FAQ — Music

Patrick Wolf — Robert Forster — These New Puritans — Wiesinger — Der Nino aus Wien — Pulp

Foto: These New Puritans © Jeremy Young

In den letzten zehn Jahren kämpfte Patrick Wolf mit vielen Abgründen, die das Leben zu bieten hat: Trauer, Sucht, Bankrott und der daraus resultierenden kreativen Blockade. Der Songwriter, dem immer das Prädikat Art-Pop umgehängt wird, zog sich nach Ramsgate an die englische Küste zurück und fand seine Gesundheit und seine Muse wieder. Crying The Neck ist das erste von vier geplanten Alben zum Thema Trauer und deren Überwindung. Was nun anstrengend klingt, setzt der Anfangsvierziger wie ein Könner um. Das Konzept steht nicht im Mittelpunkt, sondern die Songs stehen für sich und sind natürlich immer nahe der Ballade gebaut. Dass aus einem grausam dystopischen Befund des Zustands der Heimat auch ein poetischer Song voller Kraft werden kann, zeigt The Last Of England – und diese Stärke zieht sich durch das ganze Album. Ein weiterer Höhepunkt ist das Liebeslied an eine Sterbende On Your Side, das in seiner absoluten Klarheit und Schönheit selten geschrieben wurde und allein schon ein Meisterwerk darstellt.

Patrick Wolf „Crying The Neck“ (Apport)

Auf einige Meisterwerke kann Robert Forster in seiner langen Karriere definitiv zurückblicken. Er ist der Elder Statesman des Songwritings jener Generation, die den Aufstieg der Pixies erlebt hat – und auch wenn es immer ein Rätsel bleiben wird, warum die Go-Betweens nicht den Status von R.E.M. erreicht haben: Die absolute Größe der Songs von Grant McLennan und Forster ist unbestritten. Nach der Gesundung seiner Frau Karin Bäumler nahm er sich für Strawberries vor, die Angst hinter sich zu lassen und auch Songs zu schreiben, die nicht unbedingt autobiografisch sind und vor allem Optimismus verströmen. Nachdem er ein Jahr fast nichts zu Papier brachte, begannen die Songs an zu fließen. Um der Muse zu folgen, nahm er sie möglichst schnell in Stockholm mit Musikern auf, die schon lange darauf warteten, mit ihm zu arbeiten. Das Ergebnis ist erstaunlich: Forster, der ewig zurückhaltende, subtile Exzentriker, wird auf seine alten Tage locker und schafft ohne große Umwege eine Liebeserklärung an das Leben – und vor allem an das Leben mit seiner Frau. Egal, ob mit einem Glamrock-Riff oder fast immer zielsicher eingesetzten Bläsern, schreibt er sich selbst ins Licht und macht den Fans ein Geschenk, an das sie kaum mehr geglaubt haben.

Robert Forster „Strawberries“ (Tapete Records)

Etwas weiter weg vom klassischen Songwriting operierten immer schon These New Puritans, die sich stets als Soundforscher verstanden. Nach sechs Jahren Pause legen die Zwillinge Jack und George Barnett aus Essex nun Crooked Wig vor, dessen Ursprung ein Glockenschlag einer kleinen griechisch-orthodoxen Kirche ist. Diese Sounds fanden dann mit der Orgel auch Eingang in das wunderschön meditative Stück I’m Already Here. Für die Idee, die Liebe zwischen zwei Baukränen in einen Song zu verpacken, gebührt ihnen ein Innovationspreis. Dass der Song als zartes Duett mit Caroline Polachek dann auch noch funktioniert, ist fast schon ein kleines Wunder – so wie dieses Album, das an jeder Ecke ruhige Überraschungen bietet.

These New Puritans „Crooked Wig“ (Domino)

Damit wären wir bei der Komponistin und Bassistin Beate Wiesinger und ihrer Band Echoboomer. „The Shape Of Things That Never Came“ ist das dritte Album des Septetts, das keine Grenzen kennt oder zumindest die Grenzen des Jazz in alle Richtungen ausdehnt. Die Kompositionen von Wiesinger haben alle die Länge von Popsongs und dadurch werden die unaufhörlich sprudelnden Ideen komprimiert, was eine reine Freude ist. Elemente aus Genres wie der Minimal Music oder sogar dem Progrock werden integriert, aber der Zuhörer weiß nie, wie es weitergeht. Überraschung folgt auf Überraschung, Idee folgt auf Idee und Groove folgt auf Groove. War der Vorgänger „Timeless Warrior“ schon eine Schatzkiste an Ideen, so setzt die Band (u.a. mit Clemens Sainitzer am Cello) hier den Weg der radikal eigenständigen Instrumentalmusik triumphal fort.

Beate Wiesinger „The Shape Of Things That Never Came“ (Jazzwerkstatt)

Bleiben wir bei Überraschungen: Der Nino aus Wien veröffentlicht normalerweise nach dem Sommer ein neues Album, und im Oktober gibt es dann das ausverkaufte Präsentationskonzert in der Halle der Wiener Arena. Auf diesen Rhythmus konnte man sich verlassen – er war kein unwichtiger Orientierungspunkt im Jahreskreis. Bis jetzt. Denn schon vor dem Sommer legt er nun die „Wilde Zeiten EP“ vor, und diese wird schon am 5. September in der Open-Air-Arena vorgestellt. Eine EP beim bekannten Vielschreiber Nino? Auch hier geht es um die Verdichtung, denn die vier Songs stechen aus dem kaum mehr überschaubaren Werk sofort hervor. Er verschränkt sein neues Leben, das die Nüchternheit schätzt, mit seinen großen Songwritingstärken: dem autobiografisch gefärbten Storysong und der Beobachtung fremder Leben aus der Umgebung, die er in eine Strophe komprimiert. „Du wilde Zeit“ ist ein Rückblick auf sein Leben und seine Krisen und gleichzeitig eine Hymne – aber auch ein Abschied von der Vergangenheit. Sonnenklar wird er dann in „Die Sucht (is a Hund)“, einem Panorama von vier Leben, das die Kraft der Sucht der Schwäche von uns allen gegenüberstellt. Und das mit einer Poesie, die den Song zum sofortigen Klassiker der Moderne macht – und Georg Danzer jubeln lässt. Wanda-Gitarrist Manuel Poppe hat die vier Songs mit einem Hauch mehr Mut zur Melodramatik als gewohnt produziert. Es ist kein Zufall, dass der letzte Song „Draussen“ eine Aufforderung ist, die Schönheit der Welt zu erkennen und die eigene Burg zu verlassen.

Der Nino aus Wien „Wilde Zeiten EP“ (Medienmanufaktur)

Genossen haben Pulp hoffentlich auch ihren Ruhestand, denn der ist jetzt zumindest unterbrochen. Nach einer mehr als erfolgreichen Tour vor zwei Jahren konnte sich Jarvis Cocker nicht von der Idee trennen, neue Songs mit der Band zu schreiben. Das Ergebnis ist „More“. Nun sind Comeback-Alben 30 Jahre nach den größten Hits „Common People“ und „Disco 2000“ immer ein Problem, denn die Gefahr eines billigen Abklatsches der alten Glorie ist natürlich ebenso gegeben wie das Verwursten alter Songideen, um eine Entschuldigung zu haben, auf Tour zu gehen und die Rentenkasse aufzufüllen. Aber Pulp umschiffen alle Hürden: Die Songs strotzen nur so vor Kraft, und Cocker ist im Vollbesitz seiner Stimme – immer noch der zerknitterte Lehrer, der mit Pulp riesige Massen in seinen Bann ziehen kann. Egal, ob jetzt der verflossenen Liebe „Tina“ nachgeschmachtet wird oder im letzten Song mit Chor dem Sonnenuntergang gehuldigt wird: Die Magie der wohl eigenartigsten Britpopper blitzt nicht nur ab und zu auf, sondern ist auf „More“ überall zu spüren.

Pulp „More“ (Rough Trade)

 

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