nach Amerika!

Al Cook „The Loneliest Man in Town“ © Vento Film
Natürlich hat Al lange davon geträumt. Schon als er noch jung war, glücklich liiert und so fesch wie Elvis ausschaute,wäre er gerne nach Memphis gegangen. Wie zum Beweis trägt er noch heute die Haare zur Schmalztolle nach hinten gekämmt und eine tiefe Sehnsucht im Blick. Doch sein Schicksal wollte es anders. Nun sitzt er am Weihnachtsabend auf seinem Sofa in einem vom Abriss bedrohten Mietshaus und muss sich mit den Schikanen der neuen Eigentümer, einer Holding, rumschlagen, die ihm gerade den Strom abgestellt hat und mit Zwangsräumung drohen.
Unterlegt mit einem klug selektierten Soundtrack bestehend aus Aufnahmen von Blues-Größen wie Lonnie Johnson und Bertha „Chippie“ Hill sowie Als eigenen Stücken, begleiten Tizza Covi und Rainer Frimmel ihren Hauptdarsteller Alois Koch, der im Film eine Version seiner selbst spielt, auf seinen täglichen Wegen durch ein sich unaufhaltsam veränderndes Wien. Unaufgeregt verfolgt die Kamera dabei auch ein Wiedersehen zwischen Al und Brigitte (Brigitte Meduna), einer verflossenen Romanze aus seiner Jugendzeit. Ihre Beziehung war zum Scheitern verurteilt: Sie stand auf die Beatles; er schenkte ihr eine Platte des „King of Rock ‚n‘ Roll“. Noch bevor er damals die versöhnlichen Jimi Hendrix-Konzertkarten aus der Jackentasche zaubern konnte, fuhr sie mit der nächsten Straßenbahn davon.
Es sind berührende Szenen wie die späte Aussprache des ungleichen Paares auf einer Parkbank, aus denen The Loneliest Man in Town seinen melancholischen Charme zieht. Covi und Frimmel sind auf solche Momente spezialisiert. Seit Beginn der Nullerjahre dreht das Regie-Duo hinreißende Dokumentarspielfilme, die mal in der Zirkuswelt (Babooska, La Pivellina, Mr. Universo) spielen oder wie in „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ über das Strizzi-Milieu im Ottakring der 1960er-Jahre erzählen. Kuriose Charaktere und ihre Geschichten ziehen sie an. Daraus entstehen sensible Porträts und Zeitdokumente, die irgendwo zwischen Fiktion und Wirklichkeit das Wesentliche finden. Das Menschliche, das Persönliche. Die Wärme. Den Widerspruch.
Auch hinter der Kamera sind sich die beiden nicht immer einig, das gehört bei Covi und Frimmel zum guten Ton. Harmonie und Dissonanz, Neugier und Respekt bestimmen den Takt, in dem sie sich bewegen. In diesem Rhythmus atmen und arbeiten sie im Film, für die Bühne oder im Rahmen ausgewählter Fotografie-Projekte. Ebenso behutsam und begeistert zugleich tasten sie sich dabei an ihre jeweiligen Protagonisten an, um sie aus ihren Randpositionen heraus ins Zentrum zu rücken und ihnen dabei ein Stück weit in die Seele zu blicken – wie tief bestimmen die Porträtierten, in völliger Eigenverantwortung. Das wird auch im direkten Austausch mit den Filmemachern deutlich. Man spürt die Leidenschaft, die sie in ihre Arbeit stecken. Ein wacher Blick, ein offenes Lächeln. Und ein Gespräch, das bei aller Aufrichtigkeit nie zu viel über das Geheimnis ihrer Kunst verrät.

Al Cook „The Loneliest Man in Town“ © Vento Film
Welchem Team gehören Sie an: Elvis oder die Beatles?
Tizza Covi: So eine schwere Frage gleich am Anfang.
Rainer Frimmel: Rolling Stones.
Tizza Covi: Für mich die Beatles. Ich habe ihre Musik immer sehr geliebt. Was mich an Elvis fasziniert, ist, wie vielen Menschen er Hoffnung geschenkt und damit indirekt auch das Leben gerettet hat. Er war ja nicht nur für Al Cook ein großes Idol. Im Grunde hat er für Generationen hinweg das Klischee vom amerikanischen Traum repräsentiert: Ein junger Typ kämpft sich aus der Armut bis ganz nach oben und wird zum Weltstar.
Rainer Frimmel: Also würdest du mich nicht sitzen lassen, wenn ich dir eine Elvis-Platte schenke, so wie es dem Al ergan-gen ist?
Tizza Covi: Nein, überhaupt nicht. Und mit zwei Tickets für ein Jimi-Hendrix-Konzert in der Tasche hättest du mich eh rumgekriegt.
Wen haben Sie für Ihren neuen Film zunächst kennengelernt, den Künstler Al Cook oder den Privatmenschen Alois Koch?
Tizza Covi: Wir haben Al Cook zum ersten Mal vor 20 Jahren bei einem Konzert in Wien erlebt. Seitdem sind wir immer wieder zu seinen Live-Auftritten gegangen, bevor wir ihn persönlich kennenlernen konnten. Aber verliebt haben wir uns dann in den Alois Koch, in das Schicksal dieses Wiener Kindes, eines echten lokalen Urgesteins, der den Delta Blues liebt und für diese Art von Musik lebt.
Rainer Frimmel: Wahrscheinlich aber gab es den echten Alois Koch im Grunde nur, bis seine Künstlerfigur Al Cook entstanden ist.
Tizza Covi: Oder man kann es vielleicht so sagen: In den Szenen, die wir in seiner Wohnung gedreht haben, ist er für mich immer noch der Alois Koch. Dort ist er geboren, dort will er bleiben, und dorthin zieht er sich zurück. Es ist sein Zuhause. Da ist er ganz bei sich.
Rainer Frimmel: Trotzdem lebt er auch dort in einer ganz eige-nen surrealen Welt irgendwo zwischen beiden Identitäten. Er kleidet sich wie Al Cook, spielt Gitarre, hört die alten Platten und schaut sich Super-8-Filme von früher an, in denen er als Al Cook auftritt.
Tizza Covi: Sie sehen, es ist kompliziert, nicht einmal darüber können wir uns einigen. Entscheidend ist: Wir wollten kein Porträt über Al Cook machen. Er steht stellvertretend für alle Menschen, die eine große Trauer in ihrem Leben empfunden haben, die unter Einsamkeit leiden, die Einzelkämpfer sind und die durch die Profitgier von Unternehmen ihr Zuhause und ihre Lebensgrundlage verlieren. Es sollte kein Dokumentarfilm und auch kein filmisches Porträt im klassischen Sinn werden. Wir wollen mit dem Film eine universelle Geschichte erzählen.

Al Cook „The Loneliest Man in Town“ © Vento Film
Und die Idee zum Film entstand dann wie genau?
Tizza Covi: Irgendwann haben wir Al in unser Fotostudio eingeladen, um großformatige Portraits von ihm anzufertigen. Während der Session haben wir parallel dazu erste Tonbandaufnahmen gemacht. Aber da war noch keine Rede von einem Film …
Lesen Sie das vollständige Interview in der Printausgabe des FAQ 84
THE LONELIEST MAN IN TOWN
Dokufiktion, Österreich 2026 — Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel
Drehbuch: Tizza Covi; Kamera: Rainer Frimmel; Schnitt: Tizza Covi
Mit: Alois Koch, Brigitte Meduna, Alfred Blechinger, Flurina Schneider
Verleih: Stadtkino, 86 Min.
Kinostart: Herbst 2026

