Ein letzter Akkord

„It’s Never Over, Jeff Buckley“ ist ein Film zum Verlieben, weil er viel von Zuneigung, Wärme und Bestimmung erzählt. Und von Musik, natürlich. Aber vor allem: von einem bis heute nachhallenden Ausnahmetalent.

Jeff Buckley, „It’s Never Over, Jeff Buckley“. Foto: Merri Cyr, Courtesy of Piece of Magic Entertainment

Jeff Buckley liebte Schmetterlinge. Es war jedoch nicht in erster Linie ihr Äußeres, das ihn faszinierte. Nicht ihre schillernden Flügel, ihre zarte Gestalt. Buckley suchte ihre Nähe, um Ruhe zu finden. Ihre Gegenwart übte eine heilende Wirkung auf den Musiker aus. Als er nach den Strapazen seiner ersten und einzigen Tournee im Frühjahr 1997 in Memphis Halt machte, um wieder zu Kräften zu kommen und neue Inspiration für sein zweites Album zu schöpfen, besuchte Buckley dort regelmäßig den tropischen Wintergarten im Zoo. Nur das Verhalten der Tierpfleger machte ihm zunehmend Sorgen. Die Puppen der Schmetterlinge, beschwerte er sich später bei seinen Freunden, würden nicht behutsam genug behandelt werden. Er könne den sorglosen Umgang des Personals mit den wertvollen Geschöpfen nicht verstehen.

Ähnliches ließe sich über die Bosse der Plattenfirma Columbia Records behaupten, die Buckley 1992 unter Vertrag nahmen, in dem Glauben, einen neuen Aufsteiger und Überflieger entdeckt zu haben. Aber auch sie wussten mit der zerbrechlichen Seele des jungen Singer-Songwriters nicht angemessen umzugehen. Es war ein Pakt mit dem Teufel, der Buckley zu mehreren Alben verpflichtete, obwohl er gefühlt seine ganze Existenz und alle ihm zur Verfügung stehenden Emotionen bereits in sein erstes Werk „Grace“ gesteckt hatte – was seine Fans und Kritiker verstanden. Sie hörten den Schmerz, die Zweifel, den Charme, die ganze gottverdammte Wahrheit, auch die Wut und den Humor. Doch es half alles nichts: Kommerziell war die Platte, die postum weltweit Platinstatus erreichen sollte, zu Buckleys Lebzeiten ein desaströser Misserfolg.

„It’s Never Over, Jeff Buckley“, Courtesy of Piece of Magic Entertainment

Vielleicht ist es umso bezeichnender, dass in den ersten Minuten von Amy Bergs Dokumentarfilm It’s Never Over, Jeff Buckley zunächst nur Frauenstimmen zu Wort kommen. Fast alle haben Tränen in den Augen, wenn sie über den US-Sänger sprechen, der am 29. Mai 1997 im Alter von nur 30 Jahren bei einem Badeunfall ums Leben kam. Buckley berührt angeblich bis heute die weiblichen Gemüter am intensivsten. Berg selbst formulierte es in einem Interview mit dem New Yorker so: „In den 1990er Jahren habe ich mir jede Band angesehen, die ich konnte. Ich war total begeistert von Grunge und Punk. Dann hörte ich zum ersten Mal ,Grace‘ und dachte: Oh mein Gott, es ist okay, wieder ein Mädchen zu sein. Alles andere war so sehr auf Männer ausgerichtet.“ Im Film drückt die amerikanische Sängerin Joan Wasser, die mit Buckley einige Zeit liiert war, es etwas allgemeiner aus: „Er hörte alles über sich in der Musik.“ Man versteht ihren Kommentar erst richtig, als seine Mutter Mary Guibert zum ersten Mal zu Wort kommt und mit leise bebender Stimme sagt: „Niemand hat mich je mehr oder besser geliebt als er.“

Jeff Buckley mit Mary Guibert, „It’s Never Over, Jeff Buckley“. Courtesy of Piece of Magic Entertainment

Buckleys Mutter war in vielerlei Hinsicht die wichtigste Frau in seinem Leben. Am 17. November 1966 in Kalifornien geboren, wuchs er als sensibler Junge mit einem frühen Ohr für gute Musik behütet bei der damals noch minderjährigen Mary auf, die als ältestes Kind von Einwanderereltern in ihrer Kindheit selbst viel häusliche Gewalt und Erwartungsdruck erfahren hatte. Sein Vater Tim Buckley verließ seine Freundin noch vor der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes, um seine Karriere als Folk-Musiker voranzutreiben – mit einigem Erfolg.

„It’s Never Over, Jeff Buckley“, Courtesy of Piece of Magic Entertainment

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet ein unliebsamer Auftritt bei der Trauerfeier seines Vaters 1975 Buckleys eigenen Werdegang ins Rollen brachte; er war ein begnadeter Sänger, „der Beste“, glaubt Aimee Mann bis heute. Auch sie hatte eine Zeit lang ein engeres Verhältnis zu Buckley, aber keine Romanze, wie sie im Film ausdrücklich betont. Wie viele der Befragten hebt sie neben seiner fragilen Persönlichkeit insbesondere die Freiheit in Buckleys Gesang hervor: Was ihn einzigartig machte, war eine von Nina Simone und Judy Garland inspirierte Stimmlage. Berg und Buckley selbst korrigieren diese Einschätzung: Für ihn sei der pakistanische Sänger, Komponist und Multiinstrumentalist Ustad Nusrat Fateh Ali Khan das größte Vorbild gewesen. „Er war mein Elvis“, sagt Buckley auf einer der gezielt ausgewählten Originaltonbandaufnahmen, die Berg in ihre filmische Hommage integriert hat. Auch die erste Berührung mit der Musik von Led Zeppelin sei für den jungen Buckley ein Schlüsselerlebnis gewesen, das ihn für immer prägte. Berg nutzt im Film an dieser wie an anderen Stellen immer wieder nervöse, erratische Animationen, die Buckleys Leidenschaft für die Musik ebenso wie seine manische und manchmal selbstzerstörerische Denkweise simulieren sollen …

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IT’S NEVER OVER, JEFF BUCKLEY
Dokumentarfilm, USA 2025 — Regie: Amy Berg
Kamera: Alex Takats, Curren Sheldon, Wolfgang Held, Jenna Rosher
Schnitt: Brian A. Kates, Stacy Goldate; Musik: Jeff Buckley
Verleih: Piece of Magic, 107 Minuten
Kinostart: 9. April

 

| FAQ 84 | | Text: Pamela Jahn
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